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    Sonntag, 28. Mai 2017 | 12:22

    TATORT (SWR) - 839 Hanglage mit Aussicht (26. August)

    11.08.2012

    »Okey« mit Ton auf »ey«, geschraubt

    Der TATORT vor der Hier-sind-unsere-Wiederholungen-Sommerpause war ebenfalls aus Luzern? Auch Serienfiguren sind auf Kontinuität angewiesen. Aber eines nach dem anderen. Ein Sturz aus der Seilbahn zum Wissifluh erweist sich als Mord, in den von Politik (Regierungsrat Mattmann (Jean-Pierre Cornu)) bis zu nationaler Schlagerszene (Maria Imbach (Maja Brunner), Ehefrau des Opfers) allerlei Personal verwickelt ist, nicht zu vergessen der Finanzinvestor, der Anwalt, der Filialleiter der Rütli-Bank. Weit gefächert. Von WOLF SENFF

     

    Liz Ritschard (Delia Mayer) gefiel letztes Mal gut. Diesmal gibt sie gleich in der Eingangsszene die ängstliche Frau in der Seilbahn (Buch: Felix Benesch), und Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) treibt Späßchen mit ihr. Macholand sei abgebrannt, sollte man meinen. Oder wird der Fernsehzuschauer darauf eingestimmt, dass ein Hang zur Verwahrlosung auch bei unseren Behörden schick wird – siehe beim Polizeiruf den Rostocker Ermittler Bukow? Egal. Die Szene wäre Grund genug, diesem TATORT vorzeitig den Saft abzuschalten.

     

    Liz Ritschard wird auch nachher einige Male gedeckelt. Erst später verliert das Verhältnis der beiden Kommissare diese Aggressivität. »Liz, schlaf gut!« Wie es zu dieser Freundlichkeit kommt, bleibt unerfindlich. Steht im Drehbuch, also: Muss sein (Regie: Sabine Boss).

     

    Gewiss, es gibt diverse Details, die uns im Film halten. Ist der Zinken im Gesicht von Jonas Bättig (Aaron Hitz) echt? Man sieht immer wieder hin und wüsste es gern. Hat nur mit Krimi wenig zu tun. Die schmierigen, verschlagenen Typen in Politik und Geschäftswelt sind dem Bild nachempfunden, das wir eh von ihnen haben: Regierungsrat Mattmann, Geschäftsführer Louis Kälin (Imanuel Humm). Der Almwirt Rolf Arnold (Peter Freiburghaus) überzeugt als knorriger Eigenbrötler.

     

    Sonst? Nein, dieser TATORT wirkt nicht rund, ist nur selten spannend, er zerfällt in Einzelteile. Das Kompetenzgerangel in der Dienststelle – »Weißt du, was? Leckt mich doch am Arsch!« – ist nicht ohne Humor, doch es nimmt zu viel Platz ein. Und auch geheult wird viel: Die Tochter des Bauern heult zu Gitarrenmusik, ihr Ex-Liebhaber heult, der Bankberater heult.

     

    Auch andere Details passen nicht. Zum Beispiel, dass Reto Flückiger sagt: »Okey, ich prüfe das.«, er sagt »okey« mit Ton auf »ey«, geschraubt – das ist ein Slang aus einer den Kommissaren eher fremden Welt, einer aufgetakelt bunten Welt mit muskulös protzenden Kerlen und affektierten Weibern.

     

    Anders, aber genauso unpassend die Szene, in der der Ex-Liebhaber (Gabor Biedermann als Heiko Sievers) auf die Alm kommt. Er ruft artig von der Talstation aus an, Claudia Arnold (Sarah Meyer) verständigt entsetzt den Kommissar und steht kampfbereit in der Küche, das Brotmesser todesmutig erhoben, während der Ex sich Einlass verschafft: »Claudia! Ich liebe dich!«, und ihr entschlossen die Waffe aus der Hand schlägt. Rosamunde Pilcher in konzentrierter Dosierung? Anschließend sitzen sie einträchtig vor Spaghetti Bolognese, es herrscht eitel Sonnenschein, der Kommissar gesellt sich hungrig dazu.

     

    Auch der Trick, mit dem der Geschäftsführer ausgehorcht werden soll, ist nicht der Raffinesse letzter Feinschliff. Wie gut, dass es den nichts und niemandem verpflichteten Almbauern gibt. Menschen wie er, so scheint’s, sind unverzichtbar im Leben. Der Schluss – »..sonst hast du diese Mistgabel in der Speiseröhre drin!« – lässt keinen Fluchtweg, er überzeugt, das Drehbuch zeigt ein Faible für Märchen.

     

    Die meisten Figuren sind leider lau. Die Heulsusen erwähnte ich. Rückinger hadert mit den Vorschriften. Liz Ritschard ordnet sich wortlos unter. Das joviale Lächeln von Polizeichef Schmidinger (Andrea Zogg) erstickt jeden Widerspruch. Der Regierungsrat ist glatt wie nasse Seife. Man könnte jetzt einwenden, dass das beabsichtigt sei, und darin liege die realistische Qualität. Nix bewegt sich. Nirgendwo. Schon gar nicht in der Politik. Der Alltag ist stumpf und ohne Hoffnung. Der Einzige, der überhaupt was in Gang bringt im Leben, das wär‘ der erwähnte knorrige Almbauer? Hm. Wenn’s wirklich so gemeint wär‘ – darüber könnt‘ man sich die Köpfe heißreden.

     

    Empfehlenswert? Ach, diese Folge hat ihr Strickmuster nicht wirklich gefunden. (Ineinander verzahnte Verhöre sind übrigens ein Zeichen von Hilflosigkeit: Wir haben hier zwei Verhöre, die sind länger als wir dachten, was fangen wir damit an? Verschachteln wir sie doch. So kommt es an, als Verlegenheitslösung.) Und die Kommissare fallen zurück hinter den letzten Luzerner TATORT, in dem sehr zögerlich, sehr sympathisch erste private Mosaiksteine gesetzt wurden.

     

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