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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:04

    Neu auf DVD: Das Wort (Arthaus Retrospektive)

    28.07.2012

    Zeit der Wunder

    Ingmar Bergman und Andrej Tarkowski sind selbst in unseren geschichtsvergessenen Zeiten wenigstens dem Namen nach noch im öffentlichen Bewusstsein. Für Carl Theodor Dreyer gilt das nicht. Einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte ist praktisch  unbekannt, und selbst Liebhaber der Filmkunst wissen in der Regel allenfalls, dass Dreyer in seiner Passion de Jeanne d'Arc fast ausschließlich mit Großaufnahmen gearbeitet hat. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Was den Dänen Dreyer mit dem Schweden Bergman und dem Russen Tarkowski verbindet, ist eine tiefe Religiosität. Sie ist die Voraussetzung für ein Hadern mit Problemen, die dem Nicht-Religiösen eher obskur erscheinen. Der 1955 veröffentlichte vorletzte Film Dreyers Das Wort (Ordet) handelt vom (rechten) Glauben, von verderblichem Zweifel. Durch den gesamten Film wandert ein Gottesnarr wie aus einem Roman Dostojewskis, und am Schluss bewirkt er ein veritables Wunder.

     

    Das ist nicht nach jedermanns Geschmack. Und man kann sich ja, wie beim Schluss von Joseph Roths Hiob, zur Not damit behelfen, dass man das Wunder, in diesem Fall die Erweckung einer Toten zum Leben, als Metapher versteht, als Einbildung des anwesenden Kindes, als künstlerischen Einfall. Damit aber würde man dem Film nicht gerecht. Die Fragen, die er diskutiert, sind schon von originär theologischem Interesse, Dreyer nimmt sie ernst.

     

    Wenn Das Wort auch den Agnostiker berührt, wenn es auch jenen fasziniert, der für das Mystische keine Ader hat, der nach rationalen Erklärungen verlangt, so liegt das an der filmischen Qualität dieses Meisterwerks. Die Wucht der Inszenierung, die Intensität der Darstellung, die differenzierten Grauwerte der Bilder, die sparsamen Landschaftsaufnahmen in den Dünen, die sehr nordische Versinnlichung des archaischen bäuerlichen Milieus, die Melodie der Dialoge bei fast völligem Verzicht auf Musikuntermalung – das alles hat nach mehr als einem halben Jahrhundert nichts von seiner Wirkung verloren. Und ohnedies gelten für die Künste andere Regeln als für das »wirkliche Leben«. Man muss nicht gläubig sein oder esoterische Neigungen haben, um sich an den Fantasien eines E.T.A. Hoffmann oder den jeder Erfahrung widersprechenden Bildern eines Magritte zu erfreuen.

     

    Dreyer gehört wie Tarkowski und wie ein anderer religiöser Regisseur, wie Bresson, zu den Liebhabern der Langsamkeit. Seine Figuren bewegen sich allesamt träge, selbst wenn sie erregt sind, sie sprechen fast durchgehend leise, die Kamera bewegt sich langsam, die Einstellungen nehmen sich Zeit. Sie üben einen Sog aus auf den Zuschauer, statt ihn zu überrumpeln.

     

    Zwar sind die Wendungen in der Handlung voraussehbar, das Drehbuch nach einem Drama des Pastors Kaj Munk, der von der SS ermordet wurde, ist nicht frei von Klischees, aber Details sind durchaus unkonventionell. So werden die Antagonisten, der Großbauer Morten Borgen und der Schneider Peter Petersen, nicht diametral als Gegensatzpaar gezeichnet, sondern können, bei aller Abneigung, respektvoll und ruhig miteinander reden. Man muss nur an die gleichzeitig entstandenen deutschen und österreichischen Heimatfilme denken, an das Bild, das sie vom bäuerlichen Milieu entwarfen, um zu erkennen, welche Welten zwischen ihnen und Dreyers Wort liegen.

     

    Auch die Nebenfiguren, etwa der Arzt und der Pastor, in denen wir Ibsens Erbe zu identifizieren meinen, zeichnen sich durch subtile Charakterisierung aus. Sie stehen für den Gegensatz von Glaube und Wissenschaft, und doch tragen sie beide auch ein Quäntchen des anderen in sich. Es gibt keine wirklich böse Figur in Dreyers Film. Vielleicht liegt darin das Geheimnis: dass seine Religiosität human, aber keinen Augenblick bigott ist. Johannes, der »verrückte« Sohn, vollbringt sein Wunder just, als er von seinem Wahn, Jesus zu sein, geheilt ist – als Mensch, nicht als Gottessohn.

     

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