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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 11:32

    Huhn mit Pflaumen - jetzt im Kino!

    12.01.2012

    Das Lieblingsgericht zum Tod

    »Der Rauch ist Nahrung für die Seele«, sagt die Mutter zu ihrem Sohn, dem Violinisten Naser Ali Khan, auf ihrem Sterbebett. Eine letzte Zigarette raucht sie, bevor sie stirbt. Der Rauch entweicht Ihrem Mund, doch er verflüchtigt sich nicht, sondern wird voll und weiß wie Watte, fliegt einem Wurm gleich aus dem Fenster, über Straßen und Felder bis hin zu ihrem eigenen Grab. Dort bildet er eine kleine, weiße Wolke und verweilt inmitten der verdutzten Angehörigen, die sich das Phänomen zu erklären versuchen. Mit solchen Details, die so reich an Ideen und Atmosphäre sind, verwöhnt das Regie-Duo Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud den Zuschauer in seinem neuen Werk. Von ALEXANDER FUNK

     

    Mit Huhn mit Pflaumen drehten die gebürtige Iranerin und der Franzose ihren zweiten gemeinsamen Film. Mit dem Animationsfilm Persepolis, der ebenso wie ihr neustes Werk auf Satrapis Graphic Novels basiert, wurde das Duo 2007 international berühmt. In Persepolis erzählte Marjane Satrapi von ihrer Jugend in Teheran und ihrem Exil in Österreich. In einer Schwarzweiß-Ästhetik, die sich strikt an ihre Comicvorlagen hält, zeigt der Film das zivile und familiäre Leben hinter den politischen Umbrüchen und dem Golfkrieg. Natürlich erntete der Film nicht nur Lobeshymnen, sondern wurde hauptsächlich in den Nahostländern kritisiert und mit Protesten überschüttet.

     

    Warten auf Azrael

    Weniger politisch ist dagegen die Verfilmung der Graphic Novel Poulet aux Prunes (2004). Der Plot, der dem Comic und somit auch dem Film zugrunde liegt, ist schnell umrissen. Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric) ist ein außergewöhnlicher Violinist, dessen geliebte Geige in einem Ehestreit von seiner Frau Faringuisse (Maria de Medeiros) zerbrochen wird. Die Geige, die ihm von seinem Meister geschenkt wurde, bedeutet für ihn sein Leben. Sie ist nicht nur ein Instrument, sondern repräsentiert für Nasser Ali die Vollkommenheit der Musik und eine unerfüllte Liebe. Als er feststellt, dass für ihn keine andere Violine mehr so klingen kann wie seine eigene, beschließt er zu sterben. Während man sagt, dass kurz vor dem eigenen Tod das gelebte Leben innerhalb eines Moments vor dem inneren Auge vorbeizieht, hat Nasser Ali dafür ganze acht Tage Zeit. Ganz wie es seinem künstlerischen Wesen entspricht, legt er sich in sein Bett und wartet auf den Tod.

     

    Vollkommenheit in der Kunst?

    In diesen acht Tagen sind es jedoch nicht nur seine Erinnerungen, die der Zuschauer sieht, sondern auch die zukünftigen Geschichten über seine Kinder, die der Film auf verschiedene Arten visualisiert. Während die Vision um die Zukunft seines Sohnes eine amerikanische Lollipop-Note mit Sitcom-Flair bekommt, zeigt der Film die Zukunft seiner Tochter lediglich als ein Pokerspiel in irgendeinem Hinterzimmer: dunkel und verraucht. Der Film überflutet den Zuschauer buchstäblich mit Farben und Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben, und stellt ihm einen Erzähler zur Seite, der durch seine Stimme den Ausgleich zur Bildgewalt schafft.

    Unverkennbar ist die ästhetische Verwandtschaft zwischen dem Film und der Graphic Novel. Die Hintergründe vieler Szenen sind gemalt und Figuren wie Nasser Ali oder der schrullige Händler Houshang (Jamel Debbouze), dessen Laden ein Sammelsurium mystischer Gegenstände ist, wirken in ihrer Mimik, als wären sie eben erst dem Comic entstiegen. Das Spiel von Schatten und Licht funktioniert in Huhn mit Pflaume mit echten Schauspielern genauso gut wie im animierten Persepolis und erinnert an die expressionistischen Filme der 1910er- und 20er-Jahre.

    Wie erreicht man Vollkommenheit in der Kunst? Diese Frage scheint sich nicht nur der Held der Geschichte zu stellen, sondern auch die beiden experimentierfreudigen Regisseure. Für Nasser Ali ist es am Ende die Sehnsucht nach einer Liebe, die keine Erfüllung erlangen kann. Erst durch diese Sehnsucht wird er zu einem Meister seiner Kunst. Er schafft es, den Hauch des Lebens einzufangen, was sein Lehrer stets von ihm gefordert hat. Die unerfüllte Liebe, die seiner Kunst zur Meisterschaft verhilft, ist die schöne Irane (Golshifteh Farahani), der er lange noch vor seiner Hochzeit mit Faringuisse den Hof machte. Iranes Vater war jedoch gegen die Hochzeit, weil Nasser Ali ein Musiker ist, und wies ihn ab.

    Für die Regisseure ist die Vollkommenheit in der Kunst eine Geschichte von Liebe und Tod, die sich aus Mosaiksteinen filmischer Erzählmittel zusammensetzt und eine ganzheitliche, imaginative Kraft entfaltet.

     

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