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Mittwoch, 29. März 2017 | 19:04

 

TATORT (HR) - Das Dorf (04.12.2011)

02.12.2011

Richtig tief in die Wüste

Er: Ich bin immer wieder erstaunt über Ihre vielseitigen Fähigkeiten.

Sie: Ich bin immer wieder erstaunt, dass Sie immer wieder staunen.

Er: Da staunen Sie, was?


Lustig? Nein, kein Stück. (Soll das eine Hommage an Heinz Erhardt sein? Oder lässt Der Hexer grüßen?) Wer schreibt das als Eröffnungsdialog in ein Drehbuch? Und welcher Schauspieler tut sich das an?, fragt sich WOLF SENFF.

 

Die Provinz wird in Das Dorf als schaurigster Verbrechensort inszeniert. Murot muss von seiner Sekretärin aus einer Gemengelage von Schloss-Erbengemeinschaft und weltweiter Organhandelszentrale befreit werden.

 

Damit sind wir, medias in res, bei Ulrich Tukur. Der Ermittler, den er spielt, hat einen Hirntumor, dem er den Namen Lilly gegeben hat. Es steht zu befürchten, dass er uns mit weiteren Folgen auf den Nerv gehen wird, und das in seiner anhaltenden Befindlichkeit des Übergangs in die ewigen Jagdgründe. Das will man dem Zuschauer allen Ernstes antun?

 

Tukur gibt mit Murot eine Figur des Von-allem-Etwas. Er schwächelt, ist hinfällig, auf der Schwelle zum Jenseits, dann auch wieder zäh und unnachgiebig: »Ich hab versprochen zu helfen, und da bin ich eisern.« Gibt den tragischen Helden, den Charmeur, den Grandseigneur und Weinkenner wie auch das Weichei, das sich zurückhält und wartet, bis sich eine Verwicklung von selbst klärt, und die Initiative seiner Sekretärin überlässt. Nein, diese Figur ist nicht stimmig konzipiert, sie zerfällt in Bruchstücke, in Scherben, auch wenn Tukur selbst meint, dass sie einen großen Reichtum habe.

 

Wäre es dabei geblieben, es wäre anstrengend genug. Aber dieser TATORT reitet uns mit unerklärlichem Genuss richtig tief in die Wüste, so drückend lastet über allem eine regelrecht aufgepfropfte Edgar-Wallace-Ästhetik mit permanent herausgefilterter Farbigkeit und Schwarz-Weiß-Szenen, mit einer Erzählerstimme aus dem Off, mit Tobias Langhoff als Revival von Eddi Arent, mit den Zwillingen Kessler als Wiedergängerinnen der Elisabeth Flickenschildt, ja sogar mit unheilschwangeren Stimmen von Eulen und Krähen. Vielleicht gab’s damit am Set ja eine Menge Jux und Tollerei, aber die Flickenschildt hat das genauso wenig verdient wie Eddi Arent.

 

Soll das nun eine Parodie sein? Auf Edgar Wallace? Auf den TATORT gar? Da gibt’s gelungene Beispiele, man blicke nur nach Münster. Ist die Marke TATORT denn wirklich so tief gesunken, dass dem Hessischen Rundfunk nichts Besseres einfällt als dieses überanstrengte Imitat? Ulrich Tukur gibt die Antwort selbst: »Ich finde, nach 40 Jahren kann man auch einmal so einen Quatsch machen.«

 

Da sehen wir uns, wenn es denn sein soll, lieber einen Klassiker an als diesen beklagenswerten Verschnitt. Requisiten wie die Mercedes 600/W 100 Langversion sind dort authentisch untergebracht, und die Schauplätze wirken dort nicht muffig und verkrampft, sondern schlicht charmant.

 

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Ist es nicht auch eine kleine Hommage an:"das Schloß?" Ist dieser Tatort nicht endlich mal spannend, abwechslungsreich und überaschend mit einer guten Note Selbstironie? Endlich weg von der gähnenden langen Weile, den vorhersehbaren Handlungssträngen und den kleinen Lehren für das deutsche Volk. Endlich eine Sonntagabend Unterhaltung bei der man nicht einschläft. Wenn es nach mir geht, mehr davon.
| von Veit, 05.12.2011

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