TITEL kulturmagazin
Mittwoch, 29. März 2017 | 19:10

Polizeiruf 110 (RBB) - Die Gurkenkönigin (15.04.2012)

13.04.2012

Es ist, wie es ist

Diesen Film einen Krimi nennen, das wäre nicht falsch, aber voreilig. Der Mord ereignet sich eine Viertelstunde vor Zapfenstreich, und von Mord bis Aufklärung braucht’s ne halbe Minute. Und Schuld? »Schuld ist immer der, der abdrückt.« Noch Fragen? Weshalb die beiden Ermittler sich überhaupt auf dem Spreewälder Gurkenhof einmieten, nicht einmal das ist lückenlos begründbar; es ist die sympathisch intuitive Frei-nach-Schnauze-Haltung, mit der Horst Krause uns bereits in Schulze gets the blues verblüffte. Von WOLF SENFF

 

Ausschlaggebender Grund ist der Überfall, bei dem ursprünglich auch der Hof mit abgefackelt werden sollte. Der Täter stellt sich etwas dusslig an dabei, möchte man meinen, jedoch er entkommt. Klar, dass so was verfolgt wird, zumal im Ablauf der Ereignisse Krausens Dienstpistole abhanden kam: eine unglückliche Verkettung von Umständen – was jedoch weder Krause (Horst Krause) noch die Kommissarin Tamara Rusch (Sophie Rois) sonderlich stört, denn: So ist das Leben. Einfach genial!, könnte man jetzt ausrufen: Es handelt sich um einen Film, der uns zeigt, wie eigenwillig das Leben ist und dass es nach Regeln abläuft, die unseren dröhnenden Psycho-, Bio-, Gen- und sonst wie Wissenschaftlern auf immer und ewig verschlossen bleiben werden.

 

Das allein wäre großes Kino: uns zu zeigen, dass man Leben respektieren kann. Aber gibt natürlich genug Leute, die keinen blassen Schimmer haben, wovon die Rede ist, leider. Das geht ihnen nicht in die Köpfe. Nun denn. Es ist, wie es ist.

 

Der Film setzt auch ein höchst aktuelles Thema. Er zeigt eine nachwachsende Generation, die in jeder Hinsicht über den Tisch gezogen wird: mit dem Familienbesitz, dem Wunsch nach eigenen Nachkommen, der Gewissheit von Bruder-Schwester-Verhältnissen, von familiärer Eintracht gar nicht zu reden – die Grundlage, auf der Vertrauen zwischen den Generationen wächst, ist irreparabel beschädigt. Oh, oh, und all das wird an einem Sonntagabend gereicht.

 

»Wenn jeder zweite Chinese pro Jahr eine Gurke isst, sind das bei zwölf Gurken im Glas .. vierundfünfzig Millionen.« Die Firma Gurkenkönig ist ein ambitioniertes Unternehmen, ein Familienbetrieb mit Weiterungen. »Bitte um Entschuldigung«, sagt der Vater zum Kommissar, »das ist mein Sohn«. – »Also wenn Sie ihn verknacken«, ergänzt der Sprössling mit kühlem Blick auf den Erzeuger, »dann bitte lebenslänglich – egal für was.«

 

Die Mutter Luise König (Susanne Lothar) sucht Stärke vorzutäuschen, Kontrolle, Gewissheit, doch es ist stets dasselbe mit Stärke, Kontrolle, Gewissheit  – die arme Frau ist ein mitleiderregendes Bildnis des Jammers; über ihre Töchter herrscht sie mit unauffälliger Selbstverständlichkeit wie einst die Väter über ihre Söhne, und auch das ging bekanntlich nicht gut aus. Die Figuren sind tragisch, der Film stellt Menschen ins Zentrum, die durch den Untergang des Betriebs in den Abgrund gerissen werden. Bewundernswert, dass man so dichten, bewegenden Inhalt so scheinbar mühelos in einen Krimi kleidet (Drehbuch: Wolfgang Stauch, Regie: Ed Herzog).

 

Während uns neuerdings wieder mal massiv Serien aus den USA angedient werden – die dortige Medienindustrie möchte ihre Produkte absetzen und bläst zur jugendlich aufgehübschten PR-Offensive –, pflegt der deutsche Sonntagabend-Krimi seine unverwechselbar eigene Identität. Ob wir es noch erleben, dass in einem Krimi aus den USA die sozialen Verwerfungen in God’s own country zum Thema gemacht werden? Wohl kaum.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

10 Gründe, Engelmann zu lieben

Aufgelistet von BRIGITTE HELBLING

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter