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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 00:36

    TATORT (WDR) - Alter ego (23. September)

    23.09.2012

    In Schwulitäten

    Oh Schreck lass nach! Stammt Alter ego aus dem verstaubten Sortiment der Neunziger? Nicht? Der Achtziger? Weshalb eigentlich Alter ego? In letzter Zeit hatte ich Schwierigkeiten mit den Titeln, ich weiß. Ich komme drauf zurück. Fürs erste: Es handelt sich um den neuen TATORT mit Schauplatz Dortmund. Also neues Personal, neue Tapeten, wir erleben Peter Faber (Jörg Hartmann), den Oberkommissar, der aus Lübeck kam, im Einsatz direkt an der Leiche. Der Student Kai Schiplok wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden, nackt, mit einem leichten Tuch verhüllt. Spuren deuten auf ein Eifersuchtsdrama unter Homosexuellen hin. Von WOLF SENFF

     

    Auch unter den Ermittlern ist überbordend Zwischenmenschliches angesagt. Peter Faber – »Täglich eine Tablette hält die Depression im Zaum« – ist noch nicht vollständig in Dortmund eingetroffen. Und allesamt wirken sie oversexed and underfucked, nicht einmal dem Forensiker Jonas Zander (Thomas Arnold) gestattet das Drehbuch eine Ausnahme. Auf Seiten der Ordnungskräfte ist alles hetero, obgleich … dazu später.

     

    War mal trendy, sich als schwul zu outen, und anfangs ging das Outen noch als Tabubruch durch. Einige Bürgermeister unserer Millionenstädte gefielen sich darin. Als Spätentwickler in diesen Kreisen trat ein Minister auf. Sobald Politiker einen Trend bedienen, ist er bekanntlich gestorben.

     

    Gut, das alles spricht nicht dagegen, einen Mord im Schwulenmilieu anzusiedeln. Es kommt dann aber doch recht dicke (Regie: Thomas Jauch). Der Anfangsverdacht führt schnurstracks ins Milieu, und neckisch anzügliche Simulationen Fabers und seiner Kollegin (Anna Schudt als Martina Bönisch) mitsamt intuitiven Eingebungen pflastern diese Fährte.

     

    Faber zwingt seinen Kommissar Daniel Kossick (Stefan Konarske) durch einen Wutanfall aus dem – Achtung! Ein Name wie dieser ist trendy! – Signal Iduna Park, vormals Westfalenstadion, einst Kampfbahn Rote Erde, in die Überstunde, und sie begeben sich gemeinsam auf den Weg in die Schwulenbar, wo sie ihre Nachforschungen »unter Männern« fortsetzen. Damit nicht genug. Faber nutzt einen Besuch beim Hauptverdächtigen (Michael Rotschopf) dazu, diesen anzubaggern, um dessen sozusagen »wahre Veranlagung« aufzudecken. Seltsame Ermittlungsmethoden. Alter ego trägt sein Mäntelchen zwar tolerant und weltoffen, doch dieses Mäntelchen ist dünn und trügerisch.

     

    Noch nicht genug. Vom Vater des Hauptverdächtigen erfahren wir dessen Leidensgeschichte. Als bei dem Jugendlichen die sexuelle Neigung zutage trat, wurde er vom Vater – reich! Industriebaron! – geohrfeigt und seitdem stets am kurzen Zügel geführt, er wurde verheiratet, in der väterlichen Villa untergebracht; auch die Enkelin hat einen kurzen Auftritt – welch bemitleidenswertes Kind. Das Mädchen sagt kaum ein Wort. Aber allein schon die äußere Erscheinung! Empörend!

     

    Das alles, schlüpfrig zusammengerührt (Drehbuch: Jürgen Werner), bleibt eine durchsichtige Melange aus Vorurteilen und Vulgärpsychologie, ein unverdaulicher Teig. So bäckt man Klischees, die ein facettenreiches Bild sei es vom Täter, sei es vom Opfer, nicht zulassen. Sie satteln noch drauf. Im Finale perfektioniert sich Faber darin, den Hauptverdächtigen anzubaggern. Der Schwule dann bitte auf den Scheiterhaufen. Was für ein peinlicher TATORT. TV aus der Steinzeit.

     

    Neuerdings stehen paar frische Ermittler ins Haus. Letztens Ulrich Tukur (HR), auch Joachim Krol (HR), aus dem Saarland ist Veränderung angesagt (David Striesow), Hamburg steigt ins Showbiz ein (Til Schweiger). Weit nach vorn prescht bereits der Ermittler-Typus Alexander Bukow (Polizeiruf 110), zu dessen Vorgeschichte eine kriminelle Karriere gehört, der unlängst im Dienst das Faustrecht sprechen ließ und nur durch energisch eingreifende Kollegen gezügelt wurde. Unser Dortmunder Newcomer Faber rangiert auf der Bukow-Skala im oberen Drittel. Ein Rauhbein? Rüpel? Haudegen? Egal. Real handelt es sich um die Rückkehr von harter Männlichkeit auf unsere Flachbildschirme. 

     

    Jahrzehntelang wird über »Männer« gestritten, von Alice Schwarzer bis hin zu den Feuchtgebieten, der Einzelkämpfer wird in die ewigen Jagdgründe geschickt – und nun die lorbeerbekränzte Rückkehr von Moder und Schimmel. War alles nicht so gemeint. Über Schwule darf doch wieder gelacht werden. Der verhasste Vorgesetzte triumphiert wie gehabt, der einsame Wolf – gern auch dandylike als »Hanns von Meuffels« –, der gnadenlose Ermittler, herrisch, selbstgefällig, Schritt für Schritt tritt er uns aus waberndem Nebel entgegen.

     

    Meine Güte, was habt ihr Probleme mit Männern! Vielleicht hebt einer den Blick über die Landesgrenze? Auch anderswo werden spannende Krimis gedreht – ohne dass man sich gleich aus der Mottenkiste bedient.

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