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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 17:02

     

    Rachels Hochzeit

    02.04.2009

    Die Ruhe nach dem Sturm

    Wie eine perfekt geplante Hochzeitsfeier letztlich niemals exakt so ist, wie sie ursprünglich geplant war, platzt Rachels Hochzeit vor Spontaneität der Darsteller und Macher. Von Jakob Stählin

     

    Die Welt ist kleiner geworden durch ihre medialen Verknüpfungen, soviel steht fest. Auch dem amerikanischen Film ist dies anzumerken. Darren Aronofsky etwa, der stets im eher in Europa angesiedelten 1:1,85-Breitwand drehte, jedoch in seiner visuellen Stilisierung ganz zuhause war, dreht The Wrestler in Scope, jedoch auf 16mm mit einer Portion Willkür und zittriger Hand. Inhaltlich allerdings purzelt der New Yorker nach L.A und thront auf den riesigen Lettern der Filmhauptstadt. David Fincher gibt im Hintergrundbericht zu Zodiac den Motivator und zeigt, wie er und sein Editor – wie ganz normale Menschen – im gemütlichen Wohnzimmer sitzend auf Final Cut das digitale Ausgangsmaterial schneiden; okay, sie tun es auf Equipment für zigtausend Dollar, doch die Botschaft ist klar: Man schnappe sich eine Kamera und drehe einen Film. Stilecht geht anders.

    So schön es ist, dass es nun nicht nur den Söhnen und Töchtern der Jo Ackermanns und Bill Gates' dieser Welt möglich ist, in ihrer jugendlichen Freizeitfülle Filmchen zu drehen und insbesondere ordentlich zu schneiden – so klar ist es jedoch, dass es, abgesehen von diesem Nebeneffekt, vor allem eine wunderbare Möglichkeit ist für jene, die sich bereits mit dem Medium auskennen. Jonathan Demme ist so einer, der sicherlich weiß, wie anstrengend es sein kann, seine Visionen auf die Leinwand zu bringen, welch enormer Prozess der Dreh ist und wie finanziell effizient man arbeiten muss. Insofern kann man davon ausgehen, dass der Dreh zu Rachels Hochzeit etwas Befreiendes gehabt haben muss. Ähnlich der neuen digitalen Großerfolge wie Cloverfield und Slumdog Millionär zehren Demme und sein Ensemble ihre Stärken aus der vergleichsweise lockeren Gangart, die das digitale Filmen ermöglicht.

    Natürlich ist es auch stimmig, einen Film über eine Familienfeier in einer Art Homevideo-Optik zu drehen, doch vor allen Dingen wird den Darstellern auf diese Weise eine Freiheit gegeben, die auf 35mm-Material festgehalten schwer denkbar ist. So klar die Struktur im Drehbuch sein mag, so improvisiert kommt Rachels Hochzeit dennoch daher. Anne Hathaway gibt das schwarze Schaf der Familie, Kym, das zur Hochzeit ihrer Schwester mal kurz raus darf aus der Psychiatrie und bei den Feierlichkeiten für allerlei Tumult sorgt. Entgegen dem altbekannten Das Fest, der thematisch eine klare Anklage ausformuliert, ist das Familienleben in Rachels Hochzeit ein Vehikel, das strauchelt, jedoch gemeinsam auf Kurs gehalten werden möchte. Man könnte es romantisch nennen, denn mögen tun sich alle, wenn schon nicht selbst, immerhin gegenseitig.

    Ein interessanter Kniff des Drehbuchs von Jenny Lumet ist die Perspektive, mit welcher der Zuschauer auf die Hochzeitsfeierlichkeiten mitgenommen wird. Man reist mit Kym an, die etwas zu bevormundend von ihren Eltern behandelt abgeholt wird. Sie raucht, wie es leider Gottes alle psychisch gestörten Menschen heutzutage in Filmen tun, und es fällt schwer, sich auf ihre Seite zu schlagen. Das Herz des Konsumenten schlägt zwar immer gerne für die Außenseiter- und Rebellenfiguren des Kinos, doch ebenso pocht es für Einsicht und moderates Verhalten. Kym macht es einem nicht leicht, zeitweise wird man ihrer gar überdrüssig, macht sie ihrer Schwester doch die ganze Feier streitig, indem sie viel zu oft die Aufmerksamkeit auf sich lenkt: Sie ist es doch, die Probleme hat! Doch wie beutelnd erzwungene Normalität sein kann, wird gleichermaßen treffend veranschaulicht. Eine brillante Szene zeigt den Vater der Braut mit dessen zukünftigem Schwiegersohn beim Spülmaschinewetteinräumen: Kampf der Spießigkeiten.

    Aus dem normalen Gesamtbild des vorstädtlichen Hochzeitfestes bricht der Film im letzten Drittel schließlich mit allen Konventionen in eine rauschhafte Filmrealität ab. Die Kapelle etwa, die zur Hochzeit spielt und dem geneigten Kinogänger zuvor schon als Mittel zum Zweck für diegetischen Musikeinsatz aufgefallen sein mag, spielt nun eher dem Film als den Feierlichkeiten in die Hände, spielt gar bis weit über die Nacht hinaus, bis zum Abspann durch. Demme lässt seine Figuren fallen, und so lichtet Kameramann Declan Quinn minutenlang befreit tanzende Menschen ab, die sich fernab des zuvor erschaffenen Psychogramms ihrer Körperlichkeit ergeben. Auch hier zeigt sich, wie wenig das digitale Kino imstande ist, eine gleichförmige Alternative zum analogen zu sein, sondern eben vielmehr eine eigenständige Komponente in der Fülle der technischen Möglichkeiten des Filmschaffens darstellt. Es ist ein bewusster Einsatz, der spürbar funktioniert, denn das Tolle an Rachels Hochzeit ist seine in der Postproduktion formvollendet geschliffene Komposition. Wie eine perfekt geplante Hochzeitsfeier eben letztlich niemals exakt so ist, wie sie ursprünglich geplant war, platzt der Film vor Spontaneität der Darsteller und der Macher hinter der Kamera, und daher ist es mehr als passend, dass Rachel, nachdem Kym gefahren ist, im nicht mehr ganz so perfekt sitzenden Brautkleid erschöpft und nachdenklich auf der Veranda weilt, den Blick auf den geschafften Rasen und die Überbleibsel der Feier gerichtet. Natürlich ist alles okay, es ist die Ruhe nach dem Sturm.

    Jakob Stählin


    Rachels Hochzeit. Rachel Getting Married. USA 2008. R: Jonathan Demme. B: Jenny Lumet. K: Declan Quinn. S: Tim Squyres. M: Donald Harrison Jr., Zafer Tawil. P: Clinica Estetico, Marc Platt. D: Anne Hathaway, Rosemarie Dewitt, Bill Irwin, Debra Winger, Tunde Adebimpe, Mather Zickel u.a. 114 Min. Sony Pictures ab 2.4.09

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