Hanni & Nanni 2 - jetzt im Kino!
17.05.2012
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die deutsche Übersetzung Hanni und Nanni und ein Riesen-Mega-Hit Christine Hartmanns Kinoadaption, mit über einer Millionen Zuschauern. Überbieten kann das nur ein »Riesen-Mega-Hammer-Hit«, den sich Regisseurin Julia von Heinz zu Filmbeginn selbst prophezeit. Von LIDA BACH
Selbstgefällig und quietschvergnügt wie der Eröffnungssatz ist auch ihre Inszenierung und Hanni & Nanni 2 so nervig-penetrant wie Lilly, die ihn ausruft. »Ich werde es lieben hier!«, urteilt sie an dem ewigen Bestimmungsort, dem Marianne ›Nanni‹ Sullivan (Jana Münster) und Hanna ›Hanni‹ Sullivan (Sophia Münster) entgegen fahren. »Nächster Halt: Lindenhof!«, verkündet Papa Georg Sullivan (Heino Ferch), bevor er die Mädchen in der pittoresken Privatschule abliefert. Deren Mauern Schmutz, Vulgarität und Sorgen aussperrt wie die Unterschicht, mit denen Byton sie gleichsetzt. Lindenhof ist zugleich Märchenschloss, wo in der Fortsetzung eine Prinzessin weilt, und Kloster, dessen ausschließlich von Weiblichkeit bewohnte Räume der jugendliche Philippe (Sven Gielnik) entjungfert. Ritterlich erscheint der Neffe von Französischlehrerin Bertoux (Katharina Thalbach), in deren affektierte Hand Direktorin Theobald (Hannelore Elsner) während ihrer Abwesenheit die Schulleitung legt.
Brillen, Boys und BHs
Liebe, Wärme und Vertrauen seien das wichtigste Arbeitsgerät einer Schulleiterin, belehrt Direktorin Theobald die strenge Frau Mägerlein (Suzanne von Borsody). »Dein ganzes Leben ist doch ein einziger Fake!«, ätzt Hanni zu Mitschülerin Daniela und verweist dabei unwissentlich auf die Realitätsferne des Szenarios. Scheidungsängste der Zwillinge lösen sich in Wohlgefallen auf wie Lillys Schmachten für Daniela, Nannis Schmachten für Philippe und Lindenhofs Budgetknappheit. Letzte wird neben einem Entführungsversuch spielerisch abgewendet, genau wie bereits im filmischen Vorgänger. Warum, plärrt LaFees Titelsong: »So wie es ist, so soll es bleiben.« Wandel und Fortschritt sind Feindbilder, Assimilierung das Happy End für nicht angepasste Mitschülerinnen wie Daniela oder Cosima, der Nanni sagt: »Ohne die Brille siehst du richtig hübsch aus.«
Wie weit diese Rigidität geht, zeigt Hannis Spott über Danielas Figur: »Ich bin so erwachsen, dass ich einen BH brauche.« Obwohl »BH« in Blytons beschränktem Vokabular nie vorkommt, geschieht die sexistische Herabsetzung in ihrem Geiste. Das Faszinierende an der Welt von Hanni und Nanni sei, dass die Mädchen gemeinsam stark seien, behauptet Regisseurin von Heinz. Falls es je stattfand, muss ihre Lektüre der Bücher lange zurückliegen. Sexismus ist neben Rassismus das markanteste Kriterium von Blytons Büchern und ihre filmischen Pendants Negativkarikaturen: die überspannte Mademoiselle Bertoux, die verknöcherte Mägerlein, die zickige Daniela, die eingebildete Lilly, eine fiese Entführerin und Erikas sexuelle frustrierte Mutter (Barbara Schöneberger).
Ist Enid Blyton der Antichrist?
Das der krude Quatsch für Jungen unzumutbar ist, scheinen auch auf Wikipedia zitierte Kritiken des Kinovorgängers zu glauben. Hanni & Nanni sei für junge Mädchen, sehr gelungen und werde hauptsächlich ein weibliches Publikum ansprechen. Letztes gilt auch für den editorischen Zwilling von Hanni & Nanni 2, der einen Tag nach Kinostart das Licht der Zeitungskioske erblickt. Im »Hanni & Nanni Magazin« warten als Extra »coole Armbänder für dich und deine ABF« und ein Test: »Bist du Hanni oder Nanni?« Beide natürlich! Denn Hanni und Nanni, Dolly, Lissy, ihre fünf Freunde und deren ABFs sind alle einer. Nicht ein Charakter, denn Blyton kennt keine Charaktere, sondern ein Brei.
Eindimensionalität, Konservativismus, das Bedienen rassistischer und sexistischer Vorurteile und Moralisieren in verbrämter Heimeligkeit sind das Geheimnis von Blytons Beliebtheit in Deutschland. Deren Hartnäckigkeit beweist ihre Renaissance in Film, Magazin und Buchauflagen. Bei letzten überholte Blyton nur Gott mit seinem Bestseller, der Bibel. Ist Enid Blyton der Antichrist? Nein, denn auf einer 2003 gewählten Liste der bösesten Menschen verfehlte sie das Siegertreppchen, das sich Hitler, Pol Pot und Dschingis Khan teilten. Dafür schafft es Blyton auf Platz vier vor Idi Amin als einzige Frau unter die Top Five. Ist das feministisch? Nein. Es ist ein Riesen-Mega-Hammer-Hit.
Titelangaben:Hanni & Nanni 2 (Deutschland 2012)
R: Julia von Heinz
B: Jane Ainscaough, Christopher Silber
K: Felix Poplawsky
S: Andreas Radke, Florian Miosge
P: Nico Hoffmann, Jürgen Schuster, Gesa Tönnesen, Hermann Florin
D: Jana Münster, Sophia Münster, Katharina Thalbach, Suzanne von Borsody, Heino Ferch, Anja Kling, Caroline Kebekus, Barbara Schöneberger, Hannelore Elsner, Nele Guderian,
90 Min.
Universal Pictures
Kinostart: 17. Mai 2012 Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
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