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Samstag, 25. Oktober 2014 | 19:26

Fish Tank

23.09.2010

Mias Geschichte

Der britischen Regisseurin Andrea Arnold gelingt mit „Fish Tank“ das eindringliche Porträt einer 15-jährigen jungen Frau. Shootingstar Katie Jarvis agiert als eigenwillige Protagonistin Mia und überzeugt durch die authentische Darstellung einer Heranwachsenden zwischen Kindheit und Aufbruch ins Erwachsenwerden. Von MONIKA THEES

 

Sie trägt einen Trainingsanzug und große Creolen, ihr schräg ins Gesicht fallender Pony und die nach hinten gebundenen Haare wippen trotzig bei jedem Schritt. Mia Williams ist fünfzehn, gerade von der Schule geflogen und kocht vor Wut. Ein paar Zurufe gleichaltriger Mädchen, ein Wort gibt das andere, Mia (Katie Jarvis) rastet aus, stößt ihren Kopf in den Bauch einer sich vor Schmerz krümmenden Jugendlichen und läuft davon. Weiter durch die Hochhochsiedlung, vorbei an flachem, wild wucherndem Ödland, das an die tristen, gelblich-orange schimmernden Sozialblocks grenzt. Trostlos brütet die Sommerhitze, fiebrig flimmern die Bilder, die ruckelige Kamera folgt Mia an einen Gitterzaun. Dahinter ein paar schäbige Autos, schrottreifes Blech, das in der Hitze glüht. Am Rande des Areals scharrt ein angeketteter Schimmel, seine Rippen stehen vor, er schaut hilflos auf. Mia zwängt sich durch den Zaum, nähert sich dem Tier, versucht vergeblich seine Ketten zu zerschlagen. Sie streichelt das Pferd, eine Träne läuft über ihr Gesicht.

 

„Alle meine Filme haben mit einem Bild angefangen“, sagte Andrea Arnold, „es ist gewöhnlich ein ziemlich starkes Bild und scheint nirgendwoher zu kommen. Anfangs verstehe ich das Bild nicht, aber ich will mehr darüber wissen, also beginne ich es zu erforschen und versuche es zu verstehen.“ Vielleicht war es dieser Blick: Mia und das weiße Pferd, Sinnbild für Unschuld und gefesselte Unbändigkeit. Oder die Sicht auf die Ödnis hinter der Siedlung, den weiten Himmel über Essex nahe Tilbury am Nordufer der Themse. Die Autobahn A13 schneidet durch die offenen Räume, die Parkplätze von Ford stehen seit Jahren leer, das Leben in den hochragenden council houses erschöpft sich in Bier, dumpf-dösiger Lähmung und Aussicht auf wenig Veränderung. Mia ist eine von vielen in underclass Britain, die heranwachsen in einer zerrütteten Familie, eine der unzähligen Jugendlichen ohne Zukunft, mit Eltern, die sich die Leere nicht schönträumen, sondern -trinken. So what?

 

Wie ein Schlag

Fish Tank enthält sich bewusst politischer Statements, hier illustriert keine akademisch gebildete Regisseurin die soziale Schieflage am Rande der postindustriellen Gesellschaft, dort, wo die Wege entweder zum Baumarkt, Sexshop oder ins Getränkeabhollager führen. Fish Tank zeigt keine Kids, die dealen, klauen, das Butterfly zücken, es verweigert sich den vorgefertigten Klischees. Der in Cannes 2009 mit dem Preis der Jury ausgezeichnete Film entwickelt konsequent und aus ausnahmslos weiblicher Perspektive die Geschichte einer jungen Frau: Es ist Mias Welt, es ist ihr Leben: ehrlich, kompromisslos und authentisch: Zuhause im Wohnblock begegnen ihr die trinkende, sich schroff abwendende Mutter Joanne (Kierston Wareing), die rotzfreche kleine Schwester Tyler (Rebecca Griffith), der strubbelige Köter, der Mias Beine umwuselt. Und das erlösende Gefühl, wenn Mia für Momente die Augen schließt, nur dem Hip-Hop in ihrem Zimmer lauscht und allein für sich tanzt. Ihre Bewegungen sind ungelenk, etwas zappelig, sie setzt Schritt für Schritt, sie probiert immer wieder neu. Es ist nicht perfekt, aber es fühlt sich „richtig“ an.

 

Auch Andrea Arnold entwickelte ihr Drehbuch Schritt für Schritt. „Die Zukunft nicht zu kennen hieß, dass jeder Augenblick nur als das zu nehmen war, was er ist – und nichts sonst. Ein bisschen wie das Leben, schätze ich. Wir wissen nie, was uns in der nächsten Stunde zustoßen wird, oder am nächsten Tag“, sagt die einstige Moderatorin von Kindersendungen und Oscar-Preisträgerin (für den Kurzfilm Wasp, 2003). So trifft es Mia wie ein Schlag. An einem heißem Sommertag steht ein Mann (Michael Fassbender) in der Küche: Es ist Connor, der neue Freund ihrer Mutter, mit nackten Oberkörper und kurzen „Hallo“ greift er nach dem Bier, wirft die Kühlschranktür zu. Mias und Connors Blicke treffen sich für gefühlte zehn Minuten, die Kamera verharrt in der knisternden Spannung zwischen dem sich locker gebenden Connor und der verunsicherten Minderjährigen. Sie beobachtet heimlich den Mann, der mit ihrer Mutter schläft, sie und Tyler sonntags einlädt zum Ausflug an den See. Sie folgt ihm zögerlich ins kniehohe Wasser, rutscht aus im Glitsch, greift nach seinen ausgestreckten starken Armen.

 

"Wow!"

Wer ist dieser Connor? Ein Vater, der die zerbröselnde Restfamilie zusammenführt? Ein Freund und Vertrauter, der Katie ernst nimmt und ermuntert, ihre Talente auszuprobieren, der ihr sogar eine Videokamera leiht? Ein äußerst attraktiver Mann, sexy, viril, der Mias sexuelle Sehnsucht weckt? Erwachsen werden ist die Hölle, die widersprüchliche, chaotische Gefühlsachterbahn der 15-Jährigen schaukelt hoch, schlägt Salti und klatscht auf den Boden. Andrea Arnold liefert keine Studio-Ware à la Miss Bravo oder Young Miss, sondern realitätsnüchterne Echtheit und authentische, lebensnahe Figuren. Als Mia wurde nach langem Suchen die damals (2008) 17-jährige Katie Jarvis, ohne jegliche Bühnen- oder Tanzerfahrung, besetzt. Sie habe sie zufällig auf dem Bahnsteig von Tilbury entdeckt, berichtet Arnold, als Katie heftig gestikulierend mit ihrem Freund stritt. Der Profi Michael Fassbender, zuletzt in Inglorious Basterds zu sehen, stieß zum Team, ohne das Drehbuch zu kennen. „Wir haben“, so Arnold, „nicht geprobt oder viel über etwas geredet, wir haben einfach an jedem Tag, wie er kam, gearbeitet.“ Frisches Storytelling und eine gewisse Hemdsärmeligkeit als Erfolgsprinzip?

 

Die Reaktionen auf Fish Tank scheinen ihr recht zu geben. Die britische Fachpresse überschlug sich vor Lob, es hagelte Preise, non-actor Katie Jarvis, die scheu-schöne Entdeckung von Tilbury Town Station, wurde zur „Prinzessin von Cannes“ gekürt. Das anerkennende „Wow!“ gilt einem schnörkellos erzählten Film mit überraschenden Wendungen, der sein Spannungsniveau bis zum Schluss hält, es gilt der Stimmigkeit seiner Figuren, die sich mehr oder weniger in Grauzonen der Ambivalenz bewegen, und der patzigen Trotzigkeit seiner Hauptdarstellerin. Sie habe sie eigentlich abtreiben wollen, gesteht Joanne ihrer Mia im Streit. In einer der letzten Szenen tanzen sie zusammen, nach Life’s a Bitch, das Leben ist zum Heulen, da braucht es Härte und Zärtlichkeit, gemäß der fetzenden Message „Lebe, liebe und lass dir nichts gefallen“. Vergiss die saufende Mutter, scheiß auf die Connors dieser Welt. Eine klare Ansage. Ein energischer Headbutt, ein paar Tränen – eine wunderbare Performance, a real good film.


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