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    Montag, 26. Juni 2017 | 03:48

    Jetzt im Kino: Holy Motors

    03.09.2012

    Eindrucksvolles Leinwandcomeback

    Nach mehr als zehn Jahren gelingt Leos Carax mit Holy Motors ein schillerndes, groteskes und ausgesprochen sinnliches Verwirrstück über das Kino und das Leben. Von STEFAN VOLK

     

    Spätestens am Ende, wenn die über Nacht in einer Tiefgarage geparkten Luxuslimousinen anfangen, sich miteinander zu unterhalten, darf man den Ballast aller realistischen Erklärungsversuche getrost über Bord werfen. Nein, dieser gewaltige surreal-sinnliche Bilderbogen, den der französische Regisseur Leos Carax (Die Liebenden von Pont-Neuf) in Holy Motors aufspannt, lässt sich nicht logisch erklären; auch dann nicht, wenn man ihn sich als Science-Fiction denkt, als sarkastische Zukunftsvision einer Gesellschaft, in der Wirklichkeit nur noch als Inszenierung erfahrbar ist.

     

    Dabei beginnt doch eigentlich alles ganz harmlos. Es scheint ein Morgen wie viele andere. Der Geschäftsmann Monsieur Oscar (Denis Lavant) verabschiedet sich von seiner Familie, verlässt die elegante Pariser Vorstadtvilla, wird von seiner Chauffeurin Céline (Edith Scob) in einer weißen Luxuslimousine abgeholt und zur Arbeit in die City gefahren. Als Monsieur Oscar dann aber in der Nähe der Seine aussteigt, ist es vorbei mit der Normalität. Während der Fahrt hat er sich als alte Bettlerin verkleidet. Gebückt und zerlumpt hinkt er zu einer geeigneten Stelle und hält die Hand auf. Einige Zeit später kehrt dann Céline zurück und chauffiert ihn zu seinem nächsten Auftrag.

     

    Immerhin soviel Erzähllogik lässt sich aus dem grotesken Tagesablauf nämlich destillieren: Bei Monsieur Oscar handelt es sich um einen Schauspieler, der in wechselnde Rollen schlüpft; allerdings weder im Theater noch bei Dreharbeiten zu einem Film. Abgesehen vielleicht von seinem Auftritt als Motion-Capture-Darsteller im Datenanzug. Choreografisch bilden die wirbelnden Lichtpunkte in der erotischen Tanzszene, die er gemeinsam mit einer Partnerin aufführt und die im Hintergrund in das Liebesspiel (oder den Kampf?) zweier Aliens umgerechnet wird, einen Höhepunkt des Episodenfilms. Was aber das bizarre Handlungsgeschehen betrifft, an dem in Nebenrollen auch Kylie Minogue und Michel Piccoli beteiligt sind, ist das gerade Mal der Anfang.

     

    In seiner nächsten Rolle, einer Variante des Monsters aus Die Schöne und das Biest, drängt sich Monsieur Oscar bei einem Fotoshooting auf dem Friedhof Père Lachaise in die Zuschauermenge. Er entführt das von Eva Mendez verkörperte Model und flieht mit ihr in das weitläufige Kanalsystem unter der Stadt. Es folgen Auftritte als ein Killer, der seinen Doppelgänger ersticht, als ein Vater, der seine Tochter von einer Party abholt oder als alter Mann im Sterbebett. Offensichtlich sind die meisten Menschen, denen Oscar begegnet, in das Spiel eingeweiht. Oft weiß man trotzdem nicht, wo es endet. Alles erscheint eine einzige riesige Inszenierung, jedoch ohne Kameras, ohne Zuschauer. Die Wirklichkeit selbst wird zur Bühne.

     

    Indirekt knüpft Carax mit diesem Gedanken an seinen letzten Kinospielfilm Pola X (1999) an. Mehr als zehn Jahre sind seitdem vergangen, in denen Carax vergeblich versucht hat, auch auf dem englischsprachigen Markt Fuß zu fassen. Statt Hollywood zu erobern, kehrt er mit Holy Motors nun gewissermaßen zurück zu seinen Wurzeln. Anders aber als der zwischen Bourgeoisie und Unterwelt changierende Held in Pola X muss Monsieur Oscar gleich Dutzende Lebenswelten miteinander vereinbaren. Die einzige Heimat bietet ihm dabei die weiße Limousine, mit der er unterwegs ist. Darin kann er sich mit Céline über seine Auftritte unterhalten und trifft er sogar einmal einen seiner mysteriösen Auftraggeber.

     

    Ähnlich wie jüngst in David Cronenbergs DeLillo-Adaption Cosmopolis fungiert die überlange Luxuslimousine auch in Holy Motors als Schaltzentrale fiktionaler Parallelwelten. Im Gegensatz zur kapitalismuskritischen Metaphorik von Cosmopolis lässt sich die Entfremdungssymbolik in Holy Motors jedoch nicht so leicht konkretisieren. Virtuos spielt Leos Carax mit den fluiden Identitäten seiner Figuren ebenso wie seiner Zuschauer. Dabei verschachtelt er die verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu einem logisch unmöglichen Wahrnehmungsraum: einer ebenso faszinierenden wie komischen Essenz des Kinos.

     

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