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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 12:28

    Polizeiruf 110 (BR) - Fieber (4. November)

    02.11.2012

    »Holen Sie mich hier raus!«

    Nach einem missglückten Einsatz wird Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) schwer verwundet in ein Krankenhaus eingeliefert. In einer dramatischen Notoperation gelingt es den Ärzten, sein Leben zu retten. In den folgenden Wochen bzw. Tagen erholt sich von Meuffels langsam von seiner Verwundung. Das erklärt die Halluzinationen, die ihn den gesamten Film über heimsuchen. Von WOLF SENFF

     

    Doch er behält den Überblick. Dem anhänglichen Geist von Junkie Jürgen (Georg Friedrich) erklärt er klipp und klar: »Ich kann nicht dein Freund sein.« Na bitte. Geht doch. Übrigens – nicht dass man das falsch versteht: Die Eröffnungsszene hat nichts weiter mit der Krimihandlung zu tun. Dennoch entfacht die Regie in der Eröffnung gewaltig viel heiße Luft: eine Geiselnahme, die Kommissare und Junkie Jürgen (physisch liegt er nachher im Koma, als Geist aber begleitet er das weitere Geschehen) stehen sich endlos lange mit gezückten Ballermännern gegenüber und brüllen einander an, hinter der Gardine lauert erbarmungslos die Eingreiftruppe. Obergeiles Reality-TV. Hatten wir seit Schimansky und Bochum nicht. Der Keinohrhase wirft unheilverkündende Schatten voraus.

     

    Oder sollte die Szene überzogen sein? War dieser Unsinn Absicht? Ironisch gemeint gar? Der Zuschauer darf herumrätseln (Buch: Alex Buresch, Matthias Pacht), dieser Beginn ist wenig überzeugend in Szene gesetzt (Regie: Hendrik Handloegten), doch wenn's an Arbeitsdisziplin fehlt oder an intelligentem Konzept, bedient man sich nun mal aus der Klamottenkiste, die unter »Action« bereitsteht, und es gibt Geiselnahme verschärft, todesmutige Kommissare und SEK hinter der Gardine. Følliger Blødsinn zum ersten.

     

    Nun liegt Meuffels im Krankenhaus, der Zuschauer atmet durch, und aus der Eingangsszene bleibt der Geist von Junkie Jürgen übrig und irrlichtert ein bisschen. Mal kuschelt er sich reumütig zu Meuffels unter die Bettdecke, während Zimmernachbar Werner Kunert (Jürgen Tonkel) den Hintergrund beschnarcht, mal kriecht er aus der Badewanne, mal taucht er überraschend in der Seilbahn auf, mal steigt er aus dem Leichenfach im Krankenhauskeller: »Warum redest du nicht mit mir?« Meuffels behält einen kühlen Kopf: »Ich rede nicht mit dir, weil's dich nicht gibt.« Messerscharf analysiert.

     

    Nun ist an der Zeit, dass ein Fall gestrickt wird. Als wäre er ein Fels in der Brandung, schleicht Meuffels mitsamt seinem Versorgungsgestell durch nächtliche Krankenhausflure. »Hier stimmt etwas nicht.« Zimmernachbar Kunert fehlt ein halbes Bein, er ist Finanzbeamter und Verschwörungstheoretiker – eine höchst klamaukige Figur. Denn wie lange haben wir uns nicht über die Staatsdiener amüsiert! Da ziehen wir doch gerne  mal einen Finanzbeamten durch den Kakao! Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

     

    Der Fall nimmt Konturen an. Irgendwie werden Medikationen ausprobiert, die die Infektionsgefahr im Krankenhaus erhöhen. Wie durch ein Wunder entgeht Meuffels diesem Unheil, von dem sein Zimmernachbar dahingerafft wird.  

     

    Vielerlei Merkwürdigkeiten. Meuffels vertraut sich dem Klinikdirektor an, ausgerechnet. Doch wer  ein echter Kriminalist ist wie Hanns von Meuffels, dessen Intuition – das sollen wir wohl lernen in diesem Film – ist untrüglich. Følliger Blødsinn zum zweiten.

     

    Ach, und – hatte ich das gesagt – Meuffels weiß Bescheid. Diesen Mann führt niemand aufs Glatteis: »Sonst waren die Tabletten rot. Warum soll ich jetzt blaue Tabletten schlucken? Ich nehm' die nicht!« Gut gebrüllt, Löwe! Pech nur für den, der farbenblind ist. Doch das Drehbuch hat eine farbenblinde Figur nicht vorgesehen, klugerweise. Hanns von Meuffels weiß auch genau, dass die Ärztin ihm Gift einflößen will. Dazu sagt er ebenfalls konsequent nein.

     

    Schön. Fieber gibt Gesprächsstoff ohne Ende. Wenn Meuffels gerade mal wieder operiert wird, steht sein Geist neben dem Operationstisch und sieht interessiert zu, wie die physische Existenz durch die guten Ärzte zurück ins Leben befördert wird. Weil die Operation lange dauert, hat er genug Zeit, mit dem anderen Geist in die schneebedeckten Voralpen zu wandern. Dieser Geist verschwindet hinter dem Horizont, indes Meuffels umkehrt und – angestrengte Symbolik – zurückkehrt ins Leben.

     

    Gesellschaftskritik wird auch reingestrickt. Ernsthaft. »Sie denken noch, im Gesundheitswesen geht es um die Patienten. Es geht darum, Geld zu verdienen.« Das sagt ein Arzt, nicht der verschwörungshysterische Zimmernachbar. Das erste »geht« müsste übrigens »ginge« lauten, korrekterweise. Doch wer erwartet von einem Arzt, dass er seine Muttersprache beherrscht. Oder  von einem Drehbuchautor.

     

    Eins noch. Dieses Lied. Nein, nicht die schmerzhaften Melodien, die gelegentlich den Hintergrund bestreichen und beklimpern. Das Lied. »Cheek to cheek« mit Fred Astaire – gibt’s übrigens in einer zeitgemäß frischen Version mit Max Raabe – wird gleich nach der imposanten Eröffnung sedativ eingespielt und zum Abklang instrumental serviert, weil das irgendwie rundet. Oder? Es vereint die beiden Geister, den guten und den üblen, »ein Stück weit« sozusagen, ist das nicht schön. Fieber möcht' halt jedem etwas bieten und bleibt dabei, wen wundert es, diffus im Nebel stecken.

     

    Die dunklen und mysteriösen Krankenhauskeller, wie peinlich, erinnern an dieselben im letztjährigen TATORT-Tiefpunkt Das Dorf. Vielleicht rundet sich ja hier auch etwas, und Fieber bewirbt sich um die Pole Position des diesjährigen Tiefpunkt-Ranking. Nein, war wirklich nix. Und? Haben Sie gehört? Nach seinem Dorf-Reinfall kündigt Ulrich Tukur seinen nächsten TATORT als einen Reißer der Extraklasse an. Muss das sein, dass sie wenn schon nicht die Titelmelodie, dann wenigstens den Krimi neu erfinden? Können diese Vielschwätzer nicht einfach mal den Mund halten?  

     

    Was gefällt? Hm. Die Figur der Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) gleicht mit ihrer Präsenz und Frische viel von Meuffels' unterirdischem Phlegma aus. Sonst fällt mir nichts ein. Wer den Film als Trash leiden mag, wird sich derbe schlapp lachen. Ein echter Tiefpunkt.

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