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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 17:30

     

    9to5 - Days in Porn

    16.07.2009

    Angst und Schrecken in San Fernando

    Mitreißend, klug und bewegend - Ein Aufklärungsfilm im besten Sinne. Von Daniel Bickermann

     

    „Es gibt drei Arten von Leute, die Porno machen“, teilt uns ein schmieriger Schauspielagent mit. „Die einen wollen Ruhm, das sind die schlimmsten, und die fallen am tiefsten. Die zweiten haben Spaß daran, das ist auch Unsinn, die würden das auch kostenlos machen. Die dritten machen es wegen des Geldes, und wenn die halbwegs wissen, was sie tun, dann sind sie hier tatsächlich richtig.“ Nach der Sichtung von Jens Hoffmanns Dokumentarfilm 9 to 5 – Days in Porn möchte man die Unterteilung anderswo ziehen: Es gibt diejenigen, die mit einem Leben in der Pornoindustrie klarkommen, und diejenigen, die es nicht schaffen.

    Der Film, der seine Protagonisten über den erstaunlichen Zeitraum von über drei Jahren begleitet, macht sich in seiner Zurückhaltung und seinem Verzicht auf klare Wertungen auf allen Fronten angreifbar. Manchen wird beispielsweise der Erzählstrang um den Branchenstar Belladonna naiv und apologetisch erscheinen: Sie fühlt sich wohl, führt eine sympathische Beziehung ohne den geringsten Ruch der Ausbeutung und kann in der Pornographie durchaus ihre Kreativität ausleben. Anderen erscheinen die Schicksale des einstigen Starlets Audrey Hollander oder Katja Kassin, die von ihrem Status als Nachwuchshoffnungen im Lauf der Jahre schleichend in Abhängigkeit, Lethargie oder gar Prostitution abrutschen, vielleicht als zu klischeehafte Warnbeispiele, wie man sie im Umgang mit diesem Thema gewohnt ist. Hoffmanns großes und wichtiges Verdienst ist es dabei, beide Seiten parallel zu zeigen, nie zu urteilen und dabei trotzdem immer echte Sympathie für seine Figuren zu beweisen.

    Momente reinster Dokumentarmagie

    So entstehen einige Momente reinster Dokumentarmagie: Wenn der unermüdliche Trashporno-Produzent Jim Powers an einem Set voller bekiffter Schwarzer, die für einen Film namens White Trash Whore #37 übers Set stolpern und kaum die ihnen zugewiesene weiße Frau finden, mit einem unbeschreiblich traurigen Lachen konstatiert, sein Beruf bestünde darin, für eine Industrie der Scheiße eben diese Scheiße abzupumpen, in der er bis zum Hals steht, wird man als Zuschauer von widerstreitenden Emotionen (Mitleid, Ärger, Verachtung, Trauer) ebenso überflutet wie bei der ehemaligen Pornodarstellerin, die seelenruhig erklärt, ihr neues Geschäftsmodell, bei dem sie Fans persönlich trifft und stundenweise verdient, wäre deutlich rentabler als die Arbeit am Set. Zwischen solchen Extrempolen gibt es dann noch Graustufen wie den großen weisen Mann der Industrie, John Stagliano, oder das Ex-Starlet Dr. Sharon Mitchell, die inzwischen als Ärztin seit Jahren versucht, die Gesundheitsstandards der Branche zu verbessern, oder die wunderbar rotzige Roxy Deville, die ganz nach eigenen Regeln spielt und als einzige Darstellerin in der Branche keinen Analsex vollzieht. Und dann ist da natürlich noch Sasha Grey, mit ihrer stolzen Körperhaltung, ihrer rebellischen Attitüde und dem ständig spöttischen Lächeln, die inzwischen in Steven Soderberghs neuem Mini-Projekt The Girlfriend Experience die titelgebende Freundin spielen durfte.

    Die Editoren Christopher Klotz und Kai Schröter bauten aus dem Dutzend Protagonisten und den endlosen Stunden Material einen mitreißenden, klugen und bewegenden Film und haben vor allem großen Anteil am Gelingen der delikaten Balance zwischen Hinschauen und Schaulust: Der Film will und darf seine Kameraaugen nicht vor dem eigentlichen Gegenstand, der Pornographie im Leben der Protagonisten, verschließen, soll aber auch zu keiner Zeit in den Sensationalismus oder gar in die Voyeurismus verfallen. Hier finden Hoffmann an der Kamera und seine Editoren in der Nachbearbeitung immer wieder geschickte und wirkungsvolle Methoden: Mal sehen wir in einer Fellatioszene die knienden Damen nur von der Brust abwärts, mal blendet das Bild auf das romantische Panorama des San Fernando Valley, wo ein Großteil der amerikanischen Pornoindustrie beheimatet ist, während auf der Tonspur noch das rhythmische Keuchen und glitschige Stoßen zu hören ist. In beiden Fällen entsteht ein absurd-komischer und trotzdem erschreckender und überraschend origineller Eindruck von tausendmal gefilmten Szenen. Einige überraschende Montagen, wenn beispielsweise von einem selbstgerechten Monolog des Darstellers Otto Bauer weggeschnitten wird zu seinem fetten, sabbernden Hund, der sich in der Sonne aalt, tun ihr übriges zur mehr oder weniger subtilen Orientierung der Zuschauer.

    Wahrhaftigkeit durch No-Budget-Enthusiasmus

    Es war, wie Regisseur Jens Hoffmann (der bezeichnenderweise aus dem Sportfilm kommt) im Interview erklärt, ein Herzensprojekt, für das er und seine Produzentin Cleonice Comino jahrelang immer wieder in die USA geflogen sind, sich als Zwei-Personen-Filmteam mit den Protagonisten angefreundet, bei ihnen übernachtet und ihre Schritte in der Industrie verfolgt haben. Dieser No-Budget-Enthusiasmus verschafft dem Film eine Aura der Wahrhaftigkeit und ungeschminkten Ehrlichkeit, die man sowohl in den selbstgerechten Aufklärungsdokus als auch in den scheinverurteilenden und eigentlich nur schaulustigen Sensationsschnipseln des Privatfernsehens vergeblich sucht. Dazu gibt es einen phantastischen Soundtrack aus der amerikanischen Indie-Rock-Szene um den legendären Brant Bjork und die Punkband The Dwarves, und fertig ist ein wichtiger Film über eine gigantisch große und komplexe Industrie, die gerne ganz ausgeblendet oder nur für kurze Zeit zur allgemeinen Ergötzung ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, obwohl sie doch ein Teil unserer täglichen Kultur ist. Ein Aufklärungsfilm im besten Sinne also.

    Daniel Bickermann


    9to5 – Days in Porn. D 2008. R,B,K: Jens Hoffmann. S: Christopher Klotz, Kai Schröter. M: Michael Meinl, Alex McGowan. P: F24 Film.

    Präsentiert von Schnitt Magazin


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