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    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:20

    Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft

    13.08.2009

    Ein Leben in Schwarzweiß

    Regisseurin Anne Fontaine scheint vor allem an Coco Chanels Autonomie interessiert, an ihrer radikalen Modernität, die vor dem Hintergrund der selbstzufriedenen Belle Epoque avantgardistisch anmutet. Von ESTHER BUSS

     

    Schwarze Kleider und weiße Hauben, schwarze Röcke und weiße Blusen. Auch wenn das Waisenkind Gabrielle zu Beginn des Films noch sehr, sehr weit entfernt ist von der ikonischen Figur und Modekönigin Coco Chanel, ist doch die Quintessenz des Chanel-Stils bereits etabliert. Das Waisenhaus als Inspirationsquelle für Fashion: Schwarz und Weiß, Reduktion, Schlichtheit und Eleganz. Es gehört zu den Qualitäten dieses an Mode doch recht uninteressierten Films, dass er Chanels modische Einflüsse ohne jeden demonstrativen Gestus mit einer geradezu beiläufigen Lässigkeit in Szene setzt: die Kutten der Nonnen, die Marinepullover der Fischer, die Kleidungsstücke ihrer Lover wie Pyjama, Anzug, Hemd und Krawatte.

    Anne Fontaines Biopic und anti-opulenter Kostümfilm erzählt von dem Abschnitt in Chanels Leben, der ihrer Karriere als Modeschöpferin voranging. Der Originaltitel Coco Avant Chanel macht darum kein großes Geheimnis, wurde jedoch vom deutschen Verleih durch den schmonzettigen Untertitel „Der Beginn einer Leidenschaft“ ausgetauscht, was nun wirklich die falschen Erwartungen weckt. Denn wer oder was sollte diese Leidenschaft denn sein? Ihre große Liebe, der Engländer Arthur Capel, genannt „Boy“, stirbt gegen Ende des Films bei einem Autounfall, und die Mode wird ausschließlich auf ein emanzipatives Projekt reduziert, eine Notwendigkeit zur Befreiung der Frau, aber wohl kaum als ein leidenschaftliches Begehren.

    Anne Fontaine scheint vor allem an Coco Chanels Autonomie interessiert, an ihrer radikalen Modernität, die vor dem Hintergrund der selbstzufriedenen Belle Epoque avantgardistisch anmutet. Denn mit ihrem rebellischen Geist und klarsichtigen Blick für die Ansprüche der Zukunft wirft sie nicht nur die modischen Konventionen der bürgerlich-aristokratischen Gesellschaft über den Haufen. Schon als sie in der tiefsten Provinz gemeinsam mit ihrer Schwester als Varietésängerin auftritt, mit „Qui qu’a vu Coco“ – ein Lied, dem sie ihren charismatischen Namen „Coco“ verdankt – propagiert sie ein alternatives Frauenbild, das sie gerne auch mal in abgebrühte Aphorismen kleidet: „Eine verliebte Frau ist zu nichts zu gebrauchen. Sie benimmt sich wie eine Hündin, total unterwürfig“. Oder: „Das einzig Interessante an der Liebe ist der Sex. Zu dumm, dass man Männer dafür braucht“.

    Allerdings braucht Coco die Männer dann vorwiegend für ihre ökonomischen Interessen. Mit den Krediten ihrer Liebhaber eröffnete sie zunächst ihr Hutatelier in Paris und später ihr erstes Modehaus. Ihr Geliebter Etienne Balsan, ein reicher und etwas derber Schlossbesitzer, hatte sie zuvor in die Gesellschaft der Lebemänner und Kurtisanen eingeführt. Im Film nimmt dieses Kapitel den größten Raum ein, weil er die Kontrastierung größtmöglicher Gegensätze erlaubt. Coco, von Audrey Tautou gespielt, die ihrem süßen Pralinengesicht manchmal allzu angestrengt eine rebellische Aura zu verleihen sucht, fungiert inmitten dieser gediegenen und gelangweilten, mit Rüschen, Blumen und allerhand Schnickschnack behängten Leute zunächst als eine Art Hofnarr im minimalistischen Gewand. Ihre Auftritte sind trotz ihrer Sprödheit immer glanzvoll und von einer gewissen Eleganz, etwa wenn sie bei einer Abendgesellschaft in Anzug, abgeschnittener Krawatte und Hut auftaucht. Was zunächst als impulsive Laune einer burschikosen Querulantin betrachtet wird, stellt sich erst am Ende als eine sehr hellsichtige Vision heraus. Während Coco auf der berühmten Treppe des Hauses Chanel sitzt, wird im Rahmen einer Modenschau eine Sammlung jener Kleider gezeigt, die im Laufe der Jahre ihren Ruhm begründeten. Es ist ein Moment des genussvollen Triumphs, doch durch eine Montage verschiedener Rückblenden verleiht Fontaine ihm einen bitteren Beigeschmack. Das private Glück wird hier gegen den beruflichen Erfolg ausgespielt, ganz so, als sei das eine nur zum Preis des Verlusts des anderen zu haben.

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