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Polizeiruf 110 (ARD) - Stillschweigen (30. September)

28.09.2012

»Jeder parkt mal in der falschen Garage«

Parken in der falschen Garage, wir ahnen es, kann bemerkenswerte Konsequenzen haben. Der junge Ricky Klawes und eine Hebamme werden ermordet auf einer mecklenburgischen Landstraße aufgefunden. Eine erste Spur führt Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und LKA-Beamtin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zum Rostocker Motorradclub Satanic Riders, der wegen seiner kriminellen Machenschaften bereits die Aufmerksamkeit des Landeskriminalamts weckt. Von WOLF SENFF

 

»Mauer des Schweigens« oder »Stillschweigen« deutet auf strikt hierarchische Strukturen; der Präsident der Satanic Riders lässt nicht zu, dass Informationen an die Außenwelt dringen. Abgekapselte Parallelgesellschaft. Befehl und Gehorsam. Günstlingswirtschaft. Willfährigkeit. Dieser Polizeiruf liefert eine  Milieustudie, und was man schon längst wusste: Hinter all der Präsidentenherrlichkeit steckt eine armselige Figur.

 

Folgerichtig auch, dass die Satanic Riders – Plopp! – einstürzen, von einem Augenblick zum nächsten bleibt nichts übrig, der erboste Präsident schickt seine letzten Gefolgsleute heim. Wo nichts als die Fassade von Herrschaft steht, ist niemand gut untergebracht. Rolf Wendland (Thomas Saarbacher) schildert  bewegend die Ideale der Gründungsväter. Gut, man muss misstrauisch bleiben: »Jeder parkt mal in der falschen Garage«.

 

Tabea Hörner (Lilith Stangenberg), Freundin des Opfers, wirkt völlig entwurzelt und sucht Halt, wo immer er sich bietet. Eine faszinierende Figur, furchterregend. Sie ist eine jener Frauen, an der kein Unglück vorübergeht: »Mein neuer Freund hat nen Tattoo-Laden, der will mich ausbilden«. Dazu tönt der schmachtende Gesang von Lana del Rey, »Heaven is a place on earth with you«. So kann das ja nichts werden. Wir sehen seelische Not, Ausweglosigkeit und, ja, auch Einfalt, viel Einfalt gepaart mit null Ahnung, wie die Welt sich dreht.

 

Übrigens: Wie in diesen Kreisen mit Frauen umgegangen wird, das sollten sich all diejenigen nicht entgehen lassen, die noch das Kopftuch für den ultimativen Beweis von Unterdrückung halten.

 

Überhaupt ist Stillschweigen eine Milieustudie von Rostock (Buch und Regie: Eoin Moore). Und es ist keineswegs die altvertraute Republik, die zutage tritt. Vielleicht ist Stillschweigen deswegen allen anderen ein gutes Stück voraus und trifft punktgenau den Geist der Zeit. Prekäres Leben ist angesagt, Armut. Erinnern wir uns, wie Lena Odenthal lebt? In Köln. Oder in München Max Ballauf? Das alles war gestern. Für Alexander Bukow addieren sich drei Monatsgehälter zu fünftausend Euro. Er hat Familie? Ein Kind? Dann wird's schon schwierig mit dem Auskommen.

 

Katrin König und Alexander Bukow sind chronisch angefressen. Das wird uns nicht, wie wir es gewöhnt sind, säuberlich psychologisch aufgeschlüsselt. Sie sind eben so. Anton Pöschel (Andreas Günther) bewirbt sich   in jeder Folge um die Arschkarte. Wie man's macht, macht man's verkehrt. Na, er hätte sich  nicht heimlich um die neue Anschrift des Ex-Präsidenten bemühen sollen. Kleine Sünden, das weiß man doch, bestraft der liebe Gott sofort. Eigentlich ist Pöschel ein Netter und muss trotzdem leiden.

 

Nein, die Ermittler sind kein »Team«, davon kann keine Rede sein, im Gegenteil. Sie sind weder brav noch artig noch höflich, sie dekonstruieren die geschmeidige Fassade, das Wohlfühlmäntelchen, das man uns mit aufgebrezeltem Gewese gern allerorten umhängt, während die Zügel am Arbeitsplatz gnadenlos gestrafft werden. Die Sicherheit der Überwachung wird erhöht, während die Sicherheit der Arbeit sinkt. Lächelnde Experten halten einen Vortrag darüber, dass die Sicherheit statistisch gesehen konstant bleibt.

 

Das musste gesagt werden. Erst jetzt verstehen wir das Auftreten der beiden Kommissare und wissen es zu schätzen. Sie buhlen nicht um die Sympathie des Zuschauers, sie lullen niemanden ein, sie säuseln nicht, sie biedern sich nicht an, sie schleimen nicht, sie halten uns keine neunmalklugen Vorträge, sie pflegen nicht ihr weißgraues Haar, sie haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen.

 

Sie verbreiten auch keine gute Laune. Sie sind nicht fröhlich, sie feiern keine Partys, sie haben keinen Spaß. Nein, ihre Stimmen sind nicht wohltönend cognacfarben wie die der Damen von Welt im Hörfunk, sie verbreiten keinen Glanz, sie treten nicht gebieterisch mit der Aura des Amtes auf. Höchst angenehm. Wenn dieses reduzierte, spröde Auftreten »Rostock« sein soll, dann soll »Rostock« Zukunft haben.

 

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