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    Samstag, 29. April 2017 | 07:24

    Neu auf DVD: Klassik und Kalter Krieg - Musiker in der DDR

    20.09.2012

    Differenzierte Erinnerung

    Je weiter sich die Realität der DDR in die Vergangenheit entfernt, desto grobschlächtiger werden die Klischees, die sich mit ihr verbinden – sofern, bei jungen Leuten, überhaupt noch Vorstellungen von dem zweiten deutschen Staat vorhanden sind. Für viele ist er so exotisch wie Atlantis oder Karthago. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Reduziert sich das Image der politischen Geschichte auf den verschwommenen Begriff »Totalitarismus«, so ist das Bild von der Kultur in der DDR und darüber hinaus im sowjetischen Machtbereich noch um einiges vager. Im Grunde wusste man selbst in den Jahren, als die DDR noch existierte, im Westen reichlich wenig über die Kultur hinter dem »Eisernen Vorhang«, teils aus Desinteresse, teils aus einer Arroganz heraus, die an der eigenen Überlegenheit keine Zweifel zuließ.

     

    Da kommt die DVD-Ausgabe eines im Jahr 2000 produzierten Films mit dem Titel Klassik und Kalter Krieg gerade zurecht. Er zeichnet sich durch wohltuende Sachlichkeit aus. Das bedeutet nicht moralische Indifferenz. Aber dem Regisseur Thomas Zintl gelingt es nicht nur, die beachtliche Qualität des Musiklebens in der DDR zu würdigen – eine entsprechende Dokumentation über Theater, bildende Kunst, Film und Literatur steht ergänzend noch aus –, er macht, in Interviews und in seinen Kommentaren, auch deutlich, dass es zwischen Kollaboration und Widerstand, zwischen Feigheit und Zivilcourage, zwischen nachvollziehbaren Wünschen des Staats und der Partei und bloßer Willkür zahlreiche Schattierungen gab.

     

    Er liefert ein differenziertes Bild, das sich weder auf Schuldzuweisung, noch auf Exkulpation beschränkt. Ganz nebenbei wird erkennbar, dass auch die westlichen Künstler und Geschäftspartner keine Heldenrolle spielten: Der Kalte Krieg wurde schließlich von beiden Seiten geführt. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann bloß dies: dass 52 Minuten für das Thema nicht ausreichen.

     

    Und eins muss immer wieder betont werden, weil die Gleichsetzung von kommunistischer und nationalsozialistischer Diktatur immer dreister wird, nicht nur bei den Kids, die in der Schule nichts anderes erfahren, sondern auch bei den älteren Zeitgenossen, die es besser wissen müssten: So unerfreulich und manchmal auch tragisch das Schicksal einzelner Künstler in der DDR war, mit dem Schicksal derer, die in Konzentrationslagern umgebracht oder unter Lebensgefahr ins Exil gejagt wurden, hat es weniger gemeinsam als mit dem Schicksal von Kollegen in der »freien Welt«, die schikaniert, um Auftrittsmöglichkeiten geprellt oder durch das Primat des Kommerzes unter Druck gesetzt werden.

     

    Zu den eindrucksvollsten Momenten gehört Christine Mielitz' Erzählung von der Fidelio-Premiere zur Wiedereröffnung der Semperoper, bei der sie fast in Tränen ausbricht. Es ist eins der Beispiele, wo Kunst, was ja oft angezweifelt wird, unmittelbar in die gesellschaftliche Wirklichkeit eingreift. Aber solche Momente gab es nicht nur in der DDR. Und nicht nur dort wurde die Grundlage für Erinnerungen gelegt, die Tränen hervorrufen.

     

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