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Die Herausgeber Volker Hamann und Matthias Hofmann Die Herausgeber Volker Hamann und Matthias Hofmann

Interview mit Volker Hamann zum neuen Jahrbuch COMIC REPORT

19.05.2011

Die Stimmungslage an der Ladentheke

Seit letzter Woche ist der Comic-Report auf dem Markt, ein neues Jahrbuch, das sich den verschiedenen Aspekten der Neunten Kunst widmet. ANDREAS ALT hat sich mit Volker Hamann, einem der beiden Herausgeber, über Absichten und Perspektiven der Publikation unterhalten. Einen ersten Eindruck vom Comic-Report vermittelt - exklusiv in TITEL - der Artikel von KLAUS SCHIKOWSKI, in dem es um den Boom der Graphic Novel in Deutschland geht. Eine kleine Verlosung gibt es auch. Viel Spaß bei der Lektüre wünscht CHRISTOPH HAAS.

 

Gab es eine spezielle Idee für den Comic-Report, oder hat sich das Projekt aus Deiner Arbeit an dem von dir heausgebenen Fachmagazin Reddition entwickelt?

 

Volker Hamann: Die Reddition hat zunächst nichts mit dem Comic-Report zu tun. Der Comic-Report ist eine Idee meines Co-Herausgebers Matthias Hofmann, mit der er schon seit einiger Zeit herumlief. Dadurch, dass ihm die Reddition gut gefällt und er meine Arbeit kennt, dachte er sich, ich sei vielleicht der richtige Partner für dieses Projekt und hat es mir beim Comic Salon in Erlangen einfach mal vorgestellt. Die Reddition funktioniert schon seit Jahren als monografische Veröffentlichung, wir haben aber in der Anfangszeit versucht, einen Magazinteil zu machen, um über aktuelle Strömungen zu berichten. Und da ist mir klar geworden: Was es hier zurzeit an Veröffentlichungen gibt, reicht mir nicht aus.

 

Es war Zeit, und es war eine gute Gelegenheit. Wir haben dann aus dem Stand beschlossen, dass wir den Comic-Report machen. Matthias war der Ansicht, die Szene braucht so etwas, und ich war nicht nur dieser Meinung, sondern auch, dass der Comic-Report ideal ist für das, was ich mit der Reddition nicht leisten kann. Er sah in mir jemanden, der Verbindungen in der Szene hat, der Leute kennt, der als Türöffner fungieren kann und der auch Erfahrung mit so etwas hat. Obwohl er eine lange, ähnliche Vergangenheit in der Science-Fiction-(SF-)Szene der 80er Jahre hatte, sind wir mit einer recht offenen Konzeption gestartet.


Hatte Matthias Hofmann eventuell Vorbilder im SF-Bereich?

 

In den 80er Jahren hat er selbst Veröffentlichungen über SF-Literatur herausgegeben, hat sich in den vergangenen Jahren aber auch in der Comic-Szene umgetan, unter anderem bei www.splashcomics.de. Das Vorbild für ihn war das von Andreas C. Knigge 1986 bei Ullstein initiierte und in einem umfangreicheren Format bei Carlsen weitergeführte Comic-Jahrbuch. Nachdem Joachim Kaps (damals Carlsen) und dann der ICOM das Jahrbuch übernommen hatten, hat es sich im Laufe der Jahre sehr stark verändert zu einem Report der Kreativen in der Szene. Bei Andreas ging es viel stärker um den Markt, darum, seine Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten offen zu legen.

 

Die Fans sind dann in das Internet eingedrungen und haben heute viel mehr Möglichkeiten, sich zu beteiligen und ihr Statement sofort abzugeben. Ich habe das beobachtet, ich kenne zum Beispiel die Bemühungen von Martin Jurgeit (HIT-Comics, Comixene), so etwas auf die Beine zu stellen. Ich habe gesehen, in Frankreich erscheint regelmäßig eine solche Veröffentlichung, in den USA sowieso mit dem Comics Journal – da wurde der Markt genauso beleuchtet, und in den Niederlanden auch. Diese Veröffentlichungen kannte ich und habe so etwas für den deutschen Markt vermisst.

 

Ein transparentes Bild der Szene

 

Der Comic-Report ist offenbar wie das Jahrbuch auf jährliches Erscheinen angelegt.

 

Uns ging es hauptsächlich darum, eine Kontinuität zu beginnen. Schon ab der zweiten Ausgabe können wir bestimmte Strömungen oder Tendenzen ablesen, die sich im Laufe der Jahre zu einem wirklich transparenten und verlässlichen Bild der Szene verdichten sollen. Langfristig nachvollziehbar sollen Trends herausgearbeitet werden. Das betrifft nicht nur die Comics, sondern die Branche insgesamt, Verlage, Macher, Händler und Käufer. Der Marktreport und die statistischen Daten sind vielleicht auf den ersten Blick etwas dröge, aber Matthias schafft es, daraus lesbare, unterhaltsame Texte zu machen. Matthias hat auch schon bei dem Grafiker Gabriel Nemeth die Logos bis 2020 in Auftrag gegeben...

 

Mir scheint, dass sowohl Mangas als auch der Bereich Webcomics etwas zu kurz kommen. Woran liegt das, und wäre das auch anders denkbar?

 

Daran kann man festmachen, wie unterschiedlich die Ausrichtung von Matthias und mir war, als wir angefangen haben. Für Matthias spielten Mangas im Comic-Report zunächst gar keine so große Rolle. Er hat sich aber relativ schnell davon überzeugen lassen, weil Mangas in Deutschland ein großer Markt sind und bei jungen Kreativen eine große Bedeutung haben. Wir haben glücklicherweise ziemlich schnell die Japanologin, Schriftstellerin und Illustratorin Irene Salzmann gefunden, die dann mitgearbeitet hat.

 

Das ist im Lauf der Arbeit immer umfangreicher geworden. Ich würde sagen: Es muss noch umfangreicher werden. Joachim Kaps (Tokyopop) und Kai-Steffen Schwarz (Carlsen) waren dann sofort bereit mitzumachen. Und Kai-Steffen hat ein großes Interesse daran, dass Mangas prominent vertreten sind. Ähnlich war es bei den Online-Comics. Das war von vorneherein geplant, haben wir aber vernachlässigen müssen. Das wird noch sehr viel umfangreicher werden. Matthias hat deshalb in letzter Minute noch einen Artikel zu Lieskes Wormworld geschrieben, ein kleiner Aspekt, damit dieser Bereich vorkommt. Nächstes Mal wird das Ganze wesentlich harmonischer aufgeteilt sein.

 

Autoren als repräsentatives Abbild der Szene

Es hängt also von Personen ab, die dazu etwas schreiben können oder wollen.

 

Genau. Es gibt wenige Leute, die über Mangas kompetent schreiben wollen und das über ihre Szene hinaus tatsächlich machen. Das ist eine homogene Szene, in die muss man erstmal reinkommen, um jemanden rekrutieren zu können. Man muss die Autoren davon überzeugen, dass es Publikationen gibt, die gern bereit sind, über Mangas zu berichten, und das in einer sehr kritischen Weise tun wollen. Ich kenne das von der Reddition her. Wir haben früher vieles selbst geschrieben oder selbst erarbeitet, weil wir Schwierigkeiten hatten, Leute dafür zu gewinnen. Wir mussten selbst vorlegen, was wir eigentlich haben wollten. Im Lauf der Jahre hat sich dann ein fester Mitarbeiterstamm entwickelt. Wenn ich das Konzept einer Ausgabe erarbeitet habe, schicke ich es ihnen zu und bekomme dann meist mehr Angebote von Artikeln, als ich bringen kann. Beim Comic- Report ist es anders. Da hat sich von Anfang an ein großer Kreis von Mitarbeitern ergeben, und da brauchen wir uns für die Zukunft, glaube ich, keine Sorgen zu machen. Dieser Kreis muss nur ein gutes Abbild der Szene widerspiegeln.

 

Ich habe auch bemerkt: Im Comic-Report wird beklagt, dass es nicht viele belastbare Marktzahlen gibt. Es wird aber, wie sonst im Comic-Journalismus auch, wenig mit dem Handel geredet. Dabei wissen die Händler am besten, wie die Comics bei den Kunden ankommen und was sich wie gut verkauft.

 

Im Zuge der Auslieferung ist in den ersten Reaktionen auf den Comic-Report sofort hochgekocht, dass der Handel tatsächlich ein großes Interesse daran hat, eine größere Rolle zu spielen. Aber warum kommt er so wenig zu Wort? Man muss sich dazu die besondere Situation der Comicszene in Deutschland vor Augen führen. Comichändler waren in den 90er Jahren in der Mehrzahl ursprünglich Fans. Nur wenige von ihnen sind so professionell gewesen und hatten das Durchhaltevermögen, ihren Laden über 10, 20, jetzt schon bis zu 30 Jahre aufrecht zu erhalten. Und diese Leute, Händler aus verschiedenen Städten, haben wirklich Lust dazu, daran teilzunehmen. Genauso sind die Verlage zu sehen. Dass man Schwierigkeiten hat, an Zahlen heranzukommen, ändert sich gerade ein bisschen. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber sowohl Händler als auch Verlage sind heute wesentlich offener als noch vor zehn Jahren. Ebenso wie die große Verlagsumfrage nach Kennzahlen, die jährlich wiederholt wird, ist für die zweite Ausgabe eine große Umfrage unter den Comic-Fachhändlern und, soweit möglich, Buchhandlungen in Vorbereitung. Wir möchten die Stimmungslage an der Ladentheke noch stärker abfragen und einbeziehen.


Im Zeitschriftengrosso und im Buchhandel trifft man wahrscheinlich wenige, die etwas von Comics verstehen.

 

Was den Grosso angeht, kennen wir Leute in den Verlagen, die Verbindungen dahin haben und Reaktionen einholen können. Im Buchhandel ändert sich die Lage etwas, genauso wie im Feuilleton. Dort gibt es Leute, die vor 20 Jahren angefangen haben, sich mit Comics zu beschäftigen, damit groß geworden sind und jetzt in Positionen sind, wo sie sich daran erinnern und denken: Das ist eine Literaturgattung, die es genauso wert ist, verkauft zu werden – wie etwa ein neues Buch von Henning Mankell. Wir haben für die nächste Ausgabe jemanden von einer großen Buchhandelskette gefunden, mit dem wir dann ein Interview oder einen Artikel machen wollen, der das Comicgeschäft dann mal aus seiner Sicht beschreiben wird. Ich kenne das von der Reddition: Es war unmöglich, damit in Hamburg in die Thalia-Buchhandlung reinzukommen. Erst als ich eine Abteilungsleiterin, die ich über zwei Ecken kennengelernt habe und von der ich wusste, dass sie auch Comics liest, mal auf einer Party angesprochen habe, stand die Reddition dann in der Filiale in der Spitalerstraße.

 

TITEL verlost zwei Exemplare des neuen COMIC REPORT! Hier die Gewinnfrage: Welcher Titelheld ist auf dem Cover abgebildet?

(1)Jerry Lewis
(13)Jerry Spring
(0)Tom & Jerry

Wer liest so etwas?

Wieviele Exemplare kann man nach deiner Vorstellung vom Comic-Report verkaufen, und wie sieht der Leserkreis aus?

 

Die Auflage liegt bei 2000 Stück. Das ist viel – die Reddition hat dagegen eine Auflage von 1500 Stück. Aber von der sind dann auch schnell mal Ausgaben vergriffen. Das liegt sehr stark am Thema und daran, wie es gelingt, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Auch der Verkauf des Comic-Reports hängt stark davon ab. Für die erste Ausgabe haben wir bewusst einen günstigen Verkaufspreis unter 10 Euro gewählt, um viele Leute zu bewegen, sich die Ausgabe an der Kasse einfach mal mitzunehmen und beim nächsten Mal vielleicht auch etwas mehr auszugeben. Und es liegt auch daran, was gerade auf dem Markt ist. Wenn gleichzeitig das ICOM-Jahrbuch und vielleicht eine Comixene erscheinen würden, dann würden die Käufer immer den bekannten Publikationen den Vorzug geben. Wir haben deshalb auch den Gratis Comic Tag als Erstverkaufstag angepeilt, wenn das Thema Comics im Handel breit gestreut sein wird, damit viele Leute erreicht werden.

 

Beim Titelbild haben wir uns mit Jerry Spring von Jijé für ein etwas altbackenes Thema entschieden. Das ist aus der ersten Konzeption entstanden. Es sollten die Klassiker mit rein. Wir wissen: Darauf springen die Leute sofort an, das ist ein verlässlicher Kundenkreis. Das kann beim zweiten Band aber schon in eine ganz andere Richtung gehen, vielleicht Comic-Verfilmungen. Es kommt der Tim und Struppi-Film; die Erwartungen an diesen Film sind extrem hoch.

 

Wir verteilen den Comic-Report im Moment großzügig an die Medien, auch an Zeitungs- oder Magazinredaktionen, die sonst nicht so viel mit Comics am Hut haben. Das habe ich schon bei der Jubiläumsausgabe der Reddition mit dem Thema Comic und Literatur gemacht; die habe ich auch als wert angesehen, dass sie breitere Aufmerksamkeit bekommt, aber da ist es leider nicht gelungen. Beim Comic-Report könnte es klappen; der hat ein breiteres Spektrum von Artikeln und Themen. Ich habe mich gefreut, dass viele Interessenten in meinem E-Mail-Verteiler teils euphorisch geantwortet und bestellt haben. Die Resonanz war überwältigend.

 

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie das Interesse an Comic-Sekundärliteratur generell ist?

 

Es sind überwiegend Männer zwischen 20 und 60 Jahren. Diejenigen, die schon seit 20 Jahren Comics kaufen, nehmen so ein Buch relativ unkritisch einfach mit oder kaufen es, weil sie es haben wollen. Erfreulich finde ich, dass es Leute gibt, die im Feuilleton der FAZ oder der Süddeutschen darüber gelesen haben. Die greifen – das sind Erfahrungen mit der Reddition – auf bestimmte Ausgaben zu, weil sie die interessieren. Und ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Käuferkreis: studentische Fans, die in irgendeiner Weise etwas mit Grafik, Illustration oder Comic zu tun haben. Von denen bekommen wir auf den Comic-Report bereits eine ziemlich gute Resonanz. Und diese Klientel hat damals auch bei der Reddition zum Thema Comic und Literatur zugeschlagen. Das ist die aktuelle hiesige Comic-Szene, die sich informieren will, was es noch darüber hinaus gibt und was für eine Rolle sie dabei spielt.

 

Sind die Feuilleton-Leser allgemein Kulturinteressierte, die auch mal zu einem Buch über Comics greifen, ohne Fan oder Comicleser zu sein?

 

Ja. Ein Onkel von mir weiß zwar ungefähr, was ich mache, aber auch wieder nicht so richtig. Er schickte mir zum Beispiel letztens einen Artikel aus der Süddeutschen, den er gefunden hatte, obwohl ich ganz genau weiß, dass er noch nie einen Comic gelesen hat. So etwas müsste es mehr geben.


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