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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 21:08

    The Gilbert & Sullivan Collection

    22.12.2011

    Nestroys und Offenbachs englische Verwandte oder: Theater als Theater

    In England kennt sie jedes Kind. Bei uns sind sie immer noch ein Geheimtipp: das Gespann Gilbert & Sullivan. In den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts schrieben der Librettist William Schwenck Gilbert und der Komponist Arthur Sullivan eine Reihe von Bühnenwerken ganz eigener Art. Noch der Oper verpflichtet – in Großbritannien figurieren sie unter der Bezeichnung »Savoy Operas«, bei uns ordnet man sie meist der Operette zu –, könnte man sie als Vorläufer des Musicals, genauer: der Musical Comedy betrachten. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Musikalisch sind die Gemeinschaftsarbeiten von Gilbert und Sullivan, der immer wieder Anstrengungen unternahm, vom komischen Fach weg zu kommen, nahezu eine Folge von Tanzformen – vom Walzer und Galopp bis zur Tarantella und zur spanischen Cachucha. Der Einfluss von Jacques Offenbach, insbesondere seiner berühmten Barcarole, ist unüberhörbar: so französisch war englische Musik nie zuvor. Die Texte von Gilbert jedoch sind so sehr an die englische Sprache gebunden, dass man sie kaum übersetzen kann. Das dürfte wohl der Grund dafür sein, dass die Werke des – im übrigen: keineswegs immer harmonisierenden – Duos den englischsprachigen Raum nicht wirklich überschritten haben.

     

    Gilberts Libretti zeichnen sich vor allem durch eine virtuose Reimkunst aus und durch witzige trochäische und daktylische Kadenzen, für die die englische Sprache geeigneter ist als die deutsche. Von Gilbert dürften Tom Lehrer und, im amerikanischen Exil, wohl auch Georg Kreisler eine Menge gelernt haben. Die Komik reimender Wörter ist in der deutschen Literatur nicht so fest verankert wie in der englischen – etwa im Limerick. Durch Sullivans Kompositionen, etwa durch einen Oktavsprung am Versende, werden die Reime zusätzlich betont.

     

    Hinzu kommen in den Stücken von Gilbert & Sullivan, die seinerzeit von der Truppe von Richard D'Oyly Carte und noch lange über dessen Tod hinaus von der D'Oyly Carte Opera Company aufgeführt und propagiert wurden, parodistische Elemente. Die traditionelle Oper und selbst Shakespeare werden veräppelt, auch die Verwendung von gestelzter, pseudowissenschaftlicher oder auch bloß „vornehmer“ Sprache. Man könnte in Gilbert & Sullivan Verwandtschaften entdecken zum Wiener Volkstheater eines Johann Nepomuk Nestroy. Einige der Arien von Gilbert & Sullivan ähneln den ab und zu durch aktuelle Strophen ergänzten Couplets Nestroys, wie dieser schöpfen die Briten das komische Potential der Refrains aus. Und wie bei Nestroy stellt sich die zentrale Figur oft mit einem Auftrittslied vor.

     

    Auch die Themen kennt man von Nestroy, aber sie tauchen hier nun in ihrer britischen, viktorianischen Variante auf: Standesdünkel, Doppelmoral, Bestechlichkeit, demokratische Attitüde und aristokratische Wirklichkeit, der modische Ästhetizismus der Präraffaeliten. Sie werden mit den Mitteln der Komödie, mit den Stoffen des Vaudeville un der Farce abgehandelt. Die Musiktheaterstücke von Gilbert & Sullivan sind zutiefst komödiantisch, und dass das heute noch funktioniert, beweisen vier DVDs mit fünf Werken, die in Australien aufgenommen wurden.

     

    Dieses Theater verzichtet auf Psychologisierung, auf Wahrscheinlichkeit wird gepfiffen, und die Künstlichkeit der Revue ist da angemessener als der Naturalismus des zur gleichen Zeit entstandenen Ibsen-Theaters. Mit der Verwischung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Theater haben Gilbert & Sullivan noch nichts im Sinn. Bei ihnen ist alles artifiziell, von den Versen über das Singen, von der Fabel bis zu den Bühnenaktionen. Die „vierte Wand“ wird bedingungslos anerkannt. Nur unter dieser Voraussetzung ist es komisch, wenn eine Figur der Handlung dem Dirigenten eine Rose zuwirft: der befindet sich mitsamt dem Orchester in einer anderen Welt, und die vorübergehende Überschreitung der Grenze verstößt gegen die auch von den Zuschauern akzeptierte Konvention. Wenn sich das Ensemble am Ende vor dem Publikum verneigt, dann sind das die Darsteller, nicht die von ihnen dargestellten Figuren. Der eben noch an der Rampe seine Rolle spielte, als gäbe es keinen Zuschauerraum, ist nunmehr Mrs. X oder Mr. Y, die gestern Mimi und Rodolfo waren. Darin, in dieser Verwandlungskunst, in diesem Maskenspiel liegt einer der Hauptreize des Theaters seit der griechischen Antike oder seit der Erfindung des japanischen N? im 14. Jahrhundert. Wie öde sind dagegen jene Laien, die heute landauf landab nur sich selbst darstellen – Selbstdarsteller eben. Wissen eigentlich jene, die zunächst den Vorhang und dann die Konvention der Trennung von Spielern und Zuschauern – gelegentlich mit einer Berufung auf den völlig missverstandenen Bertolt Brecht – preisgegeben haben, was damit verloren ging?

     

    Um einem Missverständnis vorzubeugen: dies hier will kein Plädoyer für die Rückkehr zum 19. Jahrhundert sein. Wohl aber für die Besinnung auf die Möglichkeiten des Theaters, des Theaters als Theater, das weder bearbeitete Epik, adaptierter Film, noch an der Empirie orientierte Realitätskonstruktion ist. All das kann reizvoll sein, aber muss es, monopolistisch, auf Kosten eines bühnenspezifischen Universums gehen, das unsere Alltagserfahrung überschreitet?

     

    Die Box enthält die populären Stücke „H.M.S. Pinafore“ und den klischeehaft japanisierenden „Mikado“, ferner „Patience“ und „The Gondoliers“, die beide bei der Uraufführung 1881 und 1889 fast ebenso große Riesenerfolge wurden wie die zuvor Genannten, sowie den frühen grotesken Justiz-Einakter „Trial by Jury“. Von den bekannteren Werken Gilbert & Sullivans fehlen „The Pirates of Penzance“ und „The Yeomen of the Guard“. In „Patience“ verfällt die üppige Heather Begg als Lady Jane kurz vor dem Schluss in einen Lachkrampf, der allem Anschein nach nicht vorgesehen war – vergleichbar der berühmten Aufnahme Elvis Presleys von „Are You Lonesome Tonight“. Dass man deshalb nicht eine neue Aufnahme gemacht hat, passt nicht nur zu Gilbert & Sullivan, sondern auch zu Heather Begg: Die Selbstironie und der Mut, mit dem sie ihre eigene äußerliche Unattraktivität zur Schau stellt und in Songs thematisiert, kontrastieren wohltuend zu den geschniegelten, von Schönheitschirurgen präparierten amerikanischen Stars oder zu Paula Wessely, die einmal sagte, sie übernehme keine unsympathischen Rollen, weil ihr Publikum sie „so“ nicht sehen wolle. Überhaupt: was wissen wir schon über die Schauspielkunst down under? Die DVD-Aufnahmen, die allerdings nicht mehr ganz taufrisch sind („The Mikado“ wurde in einer Version von 1988 gefilmt, die auf der Bühne mittlerweile gründlich überarbeitet wurde), machen uns auch mit der darstellerischen Verwandlungsfähigkeit und der schönen Stimme des in Australien beliebten Anthony Warlow bekannt. Es kann ja nicht schaden, mal über den Tellerrand deutscher Befindlichkeiten zu schauen.

     

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