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Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte - ab heute im Kino!

14.10.2010

Ein heldenhaftes Leben

Kettenrauchender Poet, Dandy und Enfant terrible des Yé-yé – als nationale Ikone genießt Serge Gainsbourg Kultstatus en France. Gefiltert durch die Vision des französischen Comic-Stars Joann Sfar erlebt das Universum des legendären Pop-Idols eine wundersame wie märchenhafte Auferstehung und beweist: Der Mythos ist wahrer als die Wirklichkeit. Von MONIKA THEES

 

Es war einmal ... Ein kleiner jüdischer Junge (Kacey Mottet Klein) zieht durch die regennassen Straßen des von Deutschen besetzten Paris. Er trägt den schrecklichen gelben Stern, es ist sein „étoile de shérif“, und als er der französischen Miliz über den Weg läuft, stimmt er trotzig-aufmüpfig, ohne den genauen Text zu kennen, die Marseillaise an. Lucien bleibt vor einen antisemitischen Plakat stehen, das eine hässliche Fratze zeigt, die trotz ihrer Feistigkeit etwas zu viel Ähnlichkeit mit ihm zeigt. Die groteske Karikatur wird lebendig, löst sich von der Wand, folgt dem davonrennenden Jungen wie ein Schatten, sie wird sein Fluch, seine Inspiration, sein Alter Ego. Il était une fois ... so beginnen die Märchen. Ein Kind russisch-jüdischer Einwanderer übt unter der gestrengen Aufsicht des Vaters Klaviermusik von Chopin, Beethoven und Brahms. Lucien Ginzburg, genannt Ginette, erhält mit gerade mal dreizehn Unterricht an der Kunstschule Montmartre, lebt später, gejagt und angetrieben von der „Fresse“ (Doug Jones), dem stetig folgenden, spindeldürren Widerpart, seinen Genius und wird als Serge Gainsbourg (Éric Elmosnino) zur unsterblichen Legende.

 

Joann Sfar hat das Leben der Pop-Ikone nachgezeichnet, nicht als konventionelles Biopic, das lediglich illustriert und reale Fakten in einer Kulissenwelt nachstellt, denn als kreative, sehr persönliche Annäherung an einen „Helden“: Mit überlebensgroßen Puppenfiguren, in kunstvollen Interieurs mit verzerrten Wänden und überdimensionierten Gegenständen lässt der französische Comiczeichner, dessen Strips, Graphic Novels und Zeichentrickfilme vielfach ausgezeichnet wurden (Prix René Goscinny, Max-und-Moritz-Preis, Eisner Award), in seinem ersten Spielfilm eine Welt erstehen, die wahrhaftiger ist als die Wirklichkeit. „Ich möchte nicht hingehen und in Gainsbourgs Privatleben herumschnüffeln, um herauszufinden, wer er wirklich war. [...] Ich möchte einen Kultfilm machen, keinen journalistischen Bericht über sein Leben abliefern.“ Gleichwohl folgt „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“ dem klassischen Raster: Kindheit, Jugend, das reife Alter, das Ende. Doch Sfars Film äfft nicht nach, er imitiert nicht, verzichtet auf Dokumentarmaterial sowie auf Originaltracks der Gainsbourg’schen Chansons und Lieder.

 

Die neue fröhliche Freiheit

In genau recherchierter, gewissenhafter Engführung an die Fixdaten der Realität entstehen Szenen, die das Innere Gainsbourgs in aller Überspitzung sichtbar machen, seine Verletzlichkeit, die unausgesprochene Romantik eines schüchternen, gleichwohl rebellischen Mannes, der trotz seines mäßig attraktiven Äußeren („La laideur est supériore à la beauté, en ceci qu’ elle dure“, lautet ein Gainsbourg zugesprochener Aphorismus) die schönsten, begehrtesten Frauen der 1970/1980er Jahre in den Bann zog, für sie Lieder schrieb und sie liebte: Juliette Gréco, Brigitte Bardot, Jane Birkin und Bambou. Der französische Theaterschauspieler Éric Elmosnino verkörpert diesen Helden und verblüfft durch eine frappierende Ähnlichkeit. Als er Joann Sfar kennenlernte, stand dieser noch unter der Absage von Charlotte Gainsbourg, der Sfar zuerst die Rolle ihres Vaters angeboten hatte, verrät der 46-Jährige. „Ich kannte oberflächlich den Gainsbourg der 1980er Jahre, einiges von dem Blödsinn, den er im Fernsehen gemacht hat, aber von seinem Werk kannte ich nur sehr wenig.“

 

Umso mehr überzeugt die Aneignung des Habitus, des unverkennbar einigen Stils Gainsbourgs: die stets und immer glimmende Zigarette („J’arrete de fumer. Toutes les cinque minutes“), die schmalen, langgliedrigen Hände, die aus zu kurzen Ärmeln ragen, die provokante Pose, der Bühnenauftritt, nonchalant und distanziert zugleich. – Es war einmal die schrill bunte Bewegung des Pop, welcher die regengraue Starre der 1960er aufbrach und eine neue fröhliche Freiheit versprach. 1965 gewinnt die junge France Gall mit piepsdünner Schulmädchenstimme dank der Gainsbourg-Komposition „Poupée de Cire, Poupée de Son“ der Eurovision Song Contest. Serges zweite bürgerliche Ehe mit Béatrice scheitert, die klapperdürre, allgegenwärtig lauernde „Fresse“ wacht eifersüchtig über seine Liebesaffären, die Puppe tanzt mit der Gréco (Anna Mouglalis), spielt Klavier und geistert provozierend durch die Nächte der Swinging Sixties. „La gueule“ peitscht den ehemals erfolglosen Maler und sich zunehmend profilierenden Songpoeten durch Leidenschaften, quälenden Ehrgeiz und Zweifel zum kreativen Risiko.

 

Je t´aime ... moi non plus.

Die Kamera verlässt ihre „klassische“ Position, als Handkamera folgt sie dem bewegten Leben des scheuen Rebellen, ebenso ändern sich Farben und Licht. Brigitte Bardot (Laetitia Casta) stolziert katzengleich in Overknee-Stiefeln, ultrakurzem Leopardenfellmantel und in Begleitung eines hochbeinigen Windhundes über den Flur. Sie räkelt sich nackt in den Laken, singt mit Serge „Bonnie and Clyde“ im Duett, dann allein „Comic Strip“. Betreut von Olivier Daviaud wurden für „Gainsbourg“ neue Versionen seiner Klassiker eingespielt und von den Schauspielern sowie Musikern der französischen Popszene re-interpretiert. „Ich fing die Songs im Film neu ein und ich komponierte um die Handlung, um das musikalische Universum Gainsbourgs herum: Russland, der Jazz der 1930er Jahre, klassische Musik ...“, sagt der Komponist. „Javanaise“ (Anna Mouglalis) darf nicht fehlen, ebenso „Nazi Rock“ (Dionysus), „Aus armes et caetera“ (K2R Riddim, jeweils mit Éric Elmosnino), lediglich das unvermeidliche „Je t’aime ... moi non plus“ blieb unantastbar original.

 

Engelgleich, in gleißendes Licht getaucht erscheint Jane Birkin (Lucy Gordon) in kurzem, weißem Spitzenkleid, nachts an einem Quai der Seine, mit der golden schimmernden Kathedrale Notre Dame im Hintergrund, küssen sich beide das erste Mal. Es ist das Bild einer großen Liebe, eine irreale Szene, so war es nicht. Märchenhaftes und Reales vermischen sich, der Mythos ist stärker als die nüchterne Wirklichkeit, er verkürzt und überhöht sie, enthebt sie der Banalität des Alltags. „Ich liebe Gainsbourg viel zu sehr, um ihn in das Reich der Realität zu holen“, sagt Joann Sfar und: „Es sind nicht Gainsbourgs Wahrheiten, die mich interessieren, sondern seine Lügen.“ Keine Heldenverehrung hatte Sfar im Sinn, eher die lustvolle (De-)Montage eines Popstars, Poeten und Provokateurs, der sich selbst erfand, eines tragischen und zugleich modernen Helden, der leidet, dem übel mitgespielt wird, und der daraus die kreative Kraft zieht, um einen Preis, den er allein zu zahlen hat.

 

Im Mai 1973 erleidet der seit dem dreizehnten Lebensjahr kettenrauchende Gainsbourg („Je fume, je bois, je baise. Triangle équilatéral“) einen Herzinfarkt, er raucht und trinkt weiter. Eine zweite Verwandlung vollzieht sich schleichend. Das Album „L’ Homme à Tete de Choux“ entsteht, Gainsbourg rennt mit dem übergestülpten Kohlkopf über die Straße. Er wendet sich der Musik Jamaikas zu, provoziert mit einer Reggaeversion der Marseillaise. In Straßburg versuchen Ultrarechte, sein Konzert zu stören, doch er kommt ihnen zuvor, indem er mit seinen jamaikanischen Musikern die Originalversion anstimmt. Nach der schmerzhaften Trennung von Jane Birkin kehrt sein cooles, abgeklärtes Alter Ego Gainsbarre nach außen, Gainsbarre macht sich lustig über Gainsbourg, lehnt sich auf gegen den eigenen Mythos. Eine der letzten Aufnahmen zeigt den alternden, sichtlich von Krankheit gezeichneten Gainsbourg zusammen mit Bambou (Mylène Jampanoi) in einer Luxuslimousine am menschenleeren Strand. Vor ihnen steht ein Glas Champagner. Er blickt schweigend aufs Meer. Der kleine Lucien läuft fern über den feinkörnigen Sand ...

 

Il y avait une fois ... Im Märchen leben die Helden weiter. Der Mythos ist zuweilen wahrer als die Wirklichkeit.


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