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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 11:32

    Leos Janácek: Vec Makropulos

    12.04.2012

    Ewig jung

    Es gibt Leute, die bemängeln, dass der Regisseur Christoph Marthaler immer dasselbe mache. Das mag seine Berechtigung haben. Aber was er da immer wieder macht, ist so faszinierend, so anregend, dass sich seine Fans daran nicht sattsehen können. Marthaler ist ohne Zweifel ein Regisseur mit einer unverwechselbaren Handschrift, imitiert zwar, aber so intelligent und künstlerisch sensibel, dass auch die schwächeren Arbeiten für das Sprech- oder das Musiktheater, was bei Marthaler nicht immer unterscheidbar ist, zum Interessantesten gehören, was die Bühne der Gegenwart zu bieten hat. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Auch bei den Salzburger Festspielen des vergangenen Jahres war es Marthaler, der mit Leoš Janáceks Sache Makropulos für den Höhepunkt der Saison sorgte. Die Inszenierung ist nun nach nur acht Monaten auf DVD auch für jene zugänglich, die es nicht nach Salzburg schafften. Spannend und fantastisch ist Karl Capeks zu Unrecht vergessenes Theaterstück von 1922, auf dem Janáceks viel zu selten gespielte Oper von 1926 basiert. Es handelt von der schönen Sängerin Emilia Marty alias Elina Makropulos, die dank einem Elixier mehr als 300 Jahre alt geworden ist, ihre ewige Jugend aber mit Gefühlskälte bezahlt.

     

    Christoph Marthaler zeigt im Einheitsbühnenbild von Anna Viebrock, einem die Bühne des Großen Festspielhauses füllenden Gerichtssaal, großen Respekt vor Stoff und Musik. Seine Duftmarke hinterlässt er in einem witzigen Vorspiel, das die Aktualität der Problematik verdeutlicht – zwei Frauen führen einen von Capek geschriebenen, in der Oper aber nicht verwerteten Dialog in einer Glaskabine, einer Art Raucherenklave, wie auf Flughäfen, wobei man sie nicht hört, sondern nur Übertitel, auf der DVD: Untertitel lesen kann –, und in repetitiven stummen Szenen am Rande.

     

    Die Figuren bewegen sich langsam über die Bühne, erstarren zu Bildern wie von Edward Hopper oder Magritte, die die unheimliche Handlung visualisieren. Und einmal mehr erweist sich die wechselnde Position der Kameras als problematisch. Sie zeigen Ausschnitte, wo man auf der Bühne verschiedene Vorgänge gleichzeitig sieht. Marthalers Arrangements verlangen eine Gesamtschau. Die wird dem DVD-Nutzer meist vorenthalten. Dafür darf er die Gesichter studieren, und zumindest bei Angela Denoke ist das tatsächlich lohnend. Sie gehört zu jenen Opernsängerinnen, die zugleich begnadete Schauspielerinnen sind.

     

    Mit Angela Denoke, die in Salzburg mit dem gleichen Team schon als Katja Kabanowa begeistern konnte, verfügt Marthaler über die ideale Besetzung für die Hauptrolle. Aber auch Esa-Pekka Salonen, der die Wiener Philharmoniker dirigiert, hat an Reichtum und Radikalität der Klangnuancen von Janáceks Musik unüberhörbar Geschmack gefunden. Mit Raymond Very, Johan Reuter, Jochen Schmeckenbecher und Aleš Briscein stehen der Denoke Männer zur Seite, die sängerisch wie schauspielerisch ihre Aufgabe glänzend erfüllen. Wenn sie bei Emilia Marty alias Elina Makropulos' Geständnis am Ende vor Schrecken, aber vor allem wegen der Kälte, die von ihr ausgeht, zitternd in einer Reihe auf der Bühne sitzen, ergreift der Wärmestrom, der von der Musik ausgeht, das Publikum im Zuschauerraum und wohl auch vor dem Fernseher.

     

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