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Samstag, 25. März 2017 | 20:40

This is Love

19.11.2009

,,Abends ist wieder schön"

„Does it have to be a life full of dread?“, fragt die Sängerin PJ Harvey in ihrem Lied „This is Love“, und bei ihr wie bei Matthias Glasner, der einen Film gleichen Titels gedreht hat, ist die Frage wohl rhetorisch gemeint. Schatten ist vom Licht nicht nur untrennbar, die beiden bedingen sich immer auch gegenseitig. DANIEL BICKERMANN

 

Glasner hat seine Nische als moralisch radikalster deutscher Filmemacher gefunden. Als die Filmnation das unselige Genre der Hartz-IV-Schmalzette entdeckte und kräftig darin herumschmierte, holte er mit seinem Gesellschaftshorrorfilm Der freie Wille den ganz großen Hammer heraus und zeigte anhand dieser schonungslosen Charaktertragödie eines Vergewaltigers, wie soziales Elend tatsächlich aussieht. Auch This is Love wagt sich in Untiefen vor, die kaum ein deutscher Film bisher auszuloten wagte. Thematisch verdient sich der Regisseur damit und durch seine immer weiteren Steigerungen einer schon anfangs unerträglich scheinenden Situation den Vergleich mit großen europäischen Katharsiskünstlern: Glasner entpuppt sich mit This is Love als neuer Lars von Trier, wenn nicht gar als neuer Michael Haneke.





Moralisch war Glasner schon immer der Kierkegaard unter den Filmemachern: Ein geradezu religiöser Eifer lässt seine Figuren allesamt in ihren eigentlich wohlmeinenden Gefühlen, in diesem Fall der Liebe, spektakulär scheitern. Der gute Wille genügt nicht, im Gegenteil, er führt die Menschen bei ausreichender Selbstblindheit erst in Situationen, in denen sie Leid erzeugen. So darf der Filmtitel denn auch mal wieder als größtmögliche Provokation verstanden werden. Denn in This is Love geht es natürlich genauso wenig um Liebe, wie Der freie Wille einen Fall von Entscheidungsfreiheit präsentiert. Glasner schafft die Definition ex negativo, präsentiert die finstere Kehrseite der Moral: Was die Figuren hier so trotzig für Liebe halten (zum weggelaufenen Ehemann, zum schutzbedürftigen Kind), hat sich längst in Selbstmitleid, Obsession und Vernichtung pervertiert. Die Liebe ist hier das Trümmerfeld, das den Film eröffnet, sie ist die Krankheit zum Tode. Was Woody Allen in Die letzte Nacht des Boris Gruschenko einmal phrasenreich als Zusammenhang zwischen Liebe und Leid beschrieb, ist für die meisten der Charaktere bei Glasner keine Parodie, sondern bitterste Realität. „Abends ist schön, aber früh ist scheiße“, fasst die Alkoholikerin ihr Leben zusammen. „Aber abends ist wieder schön.“

Parforceritt durch die menschliche Seele

Soviel zu den tiefergehenden Schlussfolgerungen, die man aus der Filmlektüre ziehen kann. Dass This is Love trotz all dieser Finsternis nie defätistisch oder theoretisch wirkt, sondern zu einem virtuosen, schonungslosen und beeindruckenden Meisterwerk wird, verdankt Glasner allen anderen Gewerken, die an seinem neuen Film beteiligt sind. Neben der überzeugenden Kameraarbeit von Sonja Rom und dem brillanten Sounddesign von Björn Wiese sind das vor allem die sensationellen Schauspieler, die ihren Figuren selbst in den Momenten größter Grausamkeit noch eine zutiefst menschliche Note verleihen. Jens Albinus als verhinderter Kinderretter, der bei seinem Gutmenschentum über seine Umwelt und letztlich über sich selbst stolpert, hält sich tapfer, und der immer wieder unterschätzte Devid Striesow kann sogar richtig glänzen; aber gegen Corinna Harfouch in vollem Kampfmodus sind selbst diese beiden lediglich Stichwortgeber: Berserkerhaft gräbt sich die deutsche Filmfurie in ihre Rolle einer verlassenen, alkoholsüchtigen Kommissarin, die sie auf widersprüchliche Pfade irgendwo zwischen Grandpa Simpson und Dancer in the Dark führt – es ist ein weiterer schauspielerischer Triumph für sie, den sie mit einer atemberaubenden Dialogszene in einem regenbeprasselten Auto krönt.

Vor allem dank der meisterlichen Darsteller, die Glasners manchmal konstruiert wirkenden Plotwindungen mit schreiendem, blutigem Leben erfüllen, wird This is Love zu einem unvergesslich intensiven Parforceritt durch die emotionalen Höhen und Tiefen der menschlichen Seele.

Daniel Bickermann

 

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