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Kleine Tricks

23.07.2009

Sommermärchen

In den poetischsten Momenten von Jakimowskis Films verlangsamen Montage und Zeitlupenaufnahmen den Handlungsablauf zu epiphanem Geschehen. So entlocken sie dem belanglosen Leben einen hintergründigen Sinn. Von STEFAN VOLK

 

Irgendwo in einem polnischen Städtchen, das, wie es scheint, von der Zeit einfach vergessen wurde, lebt ein kleiner Junge mit seiner großen Schwester. Es ist Sommer, es sind Ferien, vielleicht, die Tage dehnen sich in ritueller Gleichförmigkeit. Der sechsjährige Stefek (Damian Ul) stellt seine beiden Spielzeugsoldaten auf die Bahngleise und hofft, dass sie dem Fahrtwind des darüber hinwegbrausenden Zuges trotzen.

Stillstand ist Stefeks Sehnsucht und zugleich das zentrale Motiv, das Andrzej Jakimowskis Feel-Good-Kino in ruhigen, geduldigen Einstellungen umkreist. Wie ein Anti-Roadmovie saugt Kleine Tricks die Geschwindigkeit aus den Bildern und verlegt sein Gravitationszentrum dazu ausgerechnet auf den örtlichen Bahnhof, den der Film als Sinnbild seiner Entschleunigung gestaltet. Stefek zieht es nämlich gerade nicht in die Ferne. Er will nicht in Züge einsteigen, aufbrechen. Vielmehr tut er alles, um den Fahrplan aufzuhalten. Für ein paar Sekunden Verzögerung verstreut er sein Taschengeld auf den Gleisen, das ein Schaffner später mühsam aufklaubt, was Stefek Gelegenheit gibt, ein wenig länger jenen Fahrgast im Anzug (Tomasz Sapryk) zu betrachten, den er für seinen Vater hält. Er, der die Familie verließ, noch ehe Stefek geboren wurde, verschwindet jeden Tag aufs Neue vor den Augen des Jungen in einem Zug, der nicht etwa irgendwohin fährt, sondern einfach nur weg. Am liebsten würde Stefek den Mann ansprechen, aber das lässt seine achtzehnjährige Schwester Elka (Ewelina Walendziak) nicht zu. Ängstlich geht sie dem vermeintlichen Vater aus dem Weg.

Ein wenig melancholisch verbummelt Stefek ansonsten diese Sommertage. Ziellos fährt er mit dem Freund seiner Schwester Motorrad. Oder er lungert bei den alten Taubenzüchtern rum und beobachtet die Vögel am Himmel, die verlässlich immer wieder zu ihrem Verschlag zurückkehren. Stefek, der Träumer, lässt auf der Bahnhofsbank zwei Holzstecken miteinander reden. Bei Elka, der Träumerin, erwachen im Restaurant, in dem sie abends jobbt, die Bratpfannen zum Leben. Jakimowskis Protagonisten sind einfache Leute, keine Künstler, keine Yuppies, keine Big Player. Doch diese bewusste Abkehr vom Hollywoodglamour kennt ihre Grenzen: Im luftig knappen Röckchen beweist Elka, dass sie modelschlank und attraktiv ist. Eine hübsche Heldin für einen cineastischen Sommertraum – und eine mütterliche dazu, gerade weil sie sich mitunter auch streng um ihren kleinen Bruder kümmert.

Magische Wirkung

Jakimowski hat Kleine Tricks eine Liebeserklärung an seine eigene, 13 Jahre ältere Schwester genannt, die ihn wohl auch schon mal auf den Kleiderschrank setzte, damit er keinen Unsinn anstellen konnte. Aufgeweckte Jungs wie Stefek kennen freilich die nötigen Tricks, um auch vom höchsten Schrank wieder runterzuklettern. Ein Lausebengel ist dieser kleine Bursche trotzdem nicht. Er will nichts durcheinanderschmeißen, sondern die Welt (wieder) in Ordnung bringen. Natürlich geht das manchmal schief.

Gemeinsam aber entfalten Bruder und Schwester mit ihren Kleinen Tricks eine geradezu magische Wirkung. Als sie im Park einen Mann sehen, der die Mülleimer nach Essen durchwühlt, stellt Elka ihre volle Hamburgertüte scheinbar unachtsam auf den Boden. Über etliche Umwege landet die Tüte schließlich bei dem Mann, für den sie gedacht war, ohne dass dieser sich durch das Geschenk gedemütigt fühlen muss. Ein andermal bescheren die beiden einem erfolglosen Äpfelverkäufer Kundschaft. Weitgehend wortlos beobachten die Geschwister – und mit ihnen die Kamera – diese kleinen, von ihnen initiierten Alltagswunder. In diesen schönsten, poetischen Momenten des Films verlangsamen Montage und Zeitlupenaufnahmen den Handlungsablauf zu epiphanem Geschehen. So entlocken sie dem oberflächlich belanglosen Leben einen hintergründigen Sinn.

Der Reiz, den Kleine Tricks aus dieser Überlagerung von Banalität und Magie schöpft, geht jedoch zunehmend verloren, je länger der Film dauert und je mehr er sich von den beiläufigen Alltagsbeobachtungen ab und der Geschichte vom verlorenen Vater zuwendet, den es in den Schoß der Familie zurückzuholen gilt. Das, was sich anfangs überraschend und doch wie selbstverständlich entfaltete, wirkt immer arrangierter, aufgesetzter. Der herzerwärmende Tonfall des Films erhält Züge kalkulierter Sentimentalität. Indem der Vater ins Zentrum rückt, geht dem Film außerdem die charismatische Strahlkraft der beiden Laienhauptdarsteller verloren, die mit ihrer natürlichen Präsenz dazu beitrugen, alles was um sie herum und mit ihnen geschah, irgendwie authentisch erscheinen zu lassen. Nun aber genügt es Jakimowski offensichtlich nicht mehr, seinen Film dahintreiben und wie von selbst geschehen zu lassen. Nun will er plötzlich etwas erzählen, Bewegung in die eher einfältige Handlung bringen, die doch nie genug narratives Potential erreicht, um den Film zu tragen, ihn aber gleichwohl mehr und mehr zu entzaubern droht.

Kurz vor dem Ende nimmt der Autorenregisseur dann glücklicherweise noch einmal Fahrt heraus und kehrt mit der Schlusseinstellung zu jener zeitlos verträumten Ferienstimmung zurück, die seinen märchenhaften Sommerfilm über weite Strecken so sympathisch macht.

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