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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 08:51

    Eine Weihnachtsgeschichte

    16.12.2010

    Kleine Atempause mit großer Symbolkraft

    Am 15.12.1916 brachen die Deutschen den Angriff auf Verdun ab. Das Leben im Schützengraben hatte sie zermürbt. Doch Weihnachten 1914 war alles anders gewesen. Von JOSEF BORDAT

     

    Erster Weltkrieg. An der Westfront hatte sich die kaiserliche Armee im Kampf gegen die französischen und britischen Truppen zwei Jahre lang um entscheidenden Gebietsgewinn bemüht. Die heftigen und verlustreichen Gefechte führten militärisch allerdings nicht zum Durchbruch. Der lapidare Heeresbericht »Im Westen nichts Neues«, den Erich Maria Remarque zum Titel seines berühmten Buches machte, steht sinnbildlich für die verfahrene Situation. Der »Stellungskrieg« zeigt der Nachwelt mit größter Klarheit die Grausamkeit und Sinnlosigkeit der Institution Krieg. Kaum etwas ist besser geeignet, uns den Frieden zu lehren als das Absurdum dieses Stellungskriegs. Dass er die Kulisse für einen Weihnachtsfilm bietet, scheint dennoch etwas weit hergeholt. Doch er tut es.

     

    Merry Christmas (2005) gibt mit der Geschichte, die er erzählt, eine wahre Begebenheit wieder, auch wenn dies unglaublich erscheint. Doch die intensive Aufarbeitung der Feldpost – sie spielt deswegen auch im Film eine herausragende Rolle – und der Lebenserinnerungen einiger Veteranen – etwa des Tagebuchs von Leutnant Zehmisch, im zivilen Leben Studienrat am Gymnasium in Plauen – brachte die Wahrheit über die Weihnachtstage 1914 an diesem Abschnitt der Westfront zu Tage. Die Quellen bilden die Grundlage für Michael Jürgs Buch Der kleine Frieden im großen Krieg, auf dem das Drehbuch zu Merry Christmas basiert, das von Regisseur Christian Carion verfasst wurde.

     

    Die Handlung

    Ich will nicht zuviel verraten, aus Rücksicht auf die, die den Film noch nicht kennen und ihn sehen möchten. Nur ganz kurz zur Handlung: Ein junger Schotte stürmt in die Kirche des besonnenen anglikanischen Priesters Palmer (Gary Lewis), läutet die Glocken und freut sich über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sein stiller Bruder Jonathan (Steven Robertson) wird ihn ebenso an die Westfront begleiten wie der Priester, der sich als Sanitäter meldet. Mit einem Dudelsack unter dem Arm und einem Holzkreuz um den Hals zieht er in den Krieg und hofft, das körperliche und seelische Leid der Soldaten lindern zu können. Auch der Deutsche Nikolaus Sprink (Benno Fürmann), berühmter Tenor an der Berliner Oper, wird an die Westfront rekrutiert. Von nun an dient er unter Leutnant Horstmayer (Daniel Brühl), der ihn nicht leiden kann, weil er lieber Handwerker befehligt als Künstler. Nicht genug damit, dass Sprinks Karriere durch den Krieg jäh unterbrochen wird, auch bleibt seine Gesangspartnerin und Geliebte, die dänische Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), in großer Sorge zurück. Zur gleichen Zeit nimmt der junge französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) letzte Anweisungen von seinem General (Bernard Le Coq) entgegen, der – wie der Zuschauer ahnt – ein naher Verwandter ist. Audebert steht schweren Herzens an der Front: Vor Monaten musste er seine hochschwangere Frau in den von den Deutschen besetzen Gebieten zurücklassen. Noch sehnlicher als einen schnellen Sieg wünscht er sich eine Nachricht von ihr.

     

    Zwischen der Schweizer Grenze und Flandern graben sich die drei Armeen im tiefen Schlamm ein und liefern sich erbitterte, verlustreiche Gefechte. Doch dann kommt die Weihnachtsnacht, Geschenke der Familien und der Oberbefehlshaber erreichen die französischen, britischen und deutschen Schützengräben und etwas Unfassbares geschieht. Der Tenor Sprink – von einem Kurzauftritt beim Kronprinzen Wilhelm (Thomas Schmauser) mit seiner Geliebten Anna an die Front zurückgekehrt – singt das bewegende Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“– und an der Westfront, an der vor kurzen noch der Kanonendonner grollte, wird es tatsächlich still. Erst zögernd und dann unaufhaltbar tauchen die verfeindeten Soldaten aus ihren Gräben auf und gehen aufeinander zu. Die Waffen werden niedergelegt. Französische, deutsche und schottische Soldaten, die gerade noch alles daran setzten, sich gegenseitig auszulöschen, steigen aus den Gefechtsständen, geben sich die Hand, tauschen Zigaretten und Schokolade, zeigen sich Fotos von ihren Familien und wünschen sich »Frohe Weihnachten«, »Joyeux Noël«, »Merry Christmas«. Sie trinken zusammen – jeder steuert sein Nationalgetränk bei: die Franzosen Champagner, die Schotten Whisky und die Deutschen Bier. Sie feiern zusammen einen Gottesdienst, begraben am folgenden Weihnachtsfeiertag gemeinsam ihre Toten und machen danach ein Fußballspiel. Kurzum: Sie bestätigen sich gegenseitig, trotz allem Mensch geblieben zu sein.

     

    Nur eine Atempause

    Doch nicht alle erreicht die friedliche Verbrüderungsstimmung, zu groß ist ihr Schmerz über den Verlust des Kameraden. Ganz besonders hart trifft es Jonathan, dessen kriegsbegeisterter Bruder kurz zuvor gefallen war. Jonathan ist verbittert und versucht, sich den Lebensmut zu bewahren, indem er seiner Mutter Briefe schreibt, in denen er ihr die reine Kriegsromantik ausmalt: Sein Bruder lebt in den Erzählungen weiter und das größte Problem der beiden ist die Schlacht um Mutters selbstgebackenen Kuchen. Auch bleibt die grausame Realität des Krieges immer präsent. Wenn aus anderen Frontabschnitten Artilleriefeuer zu hören ist, stehen die Soldaten angespannt beieinander. Klar ist, dass der »kleine Frieden im großen Krieg« nicht mehr ist als eine Atempause.

     

    Als schließlich die wunderbare Geschichte den jeweiligen Heeresleitungen bekannt wird, offenbart der Krieg sein grausames Gesicht. Auf allen Seiten zeigt sich Entsetzen über den »Verrat« an der Heimat. Doch weiß diese, was »ihre« Soldaten an der Front erleben? Diese Frage Audeberts steht stellvertretend für den auf allen Seiten gefühlten Verrat der Heimat an ihren Soldaten. Letztlich siegt die Autorität der militärischen Hierarchie: Die an der Fraternisierung beteiligten Offiziere werden suspendiert, degradiert und mit ihren Einheiten an noch unangenehmere Fronten geschickt. Doch die Einheit Horstmeyers, die im Zug an die Ostfront (Ziel: Tannenberg) leise ein britisches Soldatenlied summt, macht deutlich: Der Befehlston, so laut und aggressiv er auch sein mag, ist nicht die letzte und höchste Artikulationsform des Menschen.

     

    Ein Weihnachtsfilm

    Merry Christmas ist ein Weihnachtsfilm. Nicht nur, weil er an Weihnachten, sondern weil er mit Weihnachten spielt, d. h. mit dem wesentlichen Motiv des Weihnachtsfests, der Hoffnung auf einen neuen Anfang, an dessen Ende Frieden und Erlösung stehen. Denn die Menschen erhalten zu Weihnachten ihren Erlöser, ihren Retter, den Erneuerer des zerstörten Bundes zwischen Gott und Mensch, einen Friedensfürsten. Der Prophet Jesaja nennt das für Ende Dezember erwartete Baby den »Immanuel«, den »Gott mit uns«.

     

    »Gott mit uns«, das stand auch auf den Gürtelschnallen der deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs (und später auch der Wehrmacht). Als am Weihnachtsfeiertag die Leichen im Niemandsland beerdigt werden und Priester Palmer seinen Segen über jedem Gefallenen spricht, entdeckt er an einem toten deutschen Soldaten die Losung »Gott mit uns« und erkennt in ihr die ganze Perversion einer machtpolitisch gebeugten Religion. Er hatte in der Heiligen Nacht eine Messe gehalten, die – wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil üblich – in lateinischer Sprache gefeiert wurde und sich an den gesamten Orbus Christianum richtete, an protestantische Preußen, katholische Franzosen und die Vertreter der anglikanischen Kirche aus Schottland. Die orthodoxen Russen an der Ostfront mag er in seinem Gebet mitbedacht haben. Von dieser Messe wird er später sagen, es sei die wichtigste seines Lebens gewesen. Und nun also beanspruchen die Deutschen den lieben Gott für sich allein, der doch für alle Menschen Mensch geworden ist.

     

    Doch es sind nicht nur die Preußen, die in ihrem arroganten Starrsinn die Unendlichkeit Gottes in einer irdischen Provinz verorten. Später kommt es zur Konfrontation des sympathischen Priesters mit seinem Bischof, der mehr als General auftritt, denn als Hirte. Während der Bischof eine Hasspredigt hält, weiß Palmer nicht, ob er lachen oder weinen soll. Schließlich nimmt er das kleine Holzkreuz ab, küsst es und hängt es an einem Haken auf. Und sich? Der Film lässt sein Schicksal offen. Was er nicht offen lässt ist die Frage, zu welcher Seite sich Religion schlagen muss: zu jener der Versöhnung und des Friedens.

     

    Merry Christmas aktualisiert die Weihnachtsbotschaft in sehr eindringlicher Weise. Er kann an die großen Anti-Kriegsfilme der Kinogeschichte anknüpfen, etwa an den eingangs genannten Klassiker Im Westen nichts Neues. Er geht bei allem Pathos nicht in Kitsch und Klischee auf, sondern erzählt engagiert eine Geschichte vom Frieden. Durch die großartige Besetzung und überraschende Pointen, die hier nicht verraten werden, ist er zudem sehr unterhaltsam. Ein schönes Geschenk und eine nachdrückliche Empfehlung.


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