Neu im Kino: Samsara
23.07.2012
Erleuchtung garantiert
Lichtspielhäuser sind für Ron Fricke eine Art Tempel. Sie waren es seiner Aussage nach, als der Filmautor und Kameramann Kind war, und sind es noch heute. Samsara, das visuelle Vexierspiel des Regisseurs von Baraka, den er wie zuvor Chronos mit Mark Magidson realisierte, erkor die Leinwand zum Ort einer filmischen Erfahrung, die mehr theokratischer als kinematischer Natur anmutet. Von LIDA BACH
»Die Zuschauer sitzen im Dunkeln, alle ihre Sinne sind gespannt und die Möglichkeit, sich gegen etwas zu wehren oder sich abzulenken ist im Kino sehr gering«, hat Fricke beobachtet. Im Beobachten ist er ein Meister, nicht nur dem der mentalen Aufnahmebereitschaft des Publikums, sondern effektiven Mitteln sie zu füllen: Ikonografien.
Das Reich und die Herrlichkeit
Sie besetzen jede Sekunde des 100-minütigen Flugs durch eine globale Gemäldegalerie, die sich durch 25 Länder von flüssigem Gestein zu gefrorenem Wasser, von majestätischen Berggipfeln zu schillernden Hochhaussilhouetten, von ruhigen Stammesdörfern zu rastlosen Metropolen, von der Überflussgesellschaft zur Mangelwirtschaft streckt. 6000 Sekunden, die das Imaginarium fundamentale Filmaufnahmen aneinanderreiht, sind eine lange Zeit. Eine gefühlte Ewigkeit, auf die der nach dem Sanskrit-Begriff für den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens gewählte Titel anspielen könnte. Könnte, wenn Ironie und Humor in dem Großleinwandstreifen nicht abwesend wären. Ernster als die Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt nimmt der weltweite Katalog an Kameraaufnahmen sich selbst. So wie das spirituelle Mandala, das in einer frühen Szene buddhistische Mönche in filigraner Handarbeit aus farbigen Sandkörnern schaffen, nur um es in einer der letzten Aufnahmen kurz nach Fertigstellung wieder zu verwischen, scheint Samsara sich selbst zur Bildmetapher erkoren zu haben.
Unzählige bunte Partikel fügen sich zu einem einzigartigen Werk auf der Schnittstelle von Religion und Kunst, das in seiner Aussage ebenso gegenwärtig wie zeitlos ist. Und trotz seiner physischen Flüchtigkeit in seiner metaphysischen Bedeutsamkeit ewig scheint. Die Gegensätzlichkeit eint eine kundige, wenn nicht gar von höherer Macht geleitete Hand. »Geführte Meditation« nennt Fricke das Induktionskonzept »auf einer großen Leinwand so etwas Großartiges« zu zeigen, »ganz ohne Worte«. Letzte ersetzen gravitätische Panoramen, die das Breitbandformat bis in den letzten Winkel ausschöpfen und Klangkompositionen zwischen Gebetslitaneien, Instrumentaltönen und Popmusik. Der Glaube in unterschiedlichen religiösen Varianten ist filmischer Anfang, Zentrum und Endpunkt und dort wo er es kulturell nicht ebenfalls ist, scheint die Gesellschaft aus den Fugen geraten. Ein Künstler im Anzug, der sich mit Schminke immer groteskere Maskengesichter formt, wird zum Symbol für die kreative Hybris des Menschen.
Alles ist erleuchtet
Er konstruiert mit Technikwissen seelenlose Roboter, kreiert mit Bildhauerei Sexpuppen und nutzt Medizinkenntnis zu am Beispiel von Prostituierten dargestellten Geschlechtsumwandlungen. Die intendierten Assoziativen verraten wenig über die soziokulturellen und theosophischen Zusammenhänge der Gegenwart und viel über die verkappte Bigotterie der Bilderschau, die Fortschritt als Degeneration und Säkularisierung als Perversion auffasst. Die Auslieferung bei der Filmvorführung sei »der beste Augenblick, um die Menschen mit einer Botschaft auch wirklich zu erreichen«, sagt Fricke, dessen szenische Gegenüberstellung von Massenkonsum und Massentierhaltung oder Waffenbesitz und Waffengewalt zu simpel ist, um den Anspruch des Kontemplativen zu erfüllen. Hält der Bildersturm inne, damit Menschen traurig-wütend daraus starren, scheinen sie die Zivilisation anzuklagen, deren Übel nur Gebete heilen.
Diese religiöse Lobhudelei scheint die von Magidson gepriesene »universelle Sprache des Films« zu sein, auf deren intellektuelle Wüste, die sich mit dem Schlussbild einer geologischen auftut, Fricke verweist : »Manche Leute halten das für ein reines Schwelgen in Schauwerten!« Zu Recht.
|
... bis sie dann gestorben sind.
Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...
Petraeus und sein Stab
Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...
Musik in Schwarz-Weiß
Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...
10 Gründe, Engelmann zu lieben
Aufgelistet von BRIGITTE HELBLING
Der Spielplatz macht zu
Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...
|