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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 00:33

    Zum 75. Geburtstag von Wolf Biermann

    17.11.2011

    Verlust ist unser Hauptgewinn

    Von PETER MOHR

     

    »Dass Biermann ein echter und gebürtiger Hamburger ist, wissen viel zu wenige«, erklärte die damalige Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, als sie vor fünf Jahren auf einer Pressekonferenz das umfangreiche Programm der Hansestadt zum 70. Geburtstag vorstellte. »Im Osten war ich Drachentöter / Im Westen Wolf - doch niemals Köter / hing nie an keiner Kette fest. Ich brach mit blutigen Genossen / Die Gift mir in die Seele gossen / schrie all das aus und sang und schwieg / Im allerbesten Sinn Verräter / Nicht Opfer, lieber bin ich Täter«, heißt es in Wolf Biermanns Lied »Adieu Berlin«. Diese Verse beschreiben Biermanns Credo treffend – immer der unangepasste Querdenker, der kritische, bisweilen boshafte Mahner, für den die geistige Freiheit das höchste Gut war und ist.

     

    Vor 35 Jahren (exakt am 16. November 1976) bescherte Biermann der DDR eine echte Zerreißprobe. Die SED-Führung hatte während seiner Tournee durch die Bundesrepublik die Ausbürgerung publik gemacht. In selten erlebter Einigkeit gab es bereits einen Tag später eine öffentliche Protestnote, die von zahlreichen DDR-Intellektuellen und Künstlern (von Stephan Hermlin über Stefan Heym bis Manfred Krug) unterzeichnet wurde. Ein Massenexodus setzte ein.

     

    Bereits 1965 war ein Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn erlassen worden, weil er in der »Ballade auf den Dichter Francois Villon« das Parteiorgan Neues Deutschland und Margot Honecker verunglimpft hatte, so die Darstellung der SED-Führung. »Das Politbüro geriet unfreiwillig zu meiner PR-Agentur«, befindet Biermann im Rückblick.

     

    Wolf Biermann, der heute* vor 75 Jahren in Hamburg als Sohn eines im KZ ermordeten jüdischen Kommunisten geboren wurde, siedelte 1953 in die DDR über, wo er in Berlin Ökonomie, Philosophie und Mathematik studierte. Schon als Kind trug er den Spitznamen »der kleine Sänger«, weil »man mich schon damals eher darum bitten musste, nicht zu singen.« Anfang der 60er Jahre hatte Biermann – gefördert von Hanns Eisler – begonnen, Gedichte und Liedtexte zu schreiben, deutlich beeinflusst von der Lyrik Brechts. Als Biermann 1976 in den Westen zwangsübersiedelte, reagierte die Medienöffentlichkeit zunächst mit einigem Unverständnis, denn er spielte nicht die von ihm erwartete Rolle des »Berufsdissidenten«, der »öffentlich seine Ostwunden leckte«.

     

    In seinem tiefsten Innern ist Wolf Biermann latent immer Sozialist geblieben – zumindest bis zum Mauerfall vor 22 Jahren. Danach zerstritt sich der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1991 öffentlich mit den beiden Altmeistern der DDR-Literatur Stephan Hermlin und Stefan Heym (den er als »aufsässigen Feigling« bezeichnete), er entlarvte den Lyriker Sascha Anderson als »Stasi-Spitzel« und wurde seinerseits 1994 vom österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka als »Arschkriecher« und »Trottel« bezeichnet.

     

    Wolf Biermann, der 2008 die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität erhielt, polarisierte stets mit Leidenschaft, und an seiner Person und seinem Werk schieden sich immer die kritischen Geister. So auch 1998, als Biermanns langjährige Lebensgefährtin, die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen ihre Memoiren unter dem Titel »Eva und der Wolf« vorgelegt hatte. »Ich weiß ja: Unrecht ist uralt/ Verlust ist unser Hauptgewinn/ Und doch läßt mich kein Elend kalt/ Mich wundert, daß ich so zornig bin.« Treffende, selbstcharakterisierende Verse aus Biermanns letztem Lyrikband Heimat (2006). Der Wolf (Biermann) zeigt eben immer noch gern seine Zähne.

     

    Foto: Marco Maas/fotografirma.de

     

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