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Mittwoch, 29. März 2017 | 19:11

 

John Rabe

02.04.2009

Zu heroisch, um wahr zu sein

In seinem beim Deutschen Filmpreis für sieben „Lolas“ nominierten Kriegsdrama John Rabe erzählt Florian Gallenberger die unbekannte, wahre Geschichte des „Oskar Schindlers Chinas“ mit den bekannten Mitteln Steven Spielbergs, die er aber nur unzureichend beherrscht. Von Stefan Volk

 

Ein Mann kämpft sich durch eine Menschenmenge am Hafengelände zur Gangway eines in Kürze auslaufenden Schiffes. Im Schlepptau hat er seine geliebte Frau, in der anderen Hand hält er einen Käfig mit einem Kanarienvogel. Jenseits des Platzes beobachtet eine kleine Gruppe die Flucht des Mannes, an den sie einst große Hoffnungen knüpfte: enttäuscht, ernüchtert. Doch als die Frau das Schiff bestiegen hat, und die Zugangstreppe zurückgezogen wird, steht darauf einsam und erhaben eine einzelne heroische Figur: John Rabe mit dem Vogelkäfig in der Hand. Jubel brandet auf bei der kleinen Gruppe am anderen Ende des Platzes, und aus dem Off dringt gefühlige Musik.

Diese Ende 1937 angesiedelte Szene, in der sich der Leiter des Siemens-Werkes in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking trotz der japanischen Angriffe und gegen die ausdrückliche Weisung der deutschen Konzernleitung dazu entschließt, die Menschen des Landes, in dem er seit fast 30 Jahren lebt, nicht im Stich zu lassen, – diese Szene markiert nicht nur einen Wendepunkt in der Filmhandlung, sie steht auch beispielhaft für den pathetisch-melodramatischen Ton, mit dem Oscar-Preisträger (Kurzfilm Quiero ser) Gallenberger ein vergessenes Kapitel deutscher Geschichte in ein heroisches Rührstück verwandelt.

Vier Quadratkilometer Sicherheit

John Rabe (1882-1950) war ein deutscher Kaufmann, Angestellter von Siemens China Co. und NSDAP-Mitglied. Gemeinsam mit anderen Ausländern setzte er sich 1937 beim japanischen Angriff auf Nanking erfolgreich für die Einrichtung einer Schutzzone ein, um so ein Massaker zu verhindern. Circa 250.000 Zivilisten fanden in dieser vier Quadratkilometer großen Sicherheitszone Unterschlupf und wurden mit Lebensmitteln und Medizin versorgt. In China gilt Rabe seitdem als ein Held. Die New York Times nannte ihn den Oskar Schindler Chinas. Ein großartiger Filmstoff also.
Technisch und darstellerisch überzeugt der mit Ulrich Tukur (John Rabe), Steve Buscemi (als amerikanischer Chefarzt und glühender Nazigegner) und Daniel Brühl (als deutsch-jüdischer Diplomat) hervorragend besetzte Film außerdem. Bloß ist Gallenberger (noch?) kein Steven Spielberg Deutschlands. Er arbeitet mit ähnlichen Mitteln, setzt sie aber vergleichsweise unbeholfen ein. Dort wo Spielberg kaschiert und konturiert, treten bei ihm die Klischees offen zu Tage. Bei seinem China-Schindler ist alles viel zu perfekt; vom Charakter bis zur Ehe.

Der ganz dicke Genrepinsel

Die einzigen Zweideutigkeiten, die sich Gallenberger erlaubt, leiten sich aus dem Umstand ab, dass Rabe gerade als deutscher Nationalsozialist bei den mit den Nazis paktierenden Japanern Einfluss nehmen konnte. In der wohl irritierendsten und zugleich nachhaltigsten Szene des Films suchen Hunderte Chinesen unter einer gigantischen Hakenkreuzfahne vor den japanischen Luftangriffen Schutz. Das Symbol des Holocausts wird hier zum Garanten fürs Überleben. Damit legt Gallenberger ein hochinteressantes Spannungsfeld an, das er sich danach aber nicht mehr zu betreten traut. Stattdecken packt er den ganz dicken Genrepinsel aus, übermalt alle Brüche und Widersprüche und zeichnet ein derart heroisches Porträt, dass sich darin der historische John Rabe kaum noch wiederfinden dürfte.

Stefan Volk


John Rabe. D/F/Ch 2009. R: Florian Gallenberger. B: Florian Gallenberger. K: Jürgen Jürgens. S: Hansjörg Weißbrich. M: Laurent Petigirard. D: Daniel Brühl, Steve Buscemi, Anne Consigny, Ulrich Tukur, Jingchu Zhang, u.a. 134 Min. Majestic. Ab 02.04.09




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