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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 03:38

    Arthaus Retrospektive: Tagebuch einer Kammerzofe (DVD)

    02.08.2012

    Die andere Kammerzofe

    1964 kam Luis Bunuels Tagebuch einer Kammerzofe in die Kinos, das nicht zuletzt wegen Jeanne Moreau in der Titelrolle zu einem großen Erfolg wurde. Der Film basiert, sehr frei, auf dem gleichnamigen Roman von Octave Mirbeau, der 1900 erschienen ist. 18 Jahre vor Bunuel gab es bereits eine Verfilmung des Stoffes, und ihr Regisseur war kein Geringerer als Jean Renoir. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Das Ungewöhnliche an Renoirs Tagebuch einer Kammerzofe ist die bedenkenlose Mischung unterschiedlicher Genres: der Komödie, des Melodrams, des Thrillers, des politischen Dramas. Die Kammerzofe Célestine, die hier von Paulette Goddard gespielt wird, Charlie Chaplins Partnerin in Modern Times und Der große Diktator, und der Diener Joseph, verkörpert von Francis Lederer, sind – schon beim Anarchisten Mirbeau – ambivalente Figuren. Célestine hat nur ein Ziel: einen reichen Mann zu finden, um sozial aufzusteigen. Joseph ist sogar ein Mörder, dramaturgisch betrachtet der klassische Bösewicht. Aber beide repräsentieren zugleich den Widerstand gegen die Arroganz der herrschenden Klasse.

     

    Nicht zufällig gipfelt Renoirs Film im Fest zum 14. Juli. Die »Revolution« wird nicht idealisiert, aber es ist immerhin eine Revolution gegen ein System der Demütigung und der Ausbeutung. In ihrer Habgier spiegeln Célestine und Joseph lediglich, was bei den „Herrschaften“ als normal hingenommen wird. Da kommen noch der sentimentale, gegen seine Familie rebellierende Held Georges und die halbverrückten Alten, Captain Lanlaire und Captain Mauger, am besten weg – Letztere vielleicht, weil sie die komischen Figuren der Handlung sind. Hassfigur ist die emotionslose, geizige Madame Lanlaire, dargestellt von Judith Anderson, der Mrs. Danvers aus Hitchcocks Rebecca.

     

    Der Vergleich der Filme von Bunuel und Renoir ist aufschlussreich. Er zeigt nachdrücklich, wie sehr die Verfilmung eines Stoffes von der Handschrift des Regisseurs abhängt – jedenfalls wenn der so profiliert ist wie diese beiden Meister. Bunuel bringt seine individuellen Obsessionen ein, der sexuelle Subtext, der bei Octave Mirbeau vorhanden ist, rückt in den Vordergrund. Renoir ist auch im Tagebuch einer Kammerzofe dem poetischen Realismus verpflichtet, freundlicher, weniger sarkastisch als Bunuel. Beide aber unterdrücken nicht die politische Dimension des Stoffes. Sie setzen unterschiedliche Akzente. Bei beiden aber bleibt die Parteinahme für die da unten unmissverständlich. Diese Haltung ist im Spielfilm selten geworden.

     

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