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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 11:32

    Im Kino: The Rum Diary

    11.08.2012

    Der junge Mann und der Suff

    Wenn die Namen Johnny Depp und Hunter S. Thompson in einem Satz fallen, denkt die Mehrzahl der Filmfreunde vermutlich sofort an Terry Gilliams schräges Roadmovie Fear and Loathing in Las Vegas. Dass den stilbildenden Journalisten und Schriftsteller Thompson bis zu seinem Suizid 2005 auch eine enge Freundschaft mit Depp verband, wissen dagegen wohl die wenigsten. Von DANIEL APPEL

     

    Nicht zuletzt diese Freundschaft dürfte einer der Gründe gewesen sein, aus denen sich Johnny Depp so stark für die Verfilmung von Thompsons lange verschollen geglaubtem Roman-Erstling The Rum Diary einsetzte. Und so verwundert es kaum, dass Depp neben seinem Herzblut als Schauspieler auch seine finanziellen Möglichkeiten als Produzent in die gleichnamige Roman-Adaption einbringt. Aber reichen leise Hemingway-Anklänge, garniert mit dem Geld und der Leidenschaft des möglicherweise populärsten Hollywood-Stars unserer Zeit, um Thompsons Romanvorlage adäquat für die Leinwand zu adaptieren?

     

    Und ewig lockt der Rum

    Puerto Rico im Jahre 1960: Auf dem idyllischen Inselparadies brodelt es gewaltig. Während die puerto-ricanische Bevölkerung wenige Jahre zuvor erste politische Rechte erstritten hat, schlägt der imperialistische Einfluss der USA in allen anderen Lebensbereichen weiterhin voll durch. Die einheimischen Arbeitskräfte werden ausgebeutet, Strände und Bauland durch halbseidene Geschäftsmänner mittels illegaler Machenschaften an US-amerikanische Großinvestoren verschachert und jedwede Form von organisiertem Arbeiterwiderstand wird durch die Heranziehung billiger Streikbrecher unterlaufen.

     

    Vor dem Hintergrund dieser angespannten politischen Lage kommt der erfolglose New Yorker Schriftsteller Paul Kemp (ein Alter Ego von Hunter S. Thompson) nach Puerto Rico, um für die finanziell angeschlagene Hauptstadt-Postille The San Juan Star zu schreiben. Selbst dem Rum stark zugeneigt, erfährt Kemp von seinem fatalistischen Chefredakteur Lotterman (Richard Jenkins), dass eigentlich die gesamte Redaktion aus arbeitsmüden Säufern besteht und Kemps Anstellung bei der Zeitung der letzte Versuch ist, das Schmierblättchen vor der Pleite zu bewahren.

     

    Trotz seines Hangs zum Suff, versucht Kemp sich zunächst mit seinem desillusionierten Kollegen Bob Sala (Michael Rispoli) und dessen ständig volltrunkenen Mitbewohner Moberg (Giovanni Ribisi) gegen die Pleite des San Juan Star zu stemmen. Schnell stellt er allerdings fest, dass mit den rührseligen Auftragsarbeiten über die Bowlingerfolge fetter US-Touristen kein Blumentopf zu gewinnen ist; und so versucht er sich neben Hahnenkämpfen, Schnapsproduktion und Sauftouren an sozialkritischen Reportagen über die Missstände auf der karibischen Insel. Lotterman weigert sich allerdings, mit dem Verweis auf die weiße Touristen-Leserschaft, derart unamerikanisches Zeug zu drucken.

     

    Nun auch selbst vollständig desillusioniert was seine Arbeit betrifft, versinkt Kemp endgültig im Rumrausch und verliebt sich in Chenault (Amber Heard), die Verlobte des aalglatten Geschäftsmanns Sanderson (Aaron Eckhart). Dieser führt ihn in die Welt der neokolonialistischen Investorenoberschicht von Puerto Rico ein, die gemäß dem Wilde-Wort »den Preis von allem und den Wert von nichts« kennt und bietet ihm den schnellen Dollar für seine Beteiligung an einem illegalen Immobiliengeschäft. Hin und hergerissen zwischen moralischen Bedenken, dem Wunsch nach ein wenig Erfolg, der Zuneigung Chenaults und dem ausufernden Genuss von Hochprozentigem, wankt Kemp meist trunken über das rumgeschwängerte Eiland und stolpert dabei beinahe zufällig über die wichtigen Fragen des Lebens – denen er im Rausch auf die Spur zu kommen versucht.

     

    Fear and Loathing in San Juan?

    Wer aufgrund der Tatsachen, dass The Rum Diary auf einem Roman von Hunter S. Thompson beruht und Johnny Depp den Protagonisten mimt, einen ähnlich durchgeknallten Trip wie in Fear and Loathing in Las Vegas erwartet, wird wohl nach dreißig Minuten enttäuscht aus dem Kino flüchten. Denn wenn Thompsons autobiographische Romane eines nicht sind, dann einheitlich. Und so merkt man zumindest dem Roman von The Rum Diary an, dass er von einem zwölf Jahre jüngeren Thompson in einer ganz anderen Lebensphase als Fear an Loathing geschrieben wurde.

     

    Die eigentliche Geschichte des Romans, die Flucht eines wütenden und trinkenden Post-Adoleszenzlers aus der bedrückenden Enge des Amerika der Eisenhower-Ära, erzählt die Filmadaption aber nur bedingt. Das mag zum einen daran liegen, dass die exakte Umsetzung der Romanvorlage kaum in der Lage gewesen wäre, die angepeilten zwei Stunden Laufzeit des Films angemessen mit Handlung zu füllen; zum anderen daran, dass man dem beinahe fünfzigjährigen Depp die Rolle eines jungen rebellischen Burschen kaum mehr abkaufen würde. Stattdessen wird Kemp kurzerhand zu einem eloquenten gescheiterten Schriftsteller mit zwei unveröffentlichten Romanen erklärt, der langsam aber sicher auf die mittleren Jahre zumarschiert und sich nach bester Hollywood-Manier in eine schwer erreichbare Frau verliebt.

     

    Nimmt man die erstgenannte Drehbuch-Anpassung noch wohlwollend in Kauf, allein um einen Johnny Depp in Hochform erleben zu dürfen, wirkt zweitere völlig deplatziert. Bereits das erste Kennenlernen von Kemp und Chenault bei einem nächtlichen Bad am Hotelstrand driftet auf der Dialog-Ebene in kitschigste Gefilde ab. Vom Meerjungfrauen-Sprüchlein bis zur klassischen Einladung auf einen Drink an der Hotelbar werden sämtliche Hollywood-Klischees innerhalb von dreißig Sekunden bedient, gekrönt von der prophetischen Aussage Kemps, dass sich da nun etwas anbahnen werde.

     

    Auch bei den folgenden Begegnungen bleibt die Faszination Kemps für Chenault dem Zuschauer ein Rätsel, da jenseits von langen Blicken und tiefen Dekolletés kaum eine Szene die emotionale Beziehung der beiden näher thematisiert. Überhaupt versucht das Drehbuch häufiger, seinen übergroßen Mut zur Lücke mit Hilfe des Hollywood-Holzhammers auszugleichen. Zwar wird die politisch-soziale Situation auf Puerto Rico durch Kemps Arbeit bzw. die Streifzüge mit seinem Kollegen Sala durch die einheimischen Bars und Hahnenkampfarenen angenehm subtil eingefangen und eindrücklich mit der Lebenswelt der ansässigen US-Oberschicht kontrastiert, der größere politische Rahmen der Handlung jedoch bisweilen äußerst plump umrissen.

     

    So offenbart sich die drastische Opposition Kemps zum Eisenhower-Amerika in der Frühphase des Films bestenfalls andeutungsweise in zwei eher belanglosen Wortgefechten mit seinem Chefredakteur. Um diese Scharte wieder auszuwetzen, muss Kemp kurz darauf bei der plakativen Übertragung eines Fernsehduells zwischen Nixon und Kennedy eine Reihe markig-zynischer Kommentare raushauen, die an seiner politischen Gesinnung nicht den leisesten Zweifel lassen. In eben diesen Szenen manifestiert sich dann auch die größte Schwäche des Films: das unentschiedene Schwanken des Drehbuchs zwischen Werktreue und Hollywood-Verklitterung.

     

    Die Crew muss ordentlich schöpfen

    Dass The Rum Diary trotz der markanten Schwächen des Drehbuchs nicht in der karibischen See absäuft, verdankt der Film in erster Linie seiner brillant aufspielenden Besetzung. Allen voran schreitet ein geradezu beschwingter Johnny Depp, der seine Rolle jenseits all der überschminkten Piraten, Vampire und Hutmacher der letzten Jahre sichtlich genießt. Bereits in den ersten Minuten schafft es Depp dem verkaterten Kemp – der dem sichtlich pikierten Zimmerservice den Zustand des randalierten Hotelzimmers zu erklären versucht – einen großartigen charmant-süffisanten Unterton zu verleihen, der sich im Laufe des Films zu seinem Markenzeichen entwickelt.

     

    Dass neben all der Koketterie mit dem Dauersuff auch eine gehörige Portion Idealismus und Intelligenz in Kemp steckt, transportiert Depp trotz viel Augenzwinkerns glaubwürdig, wenn er beispielsweise Sanderson und seiner Investorenclique beim Pläneschmieden beiwohnt oder seine Pläne zum Druck einer letzten kritischen Ausgabe des San Juan Star verfolgt. Zwar wäre es vermessen davon zu sprechen, dass Depp hier die Rolle seines Lebens spielt, aber eine derartige Verve hat man im letzten Jahrzehnt nur selten von dem Wahl-Franzosen gesehen.

     

    Nicht minder erwähnenswert ist Michael Rispoli in seiner Rolle als Kemps Sidekick Bob Sala. Wirkt der Fotograf des San Juan Star zu Beginn noch etwas blass, entwickelt er sich in seiner Rolle als Stadtführer und späterer Mitbewohner Kemps zu einem der Hauptsympathieträger des Films. Insbesondere seine Begeisterung für Rum und Hahnenkämpfe vermag Rispoli gekonnt und authentisch zum Ausdruck zu bringen, während er seinem dicklichen Charakter eine gewisse verschwitzt-tollpatschige Attitüde zu verleihen vermag, die den Humor in Szenen wie der Verfolgungsjagd mit Kemp auf dem Schoß unterstreicht, ohne sie in bloßen Klamauk abdriften zu lassen.

     

    Auch der als Antagonist gern bemühte Aaron Eckhart haucht seiner etwas knapp umrissenen Rolle als dekadent-skrupelloser US-Immobilienhai hinter netter Fassade überzeugend Leben ein: Gekonnt meistert er den Spagat zwischen sympathischer Partyplauderei als PR-Berater und rassistischem Hetzer, der Einheimische unter wüsten Drohungen von der Grenze seines Privatstrands vertreibt. Lediglich Amber Heard, die in ihrer undankbaren Rolle als Chenault erschreckend blass bleibt und Giovanni Ribisi als (zu) stark überzeichnetes, dauernuschelndes Alkoholwrack, trüben den Gesamteindruck ein wenig – sind aber angesichts der qualitativen Übermacht des restlichen Ensembles schnell vergessen.

     

    Der Morgen danach...

    The Rum Diary ist wie das namensgebende Getränk, ein durchaus zweischneidiges Schwert. Die wunderschöne karibische Kulisse mit ihren Palmen und dem farbenfrohen Altstadtflair sowie die stimmungsvolle musikalische Untermalung sind geschmacklich verführerisch und machen von vornherein Lust auf mehr.

     

    In seinen besten Momenten ist The Rum Diary unterhaltsam, optisch berauschend, lustig und bietet sogar atmosphärische Anklänge an Hemingways literarische Rumphantasien. Kommt der Film Thompsons Romanvorbild zumindest in dieser Hinsicht nahe, verliert er die Vorlage aber leider an zu vielen Stellen komplett aus dem Blick: Die Filmromanze wirkt aufgesetzt, der Suff auf Puerto Rico als doppeltes Motiv der Flucht Kemps vor sich selbst wird viel zu oberflächlich behandelt und zahlreiche Szenen hätte sich der geneigte Hunter S. Thompson-Leser in ihrer Ausgestaltung weitaus radikaler gewünscht.

     

    Dass sich der Kater am nächsten Morgen trotz des löcherigen Drehbuchs und dem allzu seichten Plot in Grenzen hält, ist hauptsächlich Depp und Konsorten zu verdanken. Mit viel Elan gestalten die Akteure die vielen narrativen Leerstellen des Films zu Freiräumen um, in denen sie ihren Charakteren durch kleine Handlungen, Gesten und Eigenheiten eindrucksvoll Leben einhauchen. Über weite Teile ist es schlicht und ergreifend das Spiel der Beteiligten, das den Film über längere Durststrecken rettet.

     

    Ein ganzes Stück von der abgedrehten Genialität eines Fear and Loathing in Las Vegas entfernt, ähnelt The Rum Diary einem klassischen Mid-Range-Daiquiri: Für den ungeübten Rumtrinker an einem lauen Sommerabend ein erquickendes Getränk, für den erfahrenen Rumfreund zu wenig gehaltvoll und mit zu vielen Kompromissen angereichert.

     

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