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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:40

    Shotgun Stories

    08.10.2009

    Das Leben hier und jetzt

    Jeff Nichols geht es nicht allein um die Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit von Rache. Die weite Landschaft Arkansas’ bleibt inmitten der Handlung allgegenwärtig. Von TINA HEDWIG KAISER

     

    Drei Brüder im tiefsten Arkansas: Arbeiten und Herumlungern zwischen Baumwollfeldern, Fischteichen und Landstraßen. Son Hayes, der Älteste, hat dabei das schwere Los zu tragen, sich schon immer für die beiden anderen, Kid und Boy Hayes, verantwortlich zu fühlen. Einen Vater hatten sie nie wirklich, und die Mutter gab sich mehr ihrem Hass hin, als dass sie den Söhnen zeigen konnte, was Liebe ist. Ein Hass, der nun wie in einer griechischen Tragödie in die weiten Räume des sommerlichen Arkansas hineinwuchert. Denn der Vater hatte nach seinen Alkoholikertagen einen radikalen Bruch vollzogen. Er gab nicht nur das Trinken auf und wurde zum Christen, sondern gründete auch eine neue Familie. Diese Familie lebt nur ein paar Meilen entfernt. Und hier gibt es noch einmal vier Söhne.

    Die drei Hayes-Brüder hätten wirklich besseres zu tun als eine Fehde mit den anderen Jungs anzufangen. Sie haben ihr eigenes Leben und sind sich die eigene Familie geworden. Son und Kid arbeiten auf einer Fischfarm, und Boy, der mittlere, trainiert mit Jugendlichen Basketball. Er drückt sich vor jeder Schlägerei, solange es nur geht. Doch genau er wird derjenige sein, der alles zu einem Ende bringt. Es beginnt also nicht wirklich damit, dass der alte Herr stirbt. Doch Son tut, was er tun muss, und geht zur Beerdigung, um den Pfarrer bei seiner Lobpreisung zu unterbrechen. Er erzählt über den unbekannten toten Mann aus seiner Perspektive. Und spuckt auf den Sarg.

    Die weite Landschaft bleibt inmitten der aufgewühlten Handlung allgegenwärtig. Dieser Raum und die in ihm geprägten sozialen Bedingungen des amerikanischen Hinterlands handelt genauso an den Brüdern wie diese an ihm. Unabhängig und still stehen die Bilder da: Witterungsverhältnisse in den Totalen des Horizonts, genauso wie Großaufnahmen des reduziert und dadurch umso eindringlicher spielenden Michael Shannon. Jeff Nichols geht es dabei nicht allein um die sich entspinnende Fehde und die Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit von Rache. Er zeigt ebenso viele lange Einstellungen von Leben und Arbeit in dieser Landschaft, die inmitten und jenseits der Geschichte für den Film wichtig sind: Ein konzentriertes Schauen wird dabei spürbar – stille Gesten eines einfachen und glücklichen Anwesendseins, und Töne des Himmels und des Grases kommen zusammen. Vieles erinnert an den frühen Terrence Malick. Die Bilder werden hier zu Zuständen des Sehens, entziehen sich der eigenen Handlungszusammenhänge und erst recht jeglicher psychologisierender Erklärung. Sie können von der Narration gelöst betrachtet werden und bilden sie so erst neu. So neu, dass auch die Brüder einsehen werden, dass es Wichtigeres und Schöneres für sie gibt: ihr Leben hier und jetzt.

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