Siehe den Menschen
Ebenso nüchtern lässt er sich zum Thema Musik aus, konstatiert, dass es die Neuerungen nicht mehr gebe, die das 21. Jahrhundert so dringend notwendig habe – Ecce Homo zeichnet das Portrait eines scharfsinnigen Realisten, aber auch das eines Skeptikers, der auf einen enormen Wissensfundus zurückgreift. Er sagt kaum etwas, das nicht mit Musik zu tun hat und wenn, dann bleibt er auf sachlicher Ebene, unterbricht ein Interview, um eine Jahreszahl nachzuschlagen, fällt seinen Gesprächspartnern abrupt ins Wort, wenn diese etwas Falsches oder für ihn Irrelevantes sagen, zitiert Boulez und andere aus dem Gedächtnis.
Doch zwischen all den verwackelten Kameraaufnahmen und stellenweise kreuz- und querlaufenden Diskussionen schaffen es Hinant und Lohlé auch, einen Eindruck von einem passionierten Hörer zu vermitteln. »Musik zu hören ist mysteriös«, stellt er noch sachlich fest, an anderer Stelle wird aber erkenntlich, was er meint: Als er über Fausto Romitellis An Index Of Metals spricht, ist er von eben der Bewunderung gezeichnet, die sonst ihm entgegen gebracht wird. Mit Sicherheit der intimste Moment, den das gesamte Portrait einfängt, und dabei sitzt Deliège doch mitten in einem Kreis von Fachgelehrten und Komponisten. Siehe da – da ist er, der Mensch Deliège. Dieser Mensch, der nur auf eine Frage keine Antwort geben kann, die ihn selbst befriedigen würde: Was empfindet man, hört man zum ersten Mal noch unbekannte Musik? Deliège versucht sich an vielen Antworten, schweift völlig ab, und gibt auf: »Ich weiß nicht – was denken Sie?«