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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:33

    TATORT (WDR) - Mein Revier (11. November)

    10.11.2012

    Balltreter notfalls auch

    In der Nachbarschaft der jungen Ermittlerin Nora Dalay (Aylin Tezel) wurde der Dealer und Zuhälter Serkan Bürec erschossen. Er galt als rechte Hand des zwielichtigen Geschäftsmannes Tarim Abakay (Adrian Can). Für Peter Faber (Jörg Hartmann) deutet alles darauf hin, dass sich am Tatort auch eine Zeugin aufhielt. Sie bleibt spurlos verschwunden. Mein Revier ist ein doppelbödiger Titel für diesen Film, der uns mit bewegenden Bildern aus Dortmunder Armutsvierteln konfrontiert. Von WOLF SENFF

     

    Es gibt eigentlich nicht besonders viel zu sagen. Den Film prägt ein unaufdringlicher Realismus, der ins Schwarze trifft und gefällt (Regie: Thomas Jauch). Die Handlung ist schlüssig, auch wenn mancher früh drauf kommen wird, wer's war, und im letzten Viertel ergreift den Zuschauer, was man ja auch nicht immer hat, ein unübersehbarer Schuss Spannung. Nach den letztes Mal haarsträubenden Gruppenprozessen im Ermittlerteam entsteht nun, im zweiten Dortmunder TATORT, eine gewisse Balance (Buch: Jürgen Werner). Weshalb ist eine Erst-Folge ein Reinfall? Man weiß es nicht, sie war eben schlecht.

     

    Diesmal dreht Faber ja ebenfalls ab: in der Kneipe zur Hintergrundbeschallung durch Vicky Leandros (»Ich liebe das Leben«), anschließend mit besoffenem Kopf beim Versuch, übers Geländer zu klettern, zum Schluss, als er mit dem Baseballschläger auf das Mobiliar einprügelt. Diesmal wirken seine Ausraster jedoch stimmig, die Rolle ist ausgewogen ausgefüllt, Faber muss nicht durchgehend schrill auftreten. Letztes Mal, wir erinnern uns, agierte er auch noch sozusagen undercover in der Schwulenszene, das war ein Quäntchen zu viel. Diesmal ist ihm mehr Raum verfügbar, authentisch aufzutreten, und so zeichnet sich trotz des stets manifesten Leidensdrucks eine plausible, nachvollziehbare Persönlichkeit. Schön. Hinzu kommt gelegentlich ein hintergründiger Humor, ja Galgenhumor, etwa beim erwähnten Suizidversuch. Auch schön.

     

    Man fragt natürlich, ob Faber nicht doch zu hundert Prozent eine Kunstfigur ist. Auch wenn er als Beamter, ja gibt es noch: unkündbar ist – Fabers Auftreten ist krass grenzwertig, und wir erinnern uns, dass es behördenintern psychologische, sie nennen es »Betreuung« gibt, die einen »schwierigen« Fall ausmustert, kaltstellt, in die Klapse sortiert. Sollten die Stellen im Zuge der »Verschlankung« etwa gekürzt worden sein? Bei Steier/Mey gab's jedenfalls einen Polizeipsychologen. Für Steier, der gern Rotwein trank.

     

    Ausgehend von der »Denkfabrik« Bertelsmann Stiftung wurden »Evaluation« und »Qualitätsmanagement« längst auch in die Behörden implantiert. Einer wie Faber, klar, ist Sand im Getriebe. Das Urteil »nicht teamfähig« ist tödlich für welche Ambition auch immer. Ein Störenfried und Querkopf ist mit einer Arbeitswelt nicht kompatibel, in der Prozesse gefälligst reibungslos zu laufen haben. Wer ein Problem hat, gar originell sein will, soll halt Künstler werden. Balltreter notfalls auch, aber da wird's schon schwierig.

     

    Faber ist ein Anachronismus und gleichzeitig eine hochinteressante Figur, weil er den Menschen gegen die Sachzwänge der Arbeitsabläufe positioniert. Starker Tobak. Das alles geht in diese schmale, schmächtige Figur? Drei Sterne und mehr.

     

    Da wechseln wir doch das Thema. Die aufdringliche Atmosphäre permanenten Anbaggerns ist diesmal energisch heruntergeschraubt; es wirkt souverän, dass Sexualität quasi nebenher und dennoch auf mehreren Niveauebenen vorgeführt wird. Der Forensiker, klar: scheu wie ein Reh. Die Kommissarin: zwecks Stressabbau. Unsere Ermittlerkücken: zurückhaltend. Geht doch.

     

    Heute wär' ja eigentlich ein geeigneter Sendetermin für die Ulknudeln aus Münster gewesen. Trotzdem: viel Vergnügen am Sonntagabend.

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