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Zum 85. Geburtstag des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez

06.03.2012

Der Magier hat sich zurückgezogen

»Ich habe einfach aufgehört zu schreiben. Das Jahr 2005 war das erste in meinem Leben, in dem ich nicht eine Zeile zu Papier gebracht habe«, bekennt der kolumbianische Schriftsteller Gabriel Garcia Márquez im Rückblick. Seine Agentin Carmen Balcells hatte vor drei Jahren in einem Interview mit der chilenischen Tages La Tercera überdies erklärt: »Ich glaube, García Márquez wird nie mehr schreiben.« So lebt »Gabo«, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird, seit seiner Krebserkrankung zurückgezogen in Mexico City. Das Telefon hat er inzwischen abgemeldet und meidet öffentliche Auftritte. »Mit der Erfahrung, über die ich verfüge, könnte ich ohne Probleme einen neuen Roman schreiben. Aber die Leute würden merken, dass ich nicht mit dem Herzen bei der Sache bin«, begründet der Nobelpreisträger von 1982 seinen literarischen Rückzug. Von PETER MOHR

 

In seinen opulenten Romanen war Gabriel Garcia Márquez zumeist um Detailgenauigkeit und größtmögliche Authentizität bemüht, wie er im ersten Band seiner Autobiografie Leben, um davon zu erzählen (2002) einräumt. Die meisterliche Gratwanderung zwischen hart recherchierten Fakten und leicht exotisch anmutender Poesie hat Márquez zum Ur-Vater des sogenannten »magischen Realismus« werden lassen.

Mit der eigenen Biografie nahm er es stattdessen nicht ganz so genau. Vor 15 Jahren lüftete der Publizist Dasso Saldivar ein gut gehütetes Geheimnis. Durch vorgelegte Kopien der Geburtsurkunde konnte der Márquez-Biograf nachweisen, dass der kolumbianische Romancier bereits 1927 geboren wurde. Über Jahrzehnte hinweg galt der 6. März 1928 in allen Nachschlagewerken als Marquez' Geburtstag.

 

Erst spät fand Márquez nach einem abgebrochenem Jurastudium und Tätigkeiten als Auslandskorrespondent und Filmkritiker diverser kolumbianischer Zeitungen zur Literatur. Er hatte die Vierzig bereits überschritten, als ihn seine Frau drängte, das Manuskript der Hundert Jahre Einsamkeit zur Veröffentlichung anzubieten. Der Roman über den Zerfall der Familie Buendia wurde bekanntlich zu einem Welterfolg, und mit dem fiktiven Örtchen Macondo (der Name eines tropischen Baumes) hatte Márquez einen Handlungsschauplatz geschaffen, der seinem Geburtsort Aracataca an der kolumbianischen Karibikküste nachempfunden ist und der in vielen späteren Werken wieder auftauchte.

 

Márquez' literarische Wurzeln liegen in der Kindheit verborgen. Seine Großmutter, bei der er aufwuchs, soll eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin gewesen sein und ihn mindestens ebenso stark geprägt haben wie die Werke des von ihm verehrten William Faulkner. Seine durch die literarischen Erfolge gewonnene Popularität versuchte Márquez auch politisch zu nutzen. 1978 vermittelte er als Präsidentschaftskandidat der Linken zwischen der Guerilla-Bewegung „19. April“ und der Regierung in Bogotá. Mit seinem politischen Engagement, das von den literarischen Arbeiten kaum zu trennen ist, hat Garcia Márquez sich allerdings nicht nur Freunde gemacht. Der konservative Mario Vargas Llosa geißelte ihn 1986 auf dem Internationalen PEN-Kongress als »Kurtisane Castros«. Nicht ganz zu Unrecht, denn Márquez hatte nicht nur für die staatliche kubanische Nachrichtenagentur gearbeitet, sondern gehörte viele Jahre auch zu den persönlichen Freunden des kubanischen »Revolutionärs«. Mit etwas Fantasie lässt sich in seinem Roman Der General in seinem Labyrinth in der Figur des Freiheitskämpfers Simon Bolivar auch ein latentes Portrait Fidel Castros erkennen.

Dennoch ist Márquez' Popularität ungebrochen. 2002 erschien in Kolumbien der erste Band seiner Autobiografie in der Originalausgabe mit einer Startauflage von einer Million Exemplaren - und das in einem Land, in dem die Literatur immer noch ein Privileg der Oberschicht ist. In einigen Buchhandlungen Bogotás erklang zur Premiere die Nationalhymne, und Staatspräsident Alvaro Uribe rühmte Márquez pathetisch: »Die Präsenz der kolumbianischen Geschichte in der Erinnerung der Menschheit ist gesichert.«

 

Gabriel Garcia Márquez, der am 6. März seinen 85. Geburtstag feiert, hat mit seinen in die Weltliteratur eingegangenen Romanen Chronik eines angekündigten Todes (1981), Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1986) und dem über 30 Millionen Mal verkauften und in 35 Sprachen übersetzten Roman-Evergreen Hundert Jahre Einsamkeit (1967) der lateinamerikanischen Literatur in Europa erst den Durchbruch ermöglicht. Es ist die ausgewogene Mischung aus exotischer Bildhaftigkeit und dem Wechselspiel von Mythos und Realität, die den Reiz der Márquezschen Werke ausmacht - zuletzt noch einmal zu erleben gewesen im Alterswerk Erinnerungen an meine traurigen Huren (2004).

 

Das gigantische Werk von Gabriel Garcia Márquez (sämtliche Titel sind in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer und Witsch erschienen) lässt sich kaum treffender charakterisieren als mit den Worten von Heinrich Böll: »Er ist eine einmalige Erscheinung, weil bei ihm das, was wir Engagement nennen, mit dem, was wir Poesie nennen, vollkommen übereinstimmt.«

 

Foto: Festival Internacional de Cine en Guadalajara / Lizenz CC-BY 2.0

 

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