Wer mit der historisierenden Texttreue, die Nikolaus Harnoncourt mit seinen Mozart-Interpretationen als neuen Standard etabliert hat, nicht so viel anfangen kann, findet im satten Klang der Wiener Philharmoniker, die der 72-jährige Karl Böhm im Sitzen dirigiert, jene Alternative, die über Jahrzehnte hinweg als vorbildlich galt.
Regie führt der damals hoch angesehene Günther Rennert. Subtexte politischer oder psychologischer Art, die modernere Inszenierungen auszeichnen, interessieren ihn kaum. Seine mittlerweile etwas veraltet wirkende Auffassung setzt auf die Komik des Librettos, und zwar auf die Situationskomik, nicht die Typenkomik, und arbeitet die Konturen der nicht immer leicht durchschaubaren Handlung scharf heraus. Die Intrige und die sozialen Implikationen werden ebenso deutlich wie die erotischen Verwicklungen. So deutlich wie hier wurde die Entwürdigung noch selten, die darin besteht, dass der Graf sich bei Frauen niedrigen Standes noch nicht einmal um Verführung bemühen muss, sondern einfach Geld anbietet. Die Kostüme verweisen auf die Lebenszeit Mozarts, die Fabel aber scheint zeitlos.
Die Besetzung ist so erstklassig, wie sie das Publikum zu Karajans Zeiten erwartete. Man kam wegen der Sänger nach Salzburg. Der bis heute attraktive Mittelpunkt aber ist der damals 37-jährige Walter Berry in der Titelrolle. Er galt, als Typus, schauspielerisch und sängerisch, lange als der ideale Figaro, der nur noch durch den Papageno desselben Stars übertroffen wurde. Edith Mathis, die den Cherubino singt, übernahm drei Jahre später, in der Regie von Jean-Pierre Ponnelle, die Susanna. 1966 brillierte die Afro-Amerikanerin Reri Grist in dieser Rolle. In den darauffolgenden Jahren gehörte sie zum Stammpersonal der Salzburger Festspiele und trat in fast sämtlichen attraktiven Mozart-Rollen ihrer Stimmlage auf.