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    Samstag, 29. April 2017 | 11:31

    Alban Berg: Lulu (DVD)

    19.07.2012

    Die Oper des 20. Jahrhunderts schlechthin

    Nur zwei Jahrzehnte liegen zwischen der Entstehung des Rosenkavaliers und der Fragment gebliebenen Lulu. Was aber bei der Oper von Richard Strauss irritiert (und manche Fans gerade begeistert), dass Hugo von Hofmannsthal ein völlig anachronistisches Libretto beigesteuert hat, trifft auf Alban Bergs zweite Oper nicht zu: Hier haben mit Wedekinds Stück, das er aus seinem Erdgeist und der Büchse der Pandora kombiniert hat, und der Komposition des Schönberg-Schülers zwei Kunstformen zusammengefunden, die auf der Höhe der Zeit standen und bis heute den Anspruch der Modernität bewahrt haben. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Lulu ist eine Provokation für jeden Regisseur und jedes Publikum geblieben, was sich auch an den widersprüchlichen Reaktionen auf die Inszenierung der Salzburger Festspiele von 2010 ablesen lässt, die jetzt als Doppel-DVD vorliegt.

     

    So einhellig positiv, wie der Jubeltext des Lohnschreibers im Beiheft suggeriert, war die Kritik jedenfalls nicht – und in diesem Fall trat auch nicht die gewohnte Zweiteilung in »konservative Österreicher« und »aufgeschlossene Deutsche« ein. Die FAZ bemängelte: »Nemirovas phantasievolle Einfälle wollen sich nicht wirklich zu einem stimmigen Bild fügen.« Die Welt befand: »Die Inszenierung blieb fade und ohne These.«

     

    Und Die Presse präzisierte aus Wien: »Wenn Nemirova freilich geholt worden ist, um den im bisherigen Festspielsommer szenisch eher verschlafenen Opernbetrieb drastisch wachzurütteln, dann hat sie ihr Plansoll nicht erfüllt. Für den genau definierten historischen Ort, die damit verbundenen Konventionen und die von Alban Berg so minuziös entworfene Bogenform des Ganzen (der Abstieg Lulus in die Gosse und das tödliche Ende haben einst das skandalös-unfeine Sujet in gewisser Weise ›moralisch‹ legitimiert) interessiert sie sich ebenso wenig wie für den in Wedekinds Lulu-Dramen vorgezeichneten, aus Groteske, Überzeichnung und Absurdität gespeisten Antirealismus – der wiederum nur in einem realistischen szenischen Rahmen seine Wirkung entfalten kann.«

    Dem widerspricht der konkurrierende Standard: »Vera Nemirova hat schon mehrfach ihren Anspruch untermauert, Irritationen in ihre Inszenierungen einzubauen und Opernhandlungen weiterzuerzählen. Denkanstöße zu geben und gesellschaftliche Implikationen der Stücke aufzuzeigen erschien dabei zuweilen wichtiger als absolute Schlüssigkeit. Dennoch: Wer genau hinsieht, entdeckt bei ihr zwingende Handlungszusammenhänge, die auf genaue Analysen schließen lassen.«

     

    Mittel- und Höhepunkt dieser Aufführung der von Friedrich Cerha kongenial komplettierten Fassung ist Patricia Petibon. Sie ist, gesanglich, schauspielerisch wie als Typus die ideale Besetzung für die Titelrolle schlechthin. Sie hat jene unschuldigen Kinderaugen, von denen im Text die Rede ist, und sie hat jene erotische Ausstrahlung, die glaubwürdig macht, dass die Männer dieser Kindfrau, diesem »Tier« verfallen. Sie ist in jeder Bewegung Täter und Opfer zugleich, Produkt und Spielball einer gnadenlosen Männerwelt, für die nichts so viel gilt wie das Geld. Wenn sie mordet, ist ihre eigene Ermordung vorgezeichnet. Sie hat mit Brechts selbstbewussten Huren mehr zu tun als mit den frommen Prostituierten Dostojewskis. Aber Wedekind und Berg romantisieren ihr Schicksal nicht. Wenn sie am Ende von Jack the Ripper getötet wird, den der Sänger ihres Gönners Dr. Schön zu verkörpern hat, dann ist das nur noch schrecklich und armselig.

     

    Für die Salzburger Inszenierung hat Dieter Richter ein knalliges Bühnenbild geliefert, das sich zu verselbständigen droht, die Schauplätze aber ins Symbolische überhöht. Die bulgarische Regisseurin Vera Nemirova setzt auf maximale Sinnlichkeit. Sie rückt mit dem Geschehen dem Publikum buchstäblich auf die Pelle, wenn sie nach der zweiten Pause, zu Beginn des dritten Akts, über längere Zeit im Zuschauerraum spielen und singen lässt und unmissverständlich zu verstehen gibt, dass dort genau Lulus Kundschaft sitzt, die »bessere Gesellschaft«, die ausbeutet, was sie verachtet.

     

    Dem Ensemble wird nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch viel abverlangt, und es bewältigt die Aufgabe mit Bravour. Dabei beweisen die Wiener Philharmoniker unter Marc Albrecht, dass ihnen die Zweite Wiener Schule längst nicht mehr so fremd ist, wie es noch vor einiger Zeit schien. Eine neue Generation von Musikern ist herangewachsen, die mit dieser Tonsprache nicht nur technisch (das sowieso), sondern auch interpretatorisch höchst differenziert umzugehen vermag.

     

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