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Inglourious Basterds

20.08.2009

Großes Theater

Provokant, theatralisch, unkonventionell – Tarantino versetzt die Zuschauer ins Staunen. Doch Inglourious Basterds würde nicht so fantastisch aufgehen, wenn Tarantino nicht wieder solche herausragenden Dialoge geschrieben hätte. Von OLIVER BAUMGARTEN

 

Bereits 1994 hat sich Quentin Tarantino mit dem Drehbuch zu Pulp Fiction unsterblich gemacht. Seine Befreiung von wichtigen Elementen der klassischen Filmdramaturgie, der Abgesang der Hollywood-Drei-Akt-Struktur sowie seine Fähigkeit, minutenlange Dialoge, die für die Handlung komplett unerheblich sind, so spannend zu schreiben, dass es der brutalen Actionsequenzen dazwischen für den Thrill fast nicht bedurft hat, all das war nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Kreativen eine Wohltat und kann als Durchbruch für das „New Hollywood“ der 1990er gelten. Eine dramaturgisch derart ausgefeilte und zugespitzte Arbeit ist Tarantino danach nur mehr bei Jackie Brown gelungen, dort allerdings präsentierte sich diese Geschlossenheit weniger augenscheinlich, weshalb der Film in Tarantinos ¼uvre oft etwas untergeht.

Inglourious Basterds endlich zeugt wieder von dieser Lust Tarantinos, am klassischen Filmaufbau soweit herumzuschrauben, dass der Film den Sehgewohnheiten nicht völlig zuwiderläuft, aber doch ungewöhnlich genug erscheint, um als Zuschauer aus dem Staunen nicht herauszukommen. So ordnet Tarantino seinen neuen Film nicht in drei, sondern in fünf Akte und wählt damit ganz unbescheiden das Schema klassischer Dramen und Opern. Die fünf in den Einblendungen „Kapitel“ benannten Abschnitte, in die sich Inglourious Basterds also strukturiert, entsprechen jeweils einzelnen „Bildern“ im Theater, denn jedes Kapitel spielt im Grunde an einem Schauplatz. Das Schwarzbild am Ende jeder Szene, das ein neues Kapitel ankündigt, erinnert an die Umbaupause im Theater, in der die Zuschauer für einen Moment aus der Illusion entlassen werden und sich durch enthemmtes Husten, raunendes Flüstern oder das Finden einer neuen Sitzhaltung ihrer Rezeptionshaltung bewusst werden, bevor sich der Vorhang zum neuen Kapitel wieder öffnet.

Nun ist Inglourious Basterds alles andere als verfilmtes Theater, und dennoch erinnern auch die Szeneninhalte an Bühnengepflogenheiten wie beispielsweise eine gewisse Statik der Inszenierung. Kapitel eins etwa spielt fast komplett um einen Tisch herum, an dem zwei Figuren sitzen und sich unterhalten. Hineingeschnitten sind zudem Bilder von unter dem Holzfußboden versteckten weiteren Figuren, die – der Panik nahe – versuchen, keinen Ton von sich zu geben. Diese im Grunde extrem statische Situation wird am Ende der Szene dann mit einem herben Gewaltausbruch aufgelöst. So oder ähnlich schematisch laufen alle fünf Kapitel ab. Inglourious Basterds ist damit insofern unfilmisch, als dass eine der großen Blockbuster-Voraussetzungen des Kinos weitestgehend unerfüllt bleibt: nämlich die Bewegung im Bild und vom Bild selbst. Figuren bewegen sich nicht von A nach B, sie sind stets direkt vor Ort und in der nächsten Szene direkt wieder woanders. Ortswechsel, dynamisches Handeln und die Beweglichkeit von Figuren und Perspektiven scheinen extrem reduziert. Inglourious Basterds ist somit trotz seiner vielen und sehr blutigen Kampfszenen insgesamt ein ziemlich aktionsloser „Actionfilm“ geworden – und damit etwas wirklich Besonderes.

Dieses Konzept jedoch würde nicht so fantastisch aufgehen, wenn Tarantino nicht wieder solche herausragenden Dialoge geschrieben hätte. Gleich zu Beginn, zwei Figuren um einen Tisch; sie reden minutenlang belangloses Zeug, und doch will man nicht von ihnen lassen. Das Zusammenspiel der Dialoge, Schauspieler und der Bildgestaltung von Robert Richardson ist perfekt inszeniert. Es sei jedem ans Herz gelegt, Inglourious Basterds in der Originalfassung zu sehen, da die sprachlichen Kapriolen, die alle Darsteller schlagen, wirklich begeistern und streckenweise auch inhaltlich von Bedeutung sind. In vier Sprachen wird den ganzen Film über munter parliert, teilweise geht es minutenlang auf Deutsch oder Italienisch zur Sache. Der ohnehin hervorragende Christoph Waltz wechselt als einziger zwischen allen vier Sprachen, während etwa Brad Pitt eine grandiose Szene hat, in der seine Yankee-Figur versucht, als Italiener durchzugehen. So unbekümmert und virtuos, wie Tarantino hier in einem kommerziell ausgerichteten Film mit Sprache umgeht, das ist ohne Beispiel und für den Charakter des Films unerlässlich.

Vielleicht hat die so entfallene oder zumindest doch abgemilderte Sprachbarriere den internationalen Darstellern auch ein wenig die Hemmungen genommen, denn viele von ihnen überzeugen durch selten gesehene Qualität. Streckenweise wähnt man sich in einem deutschen TV-Film, derart viele bekannte deutsche Darsteller tauchen in Inglourious Basterds auf. Der Unterschied zu ihren Fernsehrollen allerdings ist so groß wie die Wahrscheinlichkeit klein, dass dieses Drehbuch von denselben deutschen Förderinstitutionen gefördert worden wäre, hätte es ein deutscher Regisseur eingereicht. Das hätte sich kein Gremium getraut, genauso wenig wie sich kein deutscher Regisseur getraut hätte, ein solches Drehbuch überhaupt einzureichen. Hier könnte ein weiterer Grund dafür zu finden sein, warum viele der deutschen Schauspieler so ungewöhnlich überzeugend und anders spielen als wir es von ihnen gewohnt sind: Denn wann wird August Diehl je in einem deutschen Film wieder einen SS-Offizier so karikaturhaft und schamlos böse spielen dürfen, wann Gedeon Burkhard wieder so westerncool gucken? Über den Österreicher Christoph Waltz schließlich ist dank seines Cannes-Gewinns viel geschrieben worden, dabei überrascht sein Können als Bösewicht eigentlich kaum. Immerhin hat dieses Talent international der berüchtigte Eurotrashfilmproduzent Harry Alan Towers (alias Peter Wehlbeck) an Waltz entdeckt und ihm noch vor dem 11. September 2001 in Death, Deceit & Destiny Aboard the Orient Express die Rolle der Mutter aller Bösewichte anvertraut: Osama bin-Laden. Es würde nicht verwundern, wenn Tarantino, der bekennende ‚Eurotrash-Aficionado‘, ihn darin gesehen hätte.

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