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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 17:02

     

    Il Divo

    16.04.2009

    Divo & Diavolo

    Paolo Sorrentinos filmsatirische Andreotti-Phantasmagorie, betrachtet von Wolfram Schütte

     

    Der am 14. Januar dieses Jahres 90 Jahre alt gewordene “Senator auf Lebenszeit”, Giulio Andreotti, ist für Italien schon ein halbes Jahrhundert, was in der Bundesrepublik einzig einmal bis zu seinem Tod 1988 Franz-Josef Strauß war: der bunteste Hund unter den Nachkriegspolitikern, der “umstrittenste der Umstrittenen”, ein Mann, dem man “alles” zutraute - alles Böse vor allem.

    Der stiernackige Strauß, die personale Ausprägung eines schwergewichtigen “bayrischen Mannsbilds”, das den Spiegel-Skandal auslöste, war in der Tat ein farbiger Charakter konservativen Zuschnitts, den Frauen so zugetan wie der rätselhaften Vermehrung seines persönlichen Reichtums. Aber gegenüber dem schwer demokratisch zu disziplinierenden barocken Charakter des mit seinem Latein und seiner schlitzohrigen Intelligenz renommierenden bayrischen Macht-Politikers, war (resp. ist) der bucklige Römer Andreotti - wie Strauß ein Katholik und Christdemokrat (was immer das bedeuten mag) - das Gegenteil des lärmend-lauten FJS: der verschwiegenste, stillste, charakterlich rätselhafteste “Strippenzieher” (was heißt: der klassische Intrigant) der italienischen Nachkriegspolitik.

    Sein munitionsstarkes Privatarchiv der politischen Klasse und seine persönlichen Verbindungen zum Vatikan haben dafür gesorgt, dass der undurchschaubare, persönlich asketisch & geschlechtslos als “Sphinx” auftretende Andreotti im Laufe seines Lebens 25x Minister und 7x Premierminister in den häufig wechselnden christdemokratischen Regierungen war. 29x gerichtlich angeklagt und ebenso oft wieder (unter dubiosen Umständen) frei gesprochen, ist sein Name und seine Person immer wieder in der Nähe zahlloser, bis heute unaufgeklärter, Finanz-, Mord-, Selbstmord und Staatsstreichpläne - zwischen rechten Geheimlogen & Mafiaaktivitäten - aufgetaucht. Ein Rumpelstilzchen & Stehaufmännchen in der wahrhaft “balkanesischen” Kriminal-, pardon: Politik- & Wirtschaftsgeschichte Italiens, die von der “Democrazia Cristiana“ und deren römischen Kanker im Spinnennetz seiner weitreichenden Beziehungen, dem “göttlichen” Giulio also, über ein halbes Jahrhundert hinweg bestimmt wurde.

    Andreotti, der zumindest billigend, wenn nicht sogar erleichtert, die Ermordung seines Parteifreundes Aldo Moro durch die “Roten Brigaden” 1978 hingenommen hatte - nur um den von Moro mit der eurokommunistischen PCI angestrebten “Historischen Kompromiss”, einer kommunistischen Regierungsbeteiligung in den Mitsiebziger Jahren, zu verhindern - ist zwar der glanzloseste, jedoch einfluss- & folgenreichste und vor allem unheimlichste unter den westeuropäischen Politikern der Nachkriegszeit; und in seiner Heimat, in der man den Typus des Schlawiners, der sich nicht fassen lässt, eher bewundert als verachtet, hat es diese moderne Verkörperung des machiavellistischen “Principe” schon zu ihren Lebzeiten zum öffentlichen Status einer Legende geschafft.

    Nur so ist es erklärlich & juristisch möglich, dass der 38jährige neapolitanische Regisseur Paolo Sorrentino im vergangenen Jahr seinen Film Il Divo (Der Göttliche) drehen konnte - und mit diesem ganz außerordentlichen Werk, das Andreotti im Netz einer Vielzahl von Verbrechen, Mafiabeziehungen und Korruptionsfällen positioniert, mit denen “der schlaue Fuchs” in Verbindung gebracht wurde, im vergangenen Jahr den Jury-Preis in Cannes gewonnen hat.

    Sorrentinos Il Divo, der durch eine kleine Buchstabenergänzung passender “Il Diavolo” heißen könnte, balanciert virtuos zwischen Anklage und Mutmaßung, Verachtung und Bewunderung für den “Beelzebub” - ähnlich wie Shakespeare sich “Richard III” imaginiert, den ich - zugegeben in der hinkenden, buckligen Verkörperung Laurence Oliviers - als Andreottis Vorläufer vor Augen habe: als hinterhältige, gewitzte Verkörperung des machtgierigen Bösen.

    Dabei ist der Lieblingsfilm des jederzeit hochironischen Politikers eine Verfilmung von Stevensons schizophrener Doppelgänger-Erzählung Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Dazu passt sehr gut Andreottis Behauptung: “In Kriminalromanen wird der Schuldige immer gefunden. Im wirklichen Leben ist das seltener der Fall” - wie in seinem.

    Sorrentinos genialer Andreotti-Darsteller Toni Servillo erinnert in seiner erigierten Unbeweglichkeit mit den herunterhängenden Armen, und seinen puppenhaften Ganzkörperdrehungen auf der Stelle, weniger an Boris Karloff in der Rolle von Dr. Frankensteins Monster, als ganz offensichtlich an Max Schrecks unheimlicher Darstellung von Nosferatus vampiristischer Scheinexistenz in Murnaus gleichnamiger Symphonie des Grauens.

    Brillanter „fellinesker“ Alptraum

    Sorrentinos satirische Montage-Revue ist ein popmusikalisches Kaleidoskop (oft im Stil eines Gangsterfilms oder des Grand Guignol), dessen extreme stilistische Wechsel & musikalische Akzentuierungen den Film zu einem brillanten “fellinesken” Albtraum werden lassen. Seit Stanley Kubricks Doomsday-Satire Dr. Strangelove mit Peter Sellers in der Titelrolle der nazistischen “Intelligenzbestie”, konnte keiner mit Kubricks Meisterschaft des Groteskkomischen konkurrieren - außer jetzt Paolo Sorrentino mit seinem Il Divo.

    Der trippelnde Diavolo wird von Sorrentino nicht nur bei seinen öffentlichen politischen Auftritten gezeigt - z.B. wenn er wieder einmal an dem ehrfürchtig aufgereihten Personal die ihm vertrauten, weiten Hallen des Regierungspalastes allein durchmisst und auf eine Katze trifft, die ihm im Weg steht und die er mit einem Zischlaut vertreiben muss, bevor er seinen Weg zur Machtzentrale fortsetzt. Auch der “private” Andreotti, der seiner Frau einen Heiratsantrag auf einem Friedhof macht, tritt uns öfters entgegen, z.B. in einer en face ins Publikum gesprochenen Beichtszene, wobei in dem sich akustisch steigerndem Selbstbekenntnis gewissermaßen die geistige Physiognomie des Monsters Hyde aus dem Mund Dr. Jekylls aufscheint.

    Dabei ist das einzige “Geheimnis“, das er je von sich verraten hat und zwar dem statt seiner gewählten Staatspräsidenten, sein Geständnis, in der Schule die Schwester des berühmten Schauspielers Vittorio Gassman geliebt, ohne sich ihr je erklärt zu haben.

    Der neapolitanische Regisseur trifft den schildkrötenhaft gepanzerten Helden auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den Neunziger Jahren, als Andreotti zum ultimativen Sprung auf das höchste Staatsamt ansetzt, den des Präsidenten der Republik. Aber der Kabinettspolitiker scheitert mit seinem ultimativen Coup, weil die Mafia, deren Verfolgung durch mutige Staatsanwälte und Carabinieri er nicht mehr verhindern konnte, in diesem Augenblick dem Staat den Krieg erklärt, ihre unbotmäßigen politischen Mitwisser und ihre Verfolger in Justiz und Journalismus ermordet und die Aufdeckung der allgemeinen Korruption der politischen Parteien (“Tangentopoli”) das gesamte politisch-parlamentarische System, auf dem der göttliche Teufel Andreotti jahrzehntelang wie auf einer Kirchenorgel gespielt hatte, zusammenbrechen und den Strippenzieher im Hintergrund plötzlich machtlos im Licht der Öffentlichkeit stehen lässt.

    Zugleich tauchen, mehr als zwei Jahrzehnte (!) nach seiner Ermordung, Aufzeichnungen Aldo Moros auf, in denen er, kurz vor seinem gewaltsamen Tod, den mörderischen Weggenossen Giulio mit einem Geflecht von klandestinen Aktivitäten zur Destabilisierung des Staates in Verbindung bringt, während gleichzeitig verhaftete Mafiabosse und deren Untergebene Andreotti als Mitglied der “Cosa Nostra” denunzieren und bezeugen, dass er mit dem verhafteten “Boss der Bosse” bei einem geheimen Treffen in Palermo den Bruderkuss ausgetauscht habe.

    Wie auf Andreotti nun, in den Neunziger Jahren, eine Lawine von Anklagen und Prozessen hereinbricht, in denen auch weit zurückliegende Morde und Selbstmorde auf die Tagesordnung kommen, so stürzt auch auf den Zuschauer &-hörer des Il Divo trotz seiner 117minütigen Länge diese Flut von ungeklärten Fällen ein. Das ist ein erzähltechnisches Handicap.

    Wahrscheinlich ist nicht einmal dem italienischen Publikum noch präsent, was Sorrentinos Film nach einem einleitenden Staccato von Todesarten immer wieder an Skandalen und Mordfällen aufruft und bildlich-szenisch vergegenwärtigt, wobei der Film die natürlich von seinen Schauspielern verkörperten historischen Personen & Ereignisse durch eingeblendete Texte historisch lokalisiert. Wie viel weniger dürfte sich also ein deutscher Zuschauer in diesem Verweissystem zurechtfinden.

    Er muss es aber auch gar nicht - um diesen schnell wechselnden Reigen von fabulös inszenierten Momentaufnahmen und Clips, die “den Göttlichen” in seiner steifen Unnahbarkeit monumentalisieren und seine ebenso großspurig wie kleinkariert auftretende Clique von Satrapen satirisiert, als eine grandiose Buffonerie der politischen Klasse zu erleben - ein ebenso komischer wie schrecklicher Masken- & Totentanz, den nur einer überlebt: der (bislang) unsterbliche Il Divo: “Die Macht verschleißt eben nur den, der sie nicht hat“ (Giulio Andreotti).

    P.S. Paolo Sorrentinos Il Divo ist zwar ein gespenstischer Kehraus der politischen Klasse Italiens bis zu Andreottis Abgang. Nach der offensichtlich zutreffenden Maxime des sizilianischen “Gattopardo” in Lampedusas gleichnamigem Roman hat sich danach zwar alles geändert, aber nur, damit alles beim alten bleibt, bzw. noch schlimmer wurde und sich auch noch die linke Opposition selbst zersetzt hat. Nach der klandestinen Geheimdiplomatie der Machtausübung, deren Meister Andreotti war, haben die Italiener nun deren offene, nackte, vulgäre Exekution durch den nicht minder dubiosen Medienunternehmer Silvio Berlusconi gewählt. Bis auf weiteres ist ihnen und ihrem “verrotteten Land” (Luciano Gallino) nicht zu helfen - so wacker & einsam Umberto Eco, Claudio Magris und andere italienische Intellektuelle mit ihrer Formation “Libertà e Giustizia” gegen die verkommene “Classe dirigente” auch kämpfen mögen.

    Wolfram Schütte


    Il Divo. I 2008. R,B: Paolo Sorrentino. K: Luca Bigazzi. S: Christiano Travaglioli. M: Teho Teardo. P: Indigo Film, Lucky Red, Parco Film. D: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Carlo Degli Esposti, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Michele Placido, Carlo Buccirosso, Fanny Ardant u.a.
    110 Min. Ab 16.4.09


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