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Samstag, 25. März 2017 | 20:31

 

Brüno

09.07.2009

Tuntig-narzisstische Dokumödie

Wie zuletzt in Borat stolpert Sacha Baron Cohen auch in der Rolle des schwulen Modejournalisten Brüno wieder rücksichtslos über den schmalen Grad von Satire und Schund und landet dabei gar nicht mal selten auf der richtigen Seite. Von Stefan Volk

 

Der schwule österreichische Modejournalist „Brüno“ zählte schon zum Repertoire Cohens, als dieser noch als Nachwuchstalent galt. „Kult“ wurde der mittlerweile 37jährige Komödiant dann im britischen Fernsehen in der Maske des Möchtegernrappers „Ali G“ und seiner Da Ali G Show, aus der 2002 unter der Regie von Fernsehregisseur Mark Mylod der allenfalls mäßig amüsante Spielfilm Ali G Indahouse hervorging. Konnte der fiktive Plot um das brave Mittelklassesöhnchen aus einem Londoner Vorort, das sich auf dumpf-peinliche Weise als Gangsterrapper gerierte, in der englischen Originalfassung teilweise noch mit überraschendem Wortwitz aufwarten, sank der Streifen in der deutschen Synchronfassung gänzlich auf triviales Erkan-und-Stefan-Niveau herab. Der vordergründige satirische Anspruch lieferte kaum noch mehr als eine fadenscheinige Rechtfertigung für plumpen Klamauk.

Die Erwartungen an Cohens zweiten großen Kinoauftritt mit der ebenfalls aus seiner Fernsehshow bekannten Kunstfigur des kasachischen Fernsehreporters Borat Sagdiyev waren entsprechend gering. Cohen übertraf sie bei weitem. Mehr noch, gemeinsam mit Regisseur Larry Charles setzte er mit seiner kruden Dokumödie, die provokantes Guerilla-Dokumentarkino in eine albern-trashige fiktive Handlung einbettete, neue Maßstäbe im Unterhaltungskino. Er sprengte den Rahmen zwischen dokumentarischem und fiktionalem Erzählen, indem er einen frei erfundenen Charakter – den antisemitischen, sexistischen und homophoben Borat – auf die reale Welt losließ. Dadurch, dass der angebliche Reporter auf seiner Kulturreise durch die Vereinigten Staaten „ganz normale“ US-Bürger mit seinen antisemitischen Einstellungen konfrontierte, offenbarte der jüdische Schauspieler auch deren versteckte Ressentiments.

Provokation als komödiantischer Selbstzweck?

Brüno funktioniert nun – abermals unter Larry Charles’ Regie – nach demselben Prinzip. Mit dem tuntig-narzisstischen „Brüno“ begibt sich wieder eine Cohen-Figur auf Forschungsreise durch Amerika. Und wieder ist nicht sie es, über die sich Charles und Cohen in erster Linie lustig machen. Auch wenn etliche platt-pubertäre Gags auf Brünos Kosten gehen. Vor allem kommt es Cohen darauf an, verräterische Reaktionen zu provozieren. So lässt er etwa Paula Abdul aus der American Idol-Jury bei einem Interview über ihr Wohltätigkeitsengagement auf einem „lebenden Stuhl“ Platz nehmen, sprich auf dem Rücken eines auf allen Vieren knienden Mexikaners. An anderer Stelle initiiert er ein Kleinkindercasting und ringt den unbedarften Eltern die grausamsten Zugeständnisse ab. Eine Mutter ist bereit, ihr Kind auf eine Hungerdiät zu setzen und ihm notfalls Fett absaugen zu lassen, damit es die Rolle bekommt.

Angesichts der manipulativen Macht des Kinos ist bei solchen Szenen allerdings Vorsicht geboten. Vor einer einschüchternden Kamera lässt sich mit entsprechend forschem Auftreten und ein paar schnellen Schnitten nahezu jeder ins falsche Licht rücken. Lauterer Journalismus sieht anders aus. Die Grenzen zwischen entlarven und bloßstellen sind bei Cohen fließend. Auch Larry Charles überschritt sie zuletzt in seinem Dokumentarfilm Religulous immer wieder in Richtung einer polemischen Regieführung. Bei Borat und Brüno kommt noch dazu, dass längst nicht ausgemacht ist, ob manches von dem, was da so dokumentarisch daherpoltert nicht doch inszeniert wurde. Oft entpuppt sich außerdem die Provokation als komödiantischer Selbstzweck, der für schaurig-lustige Momente sorgt; zwischen Schadenfreude und Fremdschämen.

Es gibt aber eben auch die anderen Augenblicke, in denen es dem gebürtigen New Yorker Charles und dem in Los Angeles lebenden Cohen tatsächlich gelingt, der heuchlerischen US-Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Großartig ist die Szene, in der sich die Zuschauer eines Wrestling-Events in einen wütenden Mob verwandeln, als sich die beiden Kontrahenten im Ring unvermittelt zu küssen beginnen. Nicht nur für das Publikum in Arkansas, sondern wohl auch für manch Erkan-und-Stefan geprägten Brüno-Zuschauer keine leichte Kost. Wenn dann im Kinosaal am Ende aber eher über die pöbelnden Heteros als über die schwulen Wrestler gelacht würde, wäre ja schon einiges gewonnen.

Stefan Volk


Brüno (Delicious Journeys Through America For The Purpose Of Making Heterosexual Males Visibly Uncomfortable In The Presence Of A Gay Foreigner In A Mesh T-Shirt, 2009). Satire. USA 2009. 88 Minuten. Regie: Larry Cahrles, Dan Mazer. Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Peter Baynham, Anthony Hines, Dan Mazer, Jeff Schaffer. Darsteller: Sacha Baron Cohen, Gustaf Hammersten, Clifford Banagale, Chibundu Orukwowu u.a.



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