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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:12

    Séraphine

    17.12.2009

    Das solipsistische Genie mit dem Scheuerlappen

    Séraphine Luis gilt in der Malereigeschichte manchen Historikern als die „größte naive Malerin der Welt”. Der französische Autor und Regisseur Martin Provost hat für seine biografische Phantasie über Séraphine 7 Césars gewonnen. Der meistdekorierte französische Film von 2008 kommt am 17. Dezember in deutschen Kinos. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Mit einer Laterne, also nachts, steht eine korpulente, in groben Tüchern gewickelte Frau in einem Bach, an dessen Rand sie mit groben Händen im Wasser hantiert. Sucht sie - wie ich von früher gehört habe - nach Flusskrebsen? Es bleibt ein Geheimnis.

    Mit dieser Einstellung beginnt Martin Provost seinen zweistündigen Film namens Séraphine. Es ist das Porträt der französischen Malerin Séraphine Louis (1864/1942), einer bäuerlichen Putzfrau, der ab ihrem 39. Lebensjahr ihr Schutzengel und die Jungfrau Maria immer wieder gesagt haben, sie solle malen, was sie dann - erst in kleinen Formaten, später monumental und mit von ihr autodidaktisch aus Naturstoffen hergestellten Farben - auch getan hat: im Verborgenen, nach ihrer schlecht entlohnten Arbeit. Heute gilt sie mit ihren seriellen Blumen- und immer phantastischer ausufernden Baumbildern neben dem etwas älteren Zöllner Henri Rousseau als „größte naiver Malerin der Welt” (Anatole Jakovsky).

    Der Romancier und Filmregisseur Martin Provost, hat von seinem dritten Spielfilm Séraphine gesagt, es sei ein „bescheidener” Film. Gemeint ist damit nicht so sehr seine „Zurückhaltung” bei den Kostümen, der Ausstattung und den filmischen Mitteln, die alle Effekte vermeiden für die Darstellung einer „Verrückten”, die ihre letzten 10 Lebensjahre in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat.

    Denn bei der Farbgestaltung seines historischen Lebensporträts war Provost durchaus anspruchsvoll: „warme Farben” sind aus der Heraufrufung von Séraphines ärmlicher Existenz in provinzieller Enge, Armut und Einsamkeit verbannt; sie leuchten umso triumphaler einzig auf ihren Bildern in Provosts Film. „Bescheiden” meint vielmehr die Diskretion, den Respekt und die Sympathie, mit der Provost sich als demütiger Diener seiner seltsamen „Heiligen” widmet - ohne doch auch nur für Augenblicke sentimental oder süßlich zu werden. Man sieht & fühlt sich an Alain Cavaliers fröhliche Heilige Thérèse (1986) erinnert, mit der Provosts Film die Lakonie des Titel gebenden Vornamen teilt, wenn auch gegenüber dieser filmischen Imagination der ihrem Tod leichtgewichtig entgegen fiebernden „Thérèse von Lisieux” Provosts gottgefällig malende Séraphine sehr körperschwer und rustikal wirkt, vor allem aber nahezu sprachlos. Über weite Strecken gleicht Séraphine einem Stummfilm.

    Rätsel, die sich lösen

    Der Film wird getragen von der überwältigend eindrucksvollen Präsenz der großen belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, die für ihre Darstellung einen der sieben Césars erhielt, welche Séraphine 2008 zum meistdekorierten französischen Film machten. Provost hat es so eingerichtet, dass er gewissermaßen nur als Chronist und Dokumentarist die resolute, eigenbrötlerische, somnambule Séraphine, in die sich Yolande Moreau verwandelt hat, bei ihrer rätselhaften Arbeit und ihren lange Zeit nicht erklärlichen Sammlereien von Blättern, Blumen, Blut und Talg oder bei ihren Kirchenbesuchen und ihren einsamen Wanderungen zu Bäumen in der hügeligen Landschaft begleitet, wo sie im Anblick der Natur glücklich zu sein scheint.

    Es ist eine derbe, erdige Frau in groben Kleidern und Tüchern, die zum Erschrecken des deutschen Kunstsammlers Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur) plötzlich in der kleinen Wohnung herumwuselt, die er 1914 in der Kleinstadt Senlis gemietet hatte, um über seine Entdeckung Picassos und Henri Rousseaus, fern vom „nervösen Paris“, in Ruhe zu schreiben. Gerade erst hatte er sich von Anne Marie (Anne Bennent), die nach Paris zurückkehrt, verabschiedet - und jetzt steht dieses geschäftig putzende Trampel in seinen stillen Räumen! Seine Vermieterin hatte Séraphine als Putzfrau dem deutschen Junggesellen ins Haus geschickt; widerwillig akzeptiert er die stumme Dienerin fortan in seinem Refugium.

    Als Zuschauer wissen wir nichts von dem, was die beiden verbinden wird, die der Zufall in der französischen Provinz zusammengeführt hat: weder wissen wir, dass das Trampel, das in der Kathedrale zur Jungfrau Maria betet, in ihrem Verschlag malt, noch dass Uhde seine Schwester und nicht seine Geliebte verabschiedet hat. Provosts Diskretion arbeitet mit Verschwiegenem und macht die Zuschauer zu Entdeckern.

    Erst als Uhdes umherschweifender Blick bei einem ihn langweilenden Abendessen, zu dem ihn die Provinzbourgeoisie eingeladen hatte, auf ein seltsames Blumenbild fällt und er auf Nachfrage erfährt, dass es von seiner Putzfrau stammt, wird seine Neugier geweckt, und er spricht Séraphine daraufhin an. Sie kann gar nicht glauben, dass der fremde Herr sich ernsthaft für ihre Obsession interessiert, die in der Kleinstadt belächelt wird; aber als sie ihm dann ihr bis dahin klandestin entstandenes Werk zeigt, gehen dem Kunstsammler und Protegé der Modernen Malerei die Augen über: er hat, nach Henri Rousseau, ein weiteres Genie der „Art brut” entdeckt, das er von nun an mit seinem Zuspruch und Enthusiasmus motiviert.

    Nicht lange jedoch; denn der Chauvinismus des nahenden Ersten Weltkriegs zwingt ihn, als „Boche” schon beschimpft, zur überstürzten Flucht. Was mit Séraphine geschieht? Nichts.

    Mehr als ein Jahrzehnt später, 1927, ist Uhde in die Nähe von Senlis zurückgekehrt: in Begleitung seiner Schwester Anne Marie und eines kränkelnden malenden Liebhabers (denn Uhde ist schwul). Offenbar hatte er seine frühere malerische Entdeckung vollständig vergessen; denn erst eine Ausstellung in Senlis, wo er erneut auf die von der Provinzgesellschaft belächelten Gemälde Séraphines trifft, motiviert ihn erneut, die längst tot Geglaubte aufzusuchen. Fasziniert von ihrem Oeuvre, kauft (& verkauft) der deutsche Kunstsammler ihre Bilder und unterstützt das ihm zur Reife gelangte malerische Genie der Autodidaktin erneut durch Leinwände und Farben.

    Aber die Wirtschaftskrise von 1929 zwingt den Kunsthändler, eine schon projektierte Pariser Ausstellung mit den neuen Gemälden der produktiven Séraphine abzusagen, was die durch Uhde reich gewordene und von ihren „Stimmen” auf öffentliche Anerkennung „programmierte” Gottgefällige in panische Verzweiflung stürzt. Sie hatte sich ein teures Brautkleid schneidern lassen (um, wie ihr ihre Stimmen sagen, die Kirche zu heiraten), mit dem die grotesk kostümierte Braut - die nun von allen guten Geistern, nämlich ihrem Förderer Uhde, verlassene Séraphine - durch das enge Straßengeviert von Senlis irrt, bis sie, von höhnenden Kindern verfolgt und von erschrockenen Bürgern alarmierte Polizisten sie kassieren und in eine psychiatrische Klinik verfrachten. Sie ist nun endgültig aus der Welt gefallen. Als Uhde später die auf ein Bett Gefesselte besucht und die Ärzte ihm raten, sie nicht an ihr Vorleben durch seine Erscheinung zu erinnern, verlässt er sie erschüttert, sorgt aber dafür, dass sie das schönste Zimmer mit Blick auf Wiesen und Bäume erhält.

    Bleibende Rätsel einer Biografie und Beziehung

    Wenn Séraphine mit Hut, Schal und Regenschirm durch die hügelige Landschaft stapft oder man sie bei ihren täglichen Putzverrichtungen sieht, wenn sie schnaufend die Dielen wischt: immer ist sie körperlich so präsent und beherrschend wie rätselhaft, besessen, zielstrebig, solitär. Nur einmal sehen wir, was sie hinter ihrer verschlossenen Tür treibt, beim Malen. Was aber in ihrem Inneren vorgeht, bleibt uns Dank der Diskretion ihres filmischen Schöpfers verschlossen. Auch ihre menschenleeren Blumen- & Baumbilder geben nichts davon preis. Einzig sehr spät kommentiert Uhde eines ihrer kompakten Gemälde serieller Motive als Ahnung einer Katastrophe - als habe die in sich selbst Vergrabene visionäre Antennen für die Zeichen der Zeit zwischen den Kriegen. Aber das ist fast schon zuviel an Interpretation.

    So dominant Yolande Moreaus “Séraphine” in Martin Provosts ihrer Person zugeneigtem Film in Erscheinung tritt, so notwendig ist doch das Widerspiel von Ulrich Tukurs Porträt Wilhelm Uhdes, das der deutsche Schauspieler mit sparsamen Mitteln entfaltet. Auch der Kunsthändler Uhde ist ja - als Deutscher in Frankreich und als Homosexueller, der seine Disposition nicht auslebt - ein Außenseiter und widersprüchlicher Charakter, wie die von ihm Bewunderte.

    Es bleibt biografisch rätselhaft, warum Uhde - als er nach dem Krieg zurückkehrte und nur 10 km von Séraphines Wohnort entfernt lebte - sie nicht spontan aufgesucht hat. Fühlte er sich von ihrer Zuneigung bedrängt (wie an einer Stelle angedeutet wird), hatte er gar mittlerweile Zweifel an seiner früheren Entdeckung bekommen oder sie gar verdrängt? Und als er sie wiederentdeckt, gefördert und vermarktet hatte, lässt er sie (erneut) fallen, als ihre Bilder temporär nicht mehr verkäuflich scheinen.
    Kein zugetaner Mäzen also - sondern nur ein Kunstspekulant? Nun, das gewiss nicht; aber auch ein Feigling, der einen Menschen in seiner psychischen Not allein ließ, aber deshalb Schuldgefühle hat?

    Es gehört zur künstlerischen Intensität von Martin Provost erzählerisch packender Phantasie über “Séraphine” und ihren zweimaligen Entdecker Wilhelm (Uhde), dass der außerordentlich schöne Film offen bleibt für das Rätsel einer künstlerischen Obsession und für die emotionale Beziehung zweier in sich verschlossenen Menschen, die der Zufall zueinander führte.

     

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