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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:12

    Wendy and Lucy

    22.10.2009

    Alles außer Tiernahrung

    Keine Adresse ohne vorherige Adresse, keinen Job ohne vorherigen Job … Trotz aller sozialer Verzweiflung ist Wendy und Lucy kein nüchterner oder gar kalter Film. Seine Solidarität mit der Heldin ist so subtil wie diejenige, die Wendy im Film erfährt. Von THOMAS WARNECKE

     

    John Wayne wäre heute Flaschensammler. In gewisser Weise war er das ja zu Lebzeiten auch, aber heute ginge es ihm ausschließlich ums Pfand. Und was er sich für Sätze anhören müsste: Wer kein Hundefutter kaufen kann, sollte auch keinen Hund halten. Sie können hier nicht schlafen. Wir haben unsere Regeln hier. Wendy (Michelle Williams) und ihr Hund Lucy streunen nicht durchs Monument Valley, sondern durchs grüne Oregon, der Blick der Kamera sucht nicht nach dem Horizont, sondern stößt immer wieder an Grenzen, Zäune, Hauswände, klebt am Asphalt.

    Häufiger noch als optisch signalisieren akustisch vorbeifahrende Züge einen möglichen verbliebenen Ausweg (die Buchvorlage heißt „Train Choir“). Nur raus hier. Alaska heißt das Ziel, wie zu Goldrauschzeiten. Wendys Erspartes muss bis dahin reichen, deshalb klaut sie und sammelt Pfand. Wie man das richtig macht, zeigt ihr der Besitzer der Werkstatt, die ihr Auto reparieren soll: 2.000 „bucks“ würde es kosten, aber für 30 würde er den Wagen dabehalten und sich um die Entsorgung kümmern.

    Lucy hieß schon eine der beiden Nichten, die John Wayne in The Searchers wiederfinden musste, und die Suche nach Lucy steht auch im Mittelpunkt dieses Films. Kelly Reichardt inszeniert Michelle Williams als modernen loner, und das Soziale, der Stand der Dinge, kommt ebenso beiläufig wie unmissverständlich in den Film wie Sam Levys Kamera die abrissreifen Häuser und Fabriken ins Bild geraten, die irgendjemand auf Oregons Wiesen liegengelassen hat. Es geht noch ein Bus, es gibt noch ein Tierheim, doch den in den meisten gegenwärtigen Mainstreamfilmen als funktionierend suggerierten zivilisierten Hintergrund ergibt das alles nicht mehr. Es scheinen mehr Aussteiger zwischen den Bahngleisen zu leben als Menschen in den Häusern am Rande Portlands. Langsam und ungerührt zeichnet die Kamera auf, wie Wendy immer mehr in die Klemme gerät, in langen Einstellungen, die nicht unterschnitten werden. Auf eine sich mit der Heldin identifizierende Handkamera wurde verzichtet, nur im traurigsten Moment des Films, als Wendy Lucy zurücklassen muss, wird sie vom Stativ genommen.

    Wendy und Lucy ist kein nüchterner oder gar kalter Film. Seine Solidarität mit der Heldin ist so subtil wie diejenige, die Wendy im Film erfährt: ein Handy, das ihr für ein Telefonat geliehen wird, ein paar zugesteckte Geldscheine. Es gibt Momente der Nähe, die nur noch in geschlossenen Räumen möglich scheint, in die Wendy jedoch nur unfreiwillig (Knast) oder für kurze Zeit (öffentliches WC) gelangt. Mit dem Auto verliert sie ihre letzte Behausung. Keine Adresse, kein Job und umgekehrt, und mehr noch: keine Adresse ohne vorherige Adresse, keinen Job ohne vorherigen Job, das ist Inhalt eines kurzen Dialogs zwischen Wendy und dem Wachmann, von Walter Dalton als ebenso monumentales wie überflüssiges Denkmal großartig verkörpert: „All is fixed.“

    Vom Western und vielleicht von Jim Jarmusch hat der Film die Lakonie übernommen, wirkt eher phlegmatisch als melancholisch und findet am Ende doch noch einen Rest Hoffnung: Wendy nimmt das Gefährt aller Nachzügler und Zuspätkommenden im Westen und springt auf einen nordwärts rollenden Güterwaggon.

     

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