Kern(kraftwerk) des Bösen
Die Hauptattraktion der Sightseeingtour thront am Stadtrand gleich einem industriellen Substitut
adligen oder klerikalen Bauprunks: der Atomreaktor, in dem es am 26. April 1988 zum GAU kam. Ein Vierteljahrhundert später hat die Natur laut Uri in dem Gebiet, das die Gruppe mit einem Armeebus besucht, ihr Recht eingefordert. Die Umschreibung ist auch ohne den blutigen Twist, den sie im Kontext der Handlung gewinnt, von morbidem Zynismus. Die Natur des Geisterorts, den mit gespenstischer Glaubhaftigkeit verfallende Trabantenstädte in Belgrad und um Budapest doublen, ist ein von Radioaktivität verseuchtes Monstrum mit dem vielköpfigen Antlitz missgebildeter Tiere und dem Pesthauch atomarer Strahlung. Sie hindert Michael daran, Relikte der Evakuierung als Andenken mitzunehmen – und wird dabei zum aufgezwungenen Souvenir der Reisenden. Einem, dass sie schwerer abschütteln können als das Unbehagen unter den blinden Augen der Fenster.
Der durch das Herumalbern Amandas, Pauls und ihrer Freunde sinnbildlich verhöhnte Gefahr geben die Chernobyl Diaries eine plastische Gestalt, die so vorhersehbar ist wie der Schrecken am Ende all der Horrorfilmstraßen, auf denen stereotype Figuren in dunkle Hinterwälder fahren. Die drückende Atmosphäre, die bleiern wie der Schutzmantel des Reaktors über dem Szenario liegt, bekommt gleich ihm mehr und mehr Risse. Sie klaffen desto weiter, je tiefer das teils improvisierte Script sich in altbekannte Genre-Konventionen verirrt. Der erste Schreckmoment ist nur Spaß, der zweite noch verhältnismäßig harmlos. Damit ist Schluss, als der Van nicht anspringt und das Funkgerät versagt. Dass der Motorschaden keine gewöhnliche Panne ist, wissen die Protagonisten, die mit der Dunkelheit Angst umschließt. Nach Handlungsschema F steigt der, der es am Besten besser wissen sollte, aus und wandert in die Finsternis; und weil er »Opfer« in kyrillischen Druckbuchstaben auf die Stirn geschrieben hat, läuft ihm einer hinterher, der nur zurückkommt, damit seine Verwundung die anderen ausbremst.
Wer verschwindet, dessen Blutspur folgt man bis zur zerfleischten Leiche. Wohl wahr: »Es sind noch andere Dinge dort draußen.« Sie können nur Täter sein, weil sie einst Opfer wurden und es noch sind: von technologischer Hybris, Politsystem und nicht zuletzt der Korrelation von Elends- und Katastrophentourismus und ökonomischem Pragmatismus. Solche moralischen Grauzonen indes meidet die morbide Spielerei, deren adäquate Metapher die Kulisse eines ausgestorbenen Rummelplatzes ist. »Es gibt andere Wege nach Pripyat«, heißt es einmal. Chernobyl Diaries hat den simpelsten gewählt.