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Samstag, 18. Mai 2013 | 16:55

Songs of Love and Death

11.02.2012

Heute!

»Dies ist ein Ort, an dem der Tod immer noch sein Kommen ankündigt.« Diesen Glauben, der sich dem Betrachter und Lauscher von Alain Gomis spirituelle Lebensschau als alte Überlieferung darbietet, gibt ein Erzähler weiter, dessen erste Worte nicht seine Stimme, sondern eine Texttafel formt. Die Klangreise des französischen Regisseurs und Drehbuchautors findet ihren Ursprung in schwarzer Stille, aus der Satché (Saul Williams) die Augen aufschlägt, um seinem Schicksal ins Gesicht zu blicken: dem Tod. Von LIDA BACH.

 

Der Titel benennt den Tag, an dem der junge Senegalese sterben muss: Aujourd'hui – heute. Dass es ein Müssen ist, daran erlaubt die lose Handlungsstruktur trotz der hoffnungsvollen Inszenierung keinen Zweifel. Hinter der sprühenden Lebenslust, die in symbolisch überhöhten Alltagsaufnahmen und im Stil improvisierter Choreografien aufgeführter Planszenen aus den Protagonisten herausbricht, ruht ein tief verwurzelter Fatalismus. Der Hauptcharakter selbst bewegt sich mit fast apathischer Ergebenheit durch seinen Heimatort, dessen Straßen ihn einen vorbestimmten Weg entlangzuziehen scheinen, statt dass sie ihm offen stehen. Die Frage nach der Möglichkeit eines selbstbestimmten Handelns, welche die stumpfe Einhaltung des augenscheinlich Prädestinierten unweigerlich aufwirft, stellt das gospelartige Filmresümee niemals.

 

Eines langen Todestages Reise

Ungeachtet des konkreten Spiels des Musikers Williams erscheint dessen Figur durchgehend passiv und ergeben in ein Los, das sich einzig darin abzeichnet, dass die übrigen Charaktere es als allgemein bekannte Selbstverständlichkeit behandeln. »Wenn unser Sohn heute einschläft, wird er in die Geisterwelt übergehen, so Gott will«, sagt Satchés Vater, der dem Sohn gefasst umarmt, während die Mutter (Mariko Arame) Tränen vergießt. Die Verabschiedung im Kreis der Familie, mit der Satchés allegorische Wanderung durch seine Geburtsstadt beginnt, vollzieht sich, als sei der kraftvoll und geistesgegenwärtig auftretende Mann bereits ein Toter. Wie zu einem solchen reden die anderen Figuren, die mehr über als mit ihm sprechen. In Ansätzen wird im Prisma ihrer wechselhaften Emotionen ein möglicher Lebensweg des Hauptcharakters skizziert, der letztendlich so schemenhaft bleibt wie der Mann, der nun an dessen Ende zu stehen glaubt.

 

»Er fürchtete nichts. Er kennt keine Angst vor der Dunkelheit«, besingt ihn eine alte Verwandte in einer von Alltagsgeräuschen verschlüsselten Musikalität getragenen Szene. Von glühender Idealisierung schwankt sie zu jähen Vorwürfen und provokantem Spott, denen er nur im reagierenden Minenspiel begegnet. Jeder Ort, an dem er auf seinem Weg haltmacht, ist die sinnbildliche Verkörperung einer Lebensstation, die nur revisioniert, nicht revidiert werden kann. Die in ritualistische Obskurität getauchte Seelenwanderung belässt Gomis bewusst im halbdunkel zwischen Schamanismus und symbolisch verklärtem Naivismus. »Keine Neuigkeiten. Aber wir stehen weiterhin in Kontakt«, sagt ein Bekannter, bei dem Satché zu Gast ist, als dessen zurückhaltender Begleiter Sele (Djolof M´Bengue) ihn auffordert, sein Radio, aus dem nur unverständliche Töne dringen, reparieren zu lassen.

 

Eine klare Sprache zu finden oder einen Begriff des emotionalen oder geistigen Eindrucks, den er vermitteln möchte, gelingt dem trotz der formellen Dynamik schleppenden Spiritual-Musical nicht. Die Frage nach dem Grund seiner Rückkehr und die unterschwellig darin mitschwingende Frage nach dem seines Fortgehens beantworten Regisseur und Protagonist gleichermaßen mit Schweigen. »Du stirbst, aber du hast nicht gelebt!«, hält dem Übergänger in die Schattenwelt eine frühere Geliebte vor. Ähnlich ergeht es dem nebulösen Wettbewerbsbeitrag, der verklingt, ohne etwas gezeigt zu haben.

 

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