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Vor 900 Jahren erobern Kreuzfahrer Sidon

04.12.2010

Kreuzzug. Die Geschichte eines Missverständnisses

Die Kreuzzüge haben – ihren humanitären Absichten zum Trotz – viel brutale Gewalt hervorgebracht, die das Verhältnis von Okzident und Orient bis heute erheblich belastet. Wir sollten uns hüten, die Kreuzzugsmetapher dort zu verwenden, wo sie die kollektive Erinnerung an diese Gewalt weckt. Wir sollten zugleich jener aktuellen Gewalt entgegentreten, die sich im Bereich des Orient gegen vermeintlich okzidentale Einflüsse entlädt. Von JOSEF BORDAT

 

Heute vor 900 Jahren, am 4. Dezember 1110, eroberte das Kreuzfahrerheer unter Balduin I. von Jerusalem die damals bedeutende Stadt Sidon, 50 Kilometer südlich von Beirut, die 636 im Zuge der islamischen Expansion von den Arabern besetzt worden war. Im 12. Jahrhundert wechselt die Herrschaft über Sidon mehrfach, ehe die Stadt im späten 13. Jahrhundert dauerhaft in den Machtbereich der Muslime geriet.

 

Die Eroberung Sidons, die infolge des Ersten Kreuzzugs (1096-1099) und der Eroberung Jerusalems stattfand, ist nicht mehr als ein Ereignis in einer Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Moslems im Hochmittelalter, die wechselvolle Geschichte der Stadt nur ein Schlaglicht auf die Epoche. Doch diese Stadtgeschichte ist durchaus repräsentativ, zeigt sich doch in ihr die Wechselbeziehung von Gewalt und Gegengewalt, Eroberung und Rückeroberung, die den Nahen Osten in diesen Jahrhunderten prägte. Zudem zeigt sich, dass mit Schuldzuweisungen weit vorsichtiger umzugehen ist, als dies in der öffentlichen Meinung zu Kreuzzügen oft der Fall ist. Die Kreuzzüge haben das Verhältnis des Christentums zum Islam belastet und die moralische Reputation der Kirche erheblich beschädigt. Bis heute. Dabei liegt diesem Urteil ein Missverständnis der historischen Umstände und der ethischen Gegebenheiten zugrunde, unter denen die Kreuzzüge stattfanden. Aus Anlass des Gedenkens an die Einnahme Sidons sollen einige Anmerkungen diese Umstände und Gegebenheiten aufklären und vor verkürzten Zitaten der Kreuzzugsmetapher warnen.

 

Die Kreuzzugsmetapher

Der Begriff »Kreuzzug« findet in den letzten Jahren wieder häufiger Verwendung, wenn von »Kreuzzügen für die Freiheit« die Rede ist oder politische Kampagnen durch die Bezeichnung »Kreuzzug« in ihrer ungewöhnlichen Vehemenz und Schärfe treffend beschrieben werden sollen. Die Verwendung der Metapher ist dabei teils affirmativ, teils kritisch bis spöttisch, in jedem Fall soll sie an das vermeintliche Verständnis der historischen Kreuzzügler erinnern und entsprechende Gefühle auslösen: Wer einen Kreuzzug führt, will in der Annahme, er sei im Besitz absoluter Wahrheit, gewaltsam und rücksichtslos seine Ideen durchzusetzen, und zwar dort, wo sie nicht von sich aus überzeugen. Paradigma ist dabei die mittelalterliche römische Kirche, die vom 11. bis 13. Jahrhundert in diesem Sinne Krieg führte, eben jene sieben Kreuzzüge unternahm, die als solche in die Geschichte eingegangen sind.

 

Die Ursache der Kreuzzüge ist im Machtvakuum des Römischen Reiches zu sehen, das seit dem 5. Jahrhundert dazu geführt hatte, den Papst als einzige konstante Institution des Okzidents immer mehr in die weltliche Pflicht zu drängen (in der Ostkirche gab es dementsprechend keine Kreuzzüge). Bei den Kreuzzügen ging es nie um Imperialismus, Kolonialismus oder Zwangsmissionierung, sondern um das Überleben der Christen im Südosten Europas, in der Türkei und im Nahen Osten sowie um die Sicherheit der Pilger nach Jerusalem. Eine Verweigerung des Kreuzzugs wäre einer unterlassenen Hilfeleistung gegenüber dem Notruf des christlichen Bruderlandes gleichgekommen. Die Kreuzzüge haben ursächlich also den Charakter eines militärischen Beistands. Sie wurden als das angesehen, was wir heute »humanitäre Intervention« nennen. Doch wie lässt sich Gewalt mit dem christlichen Glauben vereinbaren, in dem es doch um Liebe und Frieden geht?

 

Was man wissen muss, wenn man als (christlicher) Pazifist die Kreuzzüge zitiert

Die christliche Glaubenslehre kennt ein Naturrecht auf Notwehr und Selbstverteidigung. Das ist keine Perversion der Friedensbotschaft Christi, sondern ihre praktische Umsetzung. Die Aufforderung Jesu zum radikalen Gewaltverzicht in der Bergpredigt (Mt 5, 38ff.) bezieht sich nicht auf konkrete Handlungen, sondern auf die innere Haltung des Menschen, die praeparatio cordis (Haltung des Herzens), wie Augustinus es nannte. Die innere Haltung des Christen sagt ihm: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel zurückgegriffen werden darf. Die Voraussetzung eines Krieges ist immer die Verfehlung des Anderen, denn »nur die Ungerechtigkeit der Gegenpartei nötigt dem Weisen gerechte Kriege auf« (Augustinus).

 

Richard Schröder grenzt davon die Haltung des Islam ab: »Die christlichen Skrupel hinsichtlich der Legitimität des Krieges waren Mohammed fremd«, was daran liege, so Schröder, dass »diese beiden Arten von ,Monotheismus’ [Christentum und Islam, J.B.] durch ein fundamental anderes Verhältnis zur Gewalt charakterisiert werden, was mit ihren Entstehungsbedingungen zu tun hat.« (Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen). Gewaltausübung ist nicht christlich: In den ersten drei Jahrhunderten waren Christen hauptsächlich Opfer von Gewalt, selten Täter. So wie heute: Über 80 Prozent der Menschen, die momentan wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Unter den Opfern von tödlicher Gewalt, die gegen Menschen aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses tagtäglich ausgeübt wird, sind sogar weit über 90 Prozent Christen; bei den Tätern liegt ihr Anteil im Promille-Bereich.

 

Zurück zu den Kreuzzügen. Bei diesen mischt sich christliche Wallfahrtstradition und der frühmittelalterliche bellum iustum-Topos (im Wesentlichen augustinischer Provenienz) zu einem Verständnis von »bewaffneter Pilgerreise«, die für den freien Zugang zu heiligen Stätten des Christentums, die damals unter islamischer Herrschaft standen, insbesondere zum Schutz der Wege ins Heilige Land, auf militärische Gewalt als Mittel der Durchsetzung zurückgriff. So sehr wir das heute verurteilen: Es ging dabei nicht um Mission oder Eroberung um der Macht willen, sondern um Beistand für die christliche Minderheit im Heiligen Land und die Sicherheit der Jerusalem-Pilger, die durch die politischen Verhältnisse dieser Zeit nicht mehr gegeben war. Warum nicht?

 

Was man wissen muss, wenn man als Moslem die Kreuzzüge zitiert

Karl der Große hatte bereits im 9. Jahrhundert mit Harun Al Raschid, dem Kalifen von Bagdad, ein Abkommen zum Schutz der christlichen Pilger geschlossen. Die Moslems jedoch haben mit ihren im 10. und 11. Jahrhundert sich häufenden Übergriffe auf Pilger entlang der Route ins Heilige Land und dort selbst diesen Pakt mehr und mehr ignoriert. Was im Nahen Osten geschah war schlicht und ergreifend die Verletzung früher »völkerrechtlicher« Verträge.

 

Im 10. Jahrhundert kam es im Heiligen Land zu schweren gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen. 966 etwa gab es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Fatimiden-Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben. Unter dem Fatimiden-Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die (wiedererrichtete) Auferstehungskirche. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäischen Pilgern verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch mit bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung. Dennoch hielten sich die jeweiligen Päpste 200 Jahre lang mit Aufrufen zur Intervention zurück.

 

Die Kreuzzüge begannen – so wird häufig gesagt – mit der berühmt-berüchtigten »Deus lo volt«-Rede Papst Urbans II. auf der Synode von Clermont (1095). Das stimmt so nicht. Abgesehen von der langen Vorgeschichte – zu den Kreuzzügen kam es erst nach der Besetzung Byzanz’ durch die Seldschuken, auf die der Hilferuf Ost-Roms folgte. Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der heutigen Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie die Byzantiner und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen. 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem.

 

Was man wissen muss, wenn man als Kirchenkritiker die Kreuzzüge zitiert

Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diesen Hilferuf aus Byzanz. Er rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte das, was wir heute in der Tat eine »humanitäre Intervention« nennen. Ausführen sollte diese Intervention ein Ritterheer. Die Kreuzritter waren nicht friedliche Menschen, die die Kirche mit Heilsversprechungen erst zum Krieg hätte verführen müssen, sondern »Raufbolde«, die ohnehin meinten, ihren Anteil am Heil nur im Kampf erlangen zu können. Es war die auch von der heutigen Geschichtswissenschaft ihren Gründen nach nicht vollständig erklärte Begeisterung französischer, normannischer und flandrischer Ritter, die selbst Urban überraschte. Sie waren es, die »Deus lo volt!« riefen und Urban nahm es erstaunt auf. Der Papst terminierte den ersten Kreuzzug auf den 15. August 1096, die Ritter waren nicht zu halten und zogen schon im April los.

 

Auf dem Weg nach Byzanz kam es in zahlreichen deutschen Städten zu Pogromen gegen Juden. Ausschlaggebend waren auch hier die Kreuzritter, nicht die Kirche. Die jeweils zuständigen Bischöfe versuchten vergeblich, die Ritter zu zügeln. Nur in Köln fand man eine Lösung: Die Juden wurden bei befreundeten Christen versteckt. Diese Rettungsaktion wurde von der Kirche organisiert, nicht jedoch das Pogrom! Das war die Idee einzelner Ritter, die völlig unorganisiert handelten. Diese mangelnde Organisation durchzieht die gesamte Kreuzzugsgeschichte und führte bekanntlich zu zahlreichen militärischen Katastrophen.

 

Bereits bei zeitgenössischen Theologen gab es wegen der Übergriffe Kritik an den Kreuzzügen. Selbst der Papst, in seiner weltlichen Rolle als Garant der Sicherheit der Christen in der Diaspora, hat Gewaltexzesse scharf kritisiert, vor allem, wenn es nicht mehr um diese Sicherheit ging, sondern um andere, etwa wirtschaftliche Interessen. Der Vierte Kreuzzug endete 1204 mit der Eroberung und Plünderung Konstantinopels, der damals größten christlichen Stadt der Welt, durch Kreuzritter, die damit den Schiffstransport durch die Flotte Venedigs »bezahlten«; der Papst, der sich angesichts der Gräueltaten der Kreuzfahrer darüber im Klaren war, dass damit eine Kirchenunion mit der Orthodoxie praktisch unmöglich wurde, verurteilte diese Aktion auf das Schärfste, was jedoch faktisch ohne Wirkung blieb.

 

Franz von Assisi vor dem Sultan von Ägypten (Darstellung aus dem 15. Jahrhundert) Franz von Assisi vor dem Sultan von Ägypten (Darstellung aus dem 15. Jahrhundert)

Franz von Assisi, oder: Was es heute zu beachten gilt

Die Kreuzzüge haben – ihren humanitären Absichten zum Trotz – viel brutale Gewalt hervorgebracht, die das Verhältnis von Okzident und Orient bis heute erheblich belastet. Wir sollten uns hüten, die Kreuzzugsmetapher dort zu verwenden, wo sie die kollektive Erinnerung an diese Gewalt weckt. Wir sollten zugleich jener aktuellen Gewalt entgegentreten, die sich im Bereich des Orient gegen vermeintlich okzidentale Einflüsse entlädt.

 

Dabei kann uns nur der interkulturelle Dialog weiterbringen. Auch dafür finden wir einen historischen Anknüpfungspunkt: Im frühen 13. Jahrhundert mischte sich ein Kreuzfahrer ohne Waffen unter das Heer der Pilger: Franz von Assisi. 1219 sprach er in Ägypten mit dem Sultan und hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck. In seinem Sinne ist der Dialog zwischen Okzident und Orient heute zu führen: offen, friedlich, engagiert.


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