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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:30

     

    40 Jahre Kniefall von Warschau

    07.12.2010

    Der schuldlose Stellvertreter

    An welche Bilder, die vor 40 Jahren in den Zeitungen gedruckt oder vom Fernsehen übertragen wurden, erinnert man sich noch? Sie sind flüchtig, waren nur für den Tag gedacht. Ein Bild aber hat sich unauslöschlich im Bewusstsein politisch denkender Deutscher eingeprägt: Willy Brandt kniet vor der Gedenkstätte für die Aufständischen des Warschauer Ghettos. Eine religiöse Geste eines Sozialisten, an die man selbst heute noch nicht ohne Erschütterung zurückdenken mag. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Dass eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung sie damals eher für übertrieben als für angemessen hielt, hat man vergessen. Sie hatte auch 1970 noch nicht begriffen, dass die Deutschen, auch als Kollektiv, allen Grund hatten, jene Menschen, denen sie unermessliches Leid zugefügt hatten, um Vergebung zu bitten.

     

    Dabei wird eins geflissentlich übersehen: Der Emigrant Brandt hat ganz gewiss nichts getan, wofür ihm vergeben werden müsste. Ebenso gut könnten die Kinder der Opfer um Vergebung für die brutale Ermordung ihrer Familien durch die Nazis bitten. Brandts Kniefall können die Täter nicht für sich in Anspruch nehmen. Keiner von ihnen hat jemals eine vergleichbare Geste auch nur angedeutet. Und wenn heute eingewandt wird, von jenen, die persönlich Schuld auf sich geladen haben, lebe kaum noch einer – 1970 waren sie »alive and kicking«. Der Krieg und die Realität des Warschauer Ghettos lagen gerade 25 Jahre zurück.

     

    Man tut sich hierzulande schwer mit der Unterscheidung von Ursache und Wirkung, mit der Abgeltung begangenen Unrechts. Wenn gelegentlich »tätige Reue« gerühmt wird, so gleicht das der Verleihung eines Preises an einen Dieb als Belohnung dafür, dass er das Diebesgut zurückerstattet hat. Wann hätte man gehört, dass die Profiteure des Unrechts dessen Opfer von sich aus entschädigt hätten, ohne dazu – vor allem durch die öffentliche Meinung im Ausland – gezwungen zu sein? Wer Vorteile daraus bezieht, dass andere ermordet, verfolgt, diskriminiert werden, findet stets Gründe, sein Handeln positiv zu bewerten. Deshalb ist es vergebliche Liebesmüh, die Vorteilsnehmer durch Argumente von ihrer Schuld überzeugen zu wollen. Sie fühlen sich im Recht und genießen weiterhin die Folgen ihrer Schandtaten.

     

    Das Alibi liefern ihnen die Schuldlosen. Zum Beispiel der damalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky, Sohn eines antifaschistischen Arbeiters, der 1991 (!) als erster offizieller Vertreter Österreichs die Mitschuld von Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus eingestanden hat. Zum Beispiel Willy Brandt und sein Kniefall im Warschauer Ghetto. Er hat stellvertretend für die Reulosen eine unvergessene Geste vollzogen. An Festtagen wird daran erinnert. Am Stammtisch abends lachen diejenigen, deren Schuld Willy Brandt auf sich genommen hat.


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