Wolfsbrüder - jetzt im Kino!
07.06.2012
Zelebrierte Kongenialität
Am 13. Januar 2007 stieß Gerardo Olivares durch einen Zeitungsartikel auf die Thematik verwilderter Kinder. Das klingt erschütternd wie Francois Truffauts L`Enfant sauvage oder geheimnisvoll wie der legendenumwobene Fall Kaspar Hauser. Olivares sah es mehr drollig und abenteuerlich wie die Geschichte Mowglis. Nicht die in Rudyard Kiplings Dschungelbuch, sondern von Walt Disney mit animalischen und anthropomorphen Tieren, lieben und bösen Raubtieren und einer Männergesellschaft, in der Mädchen nur geduldet werden, um an die unbefriedigten Bedürfnisse der rauen Wilden zu erinnern. Von LIDA BACH
Unter deren Namen auf einer Internetseite, auf die der Zeitungsartikel verwies, entdeckte Olivares den Marcos Pantojas. Sofort habe er gewusst, dass sich dahinter eine Geschichte verbarg, die es zu erzähle galt, erinnert sich Olivares, der sich in die Aufzeichnungen über den 1953 mit sieben Jahren von der Zivilisation getrennten Jungen (Manuel Camacho) vertiefte. »Der Großteil der Landbevölkerung lebt in völliger Armut«, beginnt ein schulmeisterlich vorgetragener Einleitungstext: »So wird sie zu verzweifelten Taten gezwungen.« Solch eine Verzweiflungstat ist die von Marcos Vater (Vincente Romero). Vor die Wahl gestellt, Marco oder dessen Bruder (Augustin Rodriguez Lopez) dem Gutsherrn zu verkaufen, entscheidet er sich für Marco.
Mit den Wölfen heulen
Ruchloser als der Großgrundbesitzer Don Honesto (Jose Manuel Soto) während der Franko-Diktatur ist Marcos Stiefmutter (Luisa Martin). »Die Hexe« nennen sie die Brüder in Evokation der Märchengestalt der bösen Stiefmutter, die ihren Mann drängt, die Kinder auszusetzen, auf dass die wilden Tiere sie zerreißen. Letztes widerfährt den Ziegen, die Marco und sein Bruder hüten. Als Entschädigung für das Vieh wird Marco zu Don Honesto und von ihm zum eremitischen Ziegenhirt Atanasio (Sancho Garcia) gegeben wird. Wie froh er in dem großväterlichen Idyll in der malerischen Sierra Morena sei, lässt Olivares den kindlichen Helden selbst sagen.
Ihre leibliche Mutter sei im Himmel und beobachte sie, sagt Marcos Bruder. Tatsächlich jedoch beäugen die Kinder die Wölfe. Fürsorglich kümmern sich diese nach Atanasios Tod um Marco, der vorab mit ihnen Freundschaft geschlossen hat. Diese Verbundenheit der Wolfsbrüder zeigen die gefühlsselige Nahaufnahmen tiefer Wolfsaugen und klangvollem Geheul, die lediglich die banalsten Klischees von Wildheit multiplizieren. Die Faszination der Gemeinschaft verdrängt ein Bilderbogen aus Landschafts- und Tiermotiven von putzig über eindrucksvoll bis zu skurril. Zwischen diesen Angelpunkten pendelt Marco, der niemals zum autarken Charakter ausreift.
»Ich bin so oft betrogen worden, dass ich Angst hatte, dass es wieder passiert« (Marcos Pantoja)
Die Trennung von der Familie, Abgeschiedenheit, der Verlust der einzigen Kontaktperson mit Atanasios Tod, erzwungene Rückbringung in die Zivilisation, die nie ganz geglückte Einfügung in die menschliche Gesellschaft: die komplexen Motive nimmt der Abenteuerfilm mit einem Zeitsprung und beraubt sie allen dramatischen und psychologischen Potentials. »Als ich alles gelesen hatte, war ich sehr bewegt und wusste, dass die Geschichte die perfekte Vorlage für ein Drehbuch bot«, sagt Olivares. Das, welches er geschrieben hat, erzählt nicht das Schicksal Pantojas, es führt es vor. Die wahre Geschichte von Wolfsbrüder ist die eines Regisseurs, der auf einen fesselnden Stoff gestoßen ist und mit dessen Adaption seine angebliche Kongenialität zelebriert.
»Ich glaube, Wolfsbrüder wird ein großer Erfolg werden«, sagt Joaquin Gutierrez Acha im Interview. Der Leiter der Naturaufnahmen, dessen Panoramabilder es mitprägen, behielt Recht. Wenn nicht auf künstlerischer Ebene, dann auf kommerzieller.
Titelangaben:Wolfsbrüder - Entrelobos (Spanien, Deutschland 2011)
R: Gerardo Olivares
B: Gerardo Olivares
K: Oscar Duran
S: Ivan Aledo
M: Klaus Badelt
P: Jose Maria Morales
D: Juan Jose Ballesta, Manuel Camacho, Sancho Garcia, Carlos Bardem, Alex Brendenmühl, Eduardo Gomez, Luisa Martin, Dafne Fernandez, Antonio Dechent, Vincente Romero
107 Min.
Polyband Medien GmbH
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