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BASIC INSTINCT - zum 10. Jubiläum

31.05.2012

Der übliche Hollywoodschund?

In fast schon rührender Unkenntnis der Kinogeschichte erklärte die BILD-Zeitung ihn zum »schweinischsten Film aller Zeiten«. Und Hellmuth Karasek tat im SPIEGEL so, als habe er zum ersten Mal im Leben einen Porno gesehen: »Gebumst, gestöhnt, gewälzt, umklammert, gekeucht und gerammelt wird nicht mehr nur im Schmuddel-Kino um die Ecke, die heiße Ware für schwitzige Hände und glubschige Augen kommt vielmehr in die Gloria-Paläste und auf die Filmfestspiele.« Die Rede war damals, vor zehn Jahren, von Basic Instinct, jenem Film also, in dem Sharon Stone die Beine einmal »schottisch« übereinander schlug. Von STEFAN VOLK

 

Auch wenn es sich bei Paul Verhoevens (Total Recall, Showgirls) Thriller mitnichten um harte Pornographie handelte, und man auf Filmfestspielen durchaus schon Versauteres gesehen hatte, war man derart freizügige Sexszenen aus Hollywood nicht gewohnt. Die US-amerikanische Kulturhistorikerin Camille Paglia, eine leidenschaftliche Verteidigerin des Films, formulierte es im Nachhinein so: »Das war ein revolutionärer Film, der die amerikanische Mittelschicht mit einem pornografischen Stil und einer pornografische Sprache konfrontierte.« Paglia wusste aber auch, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen den Film verteufelten, sondern auch Schwulen-, Lesben- und Frauenverbände, ihn für sexistisch und homophob hielten. Deshalb fügte sie ihrer Lobrede auf Basic Instinct noch hinzu: »Es macht mich krank, dass er, statt als revolutionär zu gelten, als reaktionär abgestempelt wurde.«

 

Als das Douglas-Stone-Duell am 7. Mai 1992 (zwei Wochen vor seinem Deutschlandstart am 21. Mai 1992) auf den Filmfestspielen von Cannes als Eröffnungsfilm lief, hatten konservative Katholiken, Frauenrechtlerinnen und Homosexuelle endlich einmal etwas gemeinsam: Viele von ihnen empfanden den Film als Skandal. Kardinal Roger Mahoney, Leiter der römisch-katholischen Erzdiözese Los Angeles, befürchtete den moralischen Verfall der US-amerikanischen Gesellschaft. Feministinnen empfanden Basic Instinct als frauenverachtend. Die schärfste Kritik aber kam aus der homosexuellen Szene.

 

Bereits als bekannt geworden war, wovon der Film handeln sollte, hatten sich erste Stimmen geregt, die in ihm ein Paradebeispiel der Homophobie des zeitgenössischen Hollywoodfilms sehen wollten. Schließlich stehe mit Catherine Tramell ein bisexueller Vamp im Zentrum des Films, der sich daran aufgeile, männliche Liebhaber mit einem Eispickel abzustechen. Die lesbische Roxy (Catherines Geliebte) sei eine Brudermörderin, und auch die Polizeipsychologin Beth mutiere zur männermordenden Psychopathin, kaum dass ihre bisexuelle Vergangenheit ans Tageslicht gekommen sei. »Das Grundmotiv des Films«, bemängelte Jill Tregor von der Homosexuellenorganisation Community United Against Violence, sei, »dass eine Frau, wenn sie stark und unabhängig ist, unweigerlich eine Lesbe, Mörderin oder verrückt sein muss. Eigentlich ließe sich das leicht als der übliche Hollywoodschund abtun, aber ich denke, wir sind es einfach leid, uns selbst so porträtiert zu sehen.«

 

Aktivisten der Homosexuellengruppen ACT UP und Queer Nations störten die Dreharbeiten in San Fransisco mit Trillerpfeifen, Farbbomben und Lampen, die sie auf das Set richteten. Sie demolierten Kulissen, riefen Parolen wie »Hollywood, du stinkst!«, schwenkten amerikanische Flaggen und verleiteten nichtsahnende Autofahrer unter dem Vorwand, das örtliche 49er-Footballteam oder die US-Truppen zu unterstützen, zu lautstarken Hupkonzerten.

 

Nur unter großem Polizeiaufgebot (um die 100 Polizisten) konnte überhaupt noch weiter gedreht werden. Ray Chalker, der dem Filmteam seine Bar für Aufnahmen überließ, erhielt Drohanrufe, seine Wohnungstür wurde verklebt, sein Wagen demoliert, und Plakate mit der Aufschrift »Kill Ray!« machten die Runde. Konfrontiert mit diesen heftigen Protesten betonte Regisseur Verhoeven, dass Homosexualität für ihn völlig normal sei und gleichberechtigt neben Heterosexualität stehe. Deshalb habe er sich auch keine größeren Gedanken darüber gemacht, ob er mit seinem Film jemandem zunahe träte. Unterdessen erwirkte die Produktionsfirma Carolco einen gerichtlichen Beschluss, nach dem sich die Protestierenden dem Set nur noch bis auf 100 Fuß nähern durften. Auch der Einsatz von Sirenen und Scheinwerfern wurde ihnen gerichtlich untersagt. Die Verantwortlichen von Carloco warfen den Demonstranten vor, Zensur von der Straße zu betreiben. Das Recht auf freies künstlerisches Schaffen würde durch die Aktivisten beschnitten.

 

Im April 1991 trafen sich Vertreter beider Seiten zu einer Aussprache im Hyatt Hotel. Drehbuchautor Joe Eszterhas (Flashdance, Showgirls) erklärte sich dabei bereit, das Skript im Sinne der Aktivisten »sozial verantwortlicher« zu gestalten, und präsentierte bereits wenige Tage nach dem Treffen eine geänderte Fassung des Drehbuchs. Bei den Produzenten stießen Eszterhas’ Vorschläge jedoch auf Ablehnung. Carolco Pictures sah in den Änderungen am Skript eine deutliche Schwächung des Originalmaterials, außerdem würde die Glaubhaftigkeit der Geschichte verloren gehen. Die Vertreter von Queer Nation, ACT UP und Community United Against Violence hatten gefordert, den ermittelnden Polizisten durch eine Frau zu ersetzen und die Vergewaltigungsszene zu streichen. Zudem sollten sowohl Männer als auch Frauen Mordopfer sein, um nicht den Eindruck männerhassender Lesben zu erwecken. Drehbuchautor Eszterhas kritisierte die kompromisslose Haltung der Produzenten und von Regisseur Verhoeven und erklärte seinen Rücktritt aus dem Projekt. Peter Hoffman, Präsident von Carolco Pictures, bezeichnete ihn daraufhin als einen »wehleidigen Heuchler«.

 

Doch so hartnäckig die Produzenten ihren Film gegen den Druck der Straße verteidigten, so flexibel zeigten sie sich gegenüber der MPAA (Motion Picture Association of America), die in den USA über die Altersfreigabe eines Filmes entscheidet. Nachdem Basic Instinct im Januar 1992 der MPAA vorgelegt worden war und lediglich ein NC-17-Rating (ab 18) erhalten hatte, was eine finanzielle Bruchlandung bedeutet hätte, da die meisten Major-Kinos NC-17-Filme erst gar nicht ins Programm nahmen, legte Verhoeven auf Drängen von Carolco Pictures der MPAA insgesamt siebzehn verschiedene Versionen des Films vor, bis er schließlich doch noch ein R-Rating (Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren nur in Begleitung von Erziehungsberechtigten) erhielt. Mit zusätzlichen Schnitten in vier Szenen und einer damit um 42 Sekunden – vor allem um explizite Sex- und detaillierte Gewaltdarstellungen – gekürzten Fassung kam Basic Instinct im März 1992 in die US-Kinos.

 

Erneut kam es zu zahlreichen Protestaktionen, die auch von NOW (National Organization for Women), der größten feministischen Organisation in den USA, unterstützt wurden. Die Demonstranten verteilten Flyer, hielten Schilder hoch und versperrten den Kinobesuchern den Weg. Mitglieder von Queer Nation schalteten ganzseitige Anzeigen, in denen sie zum Boykott des Films aufriefen: »Hollywood porträtiert uns beständig als Opfer oder Irre. Wir sagen: gebt euer Geld nicht für Homophobie und Frauenfeindlichkeit aus!« Ein Aufruf, dem allerdings nur wenige folgten. Gleich am Eröffnungswochenende stürmte Basic Instinct auf Platz eins der Box Office Charts. Insgesamt spielte der Film in den USA 117 Millionen Dollar ein, weltweit sogar 352 Millionen.

 

 

Anmerkung:

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen gekürzten und bearbeiteten Auszug aus Stefan Volks Buch „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“. Erschienen im Schüren-Verlag.

 

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