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Das INTERNATIONALE FORUM des jungen Films im Überlebenskampf der Kunst gegen den Markt

19.02.2012

Mehr als das Einheimsen von Subventionen

Vor gut vier Jahrzehnten, als das Internationale Forum des jungen Films in Opposition zum offiziellen Wettbewerb und als Provokation für diesen gegründet wurde, durfte man unter »jung« zugleich »experimentell«, »frech«, »verstörend« verstehen. Davon ist heute, zumal in den deutschsprachigen Ländern, kaum noch etwas zu bemerken. Ein großer Teil der Beiträge zum Forum ist thematisch belanglos und formal brav und konventionell. Es scheint sich in den Künsten wie in der Politik zu verhalten: Die alte Regel, dass man mit zunehmendem Alter konservativer werde, gilt nicht mehr. Es sind die Alten, die mit Regelverstößen irritieren. Der Nachwuchs hat sich, mit Ausnahmen, versteht sich, in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet. So viel Einverständnis war selten. Kritik bewegt sich im engen Rahmen liberaler Selbstbestätigung. Formale Neuerungen überschreiten kaum je die vom Fernsehen und vom kommerziellen Film vorgegebenen Normen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Darauf angesprochen, sagen einem junge Filmemacher, dass Gewagteres von der Filmförderung nicht akzeptiert werde. Das wird wohl stimmen. Aber wenn sich Filmkünstler von einer Förderung abhängig machen, die unter dem Deckmantel der Kunstförderung nichts anderes ist als Wirtschaftsförderung, die also nur auf Verkäuflichkeit achtet, dann bedeutet das das Ende des künstlerischen Films. Sind die jungen Leute wirklich bereit, einfach zu liefern, was die Filmförderung verlangt, als ginge es um Maßhemden oder um Heftklammern? Haben sie keine Überzeugungen mehr, für die einzustehen mehr gilt als das Einheimsen von Subventionen?

 

Dann allerdings müssen wir schwarz sehen für eine Zukunft, in der auch in Österreich (nicht unwahrscheinlich) oder in Deutschland (nicht undenkbar) ungarische Zustände eintreten könnten. Auch in früheren Jahrzehnten war die Filmförderung, so es sie überhaupt gab, nicht eben avantgardistisch. Aber mit der Devotheit gegenüber den Geldgebern, die heutige Jungfilmer – wie gesagt: mit rühmlichen Ausnahmen – an den Tag legen, wären die Filme der jungen Buñuel, Antonioni, Godard, Fassbinder nie entstanden. Die Filmförderung darf nicht preisgegeben werden, aber sie muss den Bürokraten und neoliberalen Funktionären entrissen und in eine echte Kunstförderung umgewandelt werden. Dann hat auch der Film wieder eine Chance, für den das FORUM einst ein Forum bieten sollte.

 

Wir sagen das nicht zum ersten Mal, aber die Not nimmt zu, wo inzwischen selbst der WETTBEWERB weniger interessiert als die Bilder von schauspielenden Kretins, die über rote Teppiche schreiten, und wo Journalisten, die sich lieber auf Partys aufhalten als im Kino, mit leicht ironischem Unterton von Partys berichten, auf denen sich Leute spreizen, die sich lieber auf Partys aufhalten als im Kino und deren Bedeutung ausschließlich darin besteht, dass Journalisten über sie schreiben. Die BERLINALE ist ein Spiegel der Welt, in der wir leben. Kein gutes Zeugnis für diese Welt.

 

JAURÈS - von Vincent Dieutre

Im grauen Bereich zwischen Kleinkriminalität, Kunst und Politik bewegen sich die subversiven Aktionen der russischen Künstlergruppe Vojna – auf deutsch: Krieg –, die der Film Morgen von Andrej Grjazev unter Verwendung der von Vojna selbst aufgenommenen Videos dokumentiert. Spätestens bei der Brutalität eines Polizeieinsatzes gehört die Sympathie des Publikums den jungen Anarchisten, die bei ihren konspirativen Treffen ein wenig an die Gerechten von Albert Camus erinnern. Morgen ist vieles zugleich: eine Kunstdokumentation, ein formal spannender Film, ein exemplarisches Abbild der russischen Gesellschaft unter Putin und somit ein FORUM-Film, wie er sich auch vor vierzig Jahren schon definiert hätte.

 

Vor vier Jahrzehnten gehörte die Homosexualität noch zu den gesellschaftlichen Tabus, die zu brechen die BERLINALE ihren Beitrag leistete. Damals hatten Filme zu diesem Thema, oft mit einer spezifischen Ästhetik, ihre Heimat im PANORAMA, der Außenseitersektion des damals offiziellen Programms. Inzwischen sind sie auch im FORUM gefragt, wobei man gelegentlich zu bedenken geben möchte, dass Homosexualität allein noch nicht abendfüllend ist. Zu den interessantesten Beiträgen des heurigen Forums zählte Jaurès von Vincent Dieutre, weil die Thematik einer schwulen Liebe hier in ungewöhnlicher Weise abgehandelt wird.

 

Zwei Menschen, dargestellt von Eva Truffaut, der Tochter von François Truffaut, und dem Regisseur Vincent Dieutre sehen sich zusammen Filmausschnitte an. Sie zeigen Nachtaufnahmen aus dem Fenster einer Wohnung an der Pariser Metrostation Jaurès: gegenüber liegende Häuser mit erleuchteten Fenstern, die Viadukte der an dieser Stelle oberhalb der Straße verkehrenden Metro, den Canal St Martin, in dem sich die Lichter spiegeln, und vor allem afghanische Flüchtlinge, die die Nächte unter der Brücke an beiden Ufern des Kanals verbringen. Dazu erzählt Dieutre, von Eva Truffaut befragt, von Simon, aus dessen Wohnung die Aufnahmen gemacht wurden. Die Geschichte ist zärtlich, leise, aber unsentimental. Die Erzählung überschneidet sich an manchen Stellen mit den Bildern, deckt sich aber nicht mit diesen. So entsteht eine ganz ungewöhnliche Symbiose von äußerst Privatem und Öffentlichem. Die Verbindung zum Politischen wird auch dadurch hergestellt, dass Simon, der verlorene Geliebte, ein sozial aktiver Zeitgenosse war, der sich um Menschen wie die obdachlosen Afghanen, die wir im Film aus der Ferne beobachten, gekümmert hat. So repräsentiert Jaurès in mehrfacher Hinsicht ein Kino, das man in Frankreich oder auch in Lateinamerika eher antrifft als in Deutschland und bei der BERLINALE ganz gewiss nicht im WETTBEWERB, wohl aber im FORUM.

 

Katastrophen erfahrbar gemacht

Die Zerstörungen, die ein Tsunami anrichtet, kann man in ihrer ganzen Schrecklichkeit abbilden. Aber wie vermittelt man die Schrecken der radioaktiven Verseuchung? Sie hinterlässt keine Bilder. Die Landschaften sehen aus wie zuvor, die Kirschbäume blühen in alter Pracht. Wir wissen es spätestens seit 9/11: nicht die tatsächliche politische und menschliche Katastrophe hat sich dem Gedächtnis eingeprägt, sondern das Bild vom Flugzeug, das in einen der Türme des World Trade Center dringt.

 

Auf den Tag neun einhalb Jahre später, fand 3/11 statt, die nicht von Terroristen, sondern von Politikern und der Atomlobby zu verantwortende Katastrophe von Fukushima statt. No Man‘s Land von Fujiwara Toshi, der zum Teil die gleichen Motive wählt wie sein Landsmann Funahashi Atsushi in der ebenfalls vom FORUM vorgestellten Dokumentation Nuclear Nation, verbindet eindrucksvoll eine Recherche über die Auswirkungen der Katastrophe für die Menschen mit Reflexionen über die Möglichkeiten des Films, sie erfahrbar zu machen. Ein weiteres Beispiel also für die Einheit von politischer und ästhetischer Relevanz.

 

DIE LAGE - von Thomas Heise

Thomas Heise ist einer der profiliertesten deutschen Dokumentarfilmer seiner Generation. In seinem jüngsten Film Die Lage verzichtet er auf Interviews und beobachtet einfach die Vorbereitungen für den Besuch des Papstes in Erfurt und dann diesen Besuch selbst, in langen Einstellungen mit Schwarz-Weiß-Bildern, die Erinnerungen an alte Wochenschauen abrufen. Die Vertreter der Stuttgarter Schule hätten ihre Freude daran gehabt. Nur die Ironie, die deren Kommentare auszeichnete, verkneift sich Heise. Stellenweise entdeckt man sie in der Aufnahmeperspektive, aber auch ein treuer Katholik dürfte an diesem Film nichts auszusetzen haben. Dabei könnte man sich ja immerhin fragen, warum die über Lautsprecher verkündete Überzeugung, dass Maria, voll der Gnade, unter den Frauen gebenedeit sei, das Kinopublikum weniger zum Lachen reizt als der Aufruf an die internationale Solidarität im Aufstand der Fischer von Santa Barbara, einem Film von Erwin Piscator aus dem Jahr 1934, der in einer erst jüngst aufgefundenen Stummfilmfassung in der Retrospektive der Berlinale ihr Weltpremiere erfuhr.

 

Apropos Retrospektive:

Der Weg ins Leben von Nikolaj Ekk, der sowjetische Klassiker über die Erziehung verwahrloster Jugendlicher durch kollektive Arbeit aus dem Jahr 1931, wurde vor ganzen Schulklassen gezeigt. Keine leichte Kost, weder formal, noch inhaltlich, und ganz gewiss nichts, was heutigen Sehgewohnheiten entspricht. Man hätte große Unruhe erwarten können. Aber siehe da: die Kinder saßen offenbar gebannt im Kino. Doch unsere flotten Medienvertreter wollen uns einreden, dass die Zuschauer nicht erziehbar seien. Ihnen, nicht den Kindern, gebührt eine schallende Makarenko-Ohrfeige.

 

Nicht in der RETROSPEKTIVE, sondern als Special im FORUM stand eine restaurierte Fassung des Films Ornette: Made in America auf dem Programm, an dem Shirley Clarke von 1968 bis 1984 drehte. Es handelt sich um eine Mischung aus Musikfilm und Musikerporträt. Ornette Coleman war der bedeutendste Jazzsaxophonist nach Charlie Parker und ein Mitbegründer des Free Jazz. Shirley Parker ergänzt seine Musik mit Bildern, die aus dem Geist des Jazz geboren sind, anarchisch, quirlig, »unordentlich«. Was wäre wohl aus Ornette Coleman geworden, wenn er sein Saxophon nach der Vorstellung von Förderern geblasen hätte?

 

EINE ZU JUNGE NACHT - von Olmo Omerzu

Zwei Freunde, ein Zyniker der eine, ein eher passiver Mitmacher der zweite, eine liebeshungrige Frau, ein Polizist und zwei Zwölfjährige – das ist das Personal des Kammerspiels Eine zu junge Nacht, von dem Slowenen Olmo Omerzu als sein erster abendfüllender Film in Prag gedreht. Es zeigt die kalte Welt der Erwachsenen, in welche die Kinder hineinwachsen werden. Eine zu junge Nacht ist die paradigmatische FORUM-Alternative zu dem WETTBEWERBsbeitrag Gnade: hier konzentrierte 65 Minuten, dort die doppelte Länge. Dort die üppige Nutzung des Reizes von Schneelandschaften, die Regisseur Matthias Glasner Fargo von den Coen-Brothers und Salmonberries von Percy Adlon abgeschaut hat, hier nur wenige Außenaufnahmen, übrigens auch im Schnee, und dann die Bevorzugung von Großaufnahmen in einer kleinen Wohnung. Hier hervorragende Dialoge, dort gesprochenes Papier. Dort der unvermeidliche Jürgen Vogel, den die Kritik aus unerklärlichen Gründen ins Herz geschlossen hat, hier die subtile Blickregie und das hervorragende Spiel, insbesondere von Martin Pechlát.

 

Es gibt sie ja doch noch, die FORUM-Filme. Man muss nicht unbedingt patriotisch urteilen. Schließlich darf man ja auch sizilianische Orangen besser finden als bayrische und russischen Kaviar besser als holsteinischen.

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