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Ponyo - Das große Abenteuer am Meer

16.09.2010

Die Magie des Hayao Miyazaki

Ein magisch begabtes Goldfischmädchen träumt von der Welt und entflieht dem Unterwasserschloss seines Vaters. Mit dem fünfjährigen Sosuke erlebt es das „große Abenteuer am Meer“ – erzählt vom japanischen Zeichentrickmeister Hayao Miyazaki in seinem neuesten Anime Ponyo. Von MONIKA THEES

 

In den unermesslichen Tiefen des Ozeans ankert das Submarine des Zauberers Fujimoto. Einst ein Mensch, hat der Bewahrer des Meeres sich zurückgezogen in sein Unterwasserschloss, hier im schimmernden Smaragd der Tiefsee hegt er die marinen Kreaturen, die vielgestaltigen Lebewesen des nassen Elements. Streng wacht er über seine Töchter, winzige Fischgeschöpfe, die Mini-Goldfischen gleich im Schutz der Korallen spielen und ihre behütete kleine Welt erkunden. Doch Brunhilde, eine der Töchter, möchte mehr erfahren. Sie will die Welt kennenlernen, außerhalb des Schlosses und Reiches Fujimotos; oberhalb der auf und ab hüpfenden Wellen ahnt sie zuvor nie Gesehenes, das große, aufregende Abenteuer der Weite und Ferne.

 

Mithilfe ihrer Geschwister und einer Qualle gelingt dem Goldfischmädchen der Ausbruch. Voller Entdeckerlust durchschwimmt Brunhilde die bewegten Fluten. Ein riesiges Grundschleppnetz pflügt über den Meeresboden, zieht mit sich Fische, Pflanzen und achtlos von Menschen ins Wasser geworfenen Müll. Fujimotos aufmüpfige Tochter sucht Schutz in einem Marmeladenglas, bleibt stecken und wird an Land gespült. Hier findet sie der fünfjährige Sosuke, als er am Fuße der Klippe sein Spielzeugboot ins Wasser setzt. Er rettet Brunhilde aus dem todbringenden Glas, gibt ihr den Namen „Ponyo“ und nimmt sie in einem Eimer Wasser mit in den Kindergarten. Doch Ponyos Flucht bleibt nicht unbemerkt. Fujimoto schickt mächtige Wellen aus, um seine Tochter zurückzuholen. 

 

Die Kraft der Naturgewalten

Hayao Miyazaki, der vielfach ausgezeichnete japanische Zeichentrickmeister und Oscarpreisträger (2003 für „Chihiros Reise ins Zauberland“ in der Kategorie bester Animationsfilm), wendet sich mit seinem neuen Anime wieder, aber nicht nur den Kindern zu. Angelehnt an Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ und inspiriert von alten Legenden seiner Heimat entwickelte der Drehbuchautor, Zeichner und Regisseur zusammen mit den Kreativen des 1985 gegründeten Studio Ghibli ein zauberhaft magisches Zeichentrickfilm-Abenteuer um Freundschaft, Familie und die Kraft der Naturgewalten. Vier Jahre nach seinem letzten Film (Das wandelnde Schloss, 2004) startete Ponyo in Japan. Ab dem 16. September 2010 ist „das große Abenteuer am Meer“ in deutscher Synchronisation auch in Deutschland zu sehen.

 

Ponyo verzichtet, und das hebt diesen Film von vergleichbaren Produktionen merklich ab, auf jegliche Computeranimation. Alle bewegten Filmgraphiken, die sogenannten Cel(luloid)s, wurden per Hand gezeichnet und in zarten Aquarellfarben (Farbdesign: Michiyo Yasuda) koloriert. Die fantasievoll-mythische Welt des Ozeans ersteht in bewegt leuchtender Lebendigkeit: Vergnügt tummeln sich die Fischlebewesen, hüpfen und tanzen voller Übermut. Leicht umspielen die Wellen die Klippe, auf der hoch oben Sosukes Haus steht. In lang geschwungenen Serpentinen schlängelt sich die Straße zum Ort (das Fischerdorf Tomonoura im Setonaikai National Park stand Pate für die Szenerie) mit Kindergarten und Altersheim. Hier arbeitet Lisa, die Mutter des Jungen, hier stricken und plaudern die älteren Frauen, neben ihren Rollstühlen spielen Ponyo und ihr kleiner Menschenfreund.

 

Ihre erste Begegnung ist nur kurz, denn Fujimotos Wellen bringen die Tochter des Zauberers zurück ins Unterwasserschloss. Aber Ponyo wünscht sich Arme und Beine, sie möchte sprechen, herumalbern und wie Sosuke ins leckere Schinkenbrot beißen. Mit trotzigem Aufbegehren und durch ihre magische Kraft gelingt ihr die Verwandlung und Flucht. Doch aus Unachtsamkeit verschüttet sie zu viel des Zauberelixiers, die Ordnung der Elemente gerät durcheinander. In Aufruhr sind der Ozean und seine Kreaturen, kleine Fische verwandeln sich in gefährliche Urzeitlebewesen (Bothriolepsis und Dipnorhynchus) mit spitzen Zähnen und Stachelleib. Heftige Stürme brausen über die Menschenwelt, der Meeresspiegel steigt, Starkregen prasselt auf die Klippen, setzt Land und Häuser meterhoch unter Flut. Die entfesselte Kraft der Natur tobt, wütet, wird lebensbedrohend für die Bewohner des Dorfes, für Lisa, Sosuke und seinen Vater weit draußen auf einem Schiff in hoher See.

 

Die Allmacht der gütigen Mutter

Wer Hayao Miyazakis Arbeiten (darunter Prinzessin Mononoke, 1997, und Nausicäa aus dem Tal der Winde, 1984, ARTE widmete ihm im Frühjahr 2010 eine beachtenswerte Retrospektive) kennt und schätzt, weiß, wie wichtig dem 1941 in Tokio geborenen Ausnahmetalent, übrigens mit einem Hochschulabschluss in Politik- und Wirtschaftswissenschaften, die Bewahrung von Natur und Umwelt ist. Nicht aufdringlich, sondern eingebunden in die berührende Geschichte einer ersten Freundschaft wird erlebbar, welche Gefahr droht, wenn das austarierte Gleichgewicht der Kräfte die Balance verliert. Ponyo hat entgegen des väterlichen Gebots gehandelt, zusammen mit Sosuke bangt sie nun im Haus auf den Klippen um dessen Familie und die Menschen im Dorf. Nur gemeinsam können die Kinder die Katastrophe abwenden, durch mutige Bewährung, Ponyos uneigennützigen Einsatz der magischen Kraft und dank der Hilfe ihrer Mutter, der schönen, allmächtigen und gütigen Granmammare ...

 

Gedreht in rasanter Szenenfolge und musikalisch unterlegt mit Kompositionen von Joe Hisaishi (Lieder: Fujioka Fujimaki) entfaltet Ponyo eine geheimnisvoll schillernde Zeichentrick-Welt, die Kinder wie auch Erwachsene zutiefst berührt. Elemente des Märchens, der Magie und Alchemie durchdringen das „große Abenteuer am Meer“, liebevoll und bis ins Detail akribisch gezeichnet (so die Schinkenbrote und die in Japan äußerst populären Ramen Noodles) ist die Alltags- und Erfahrungswelt Sosukes, die durch seine kleine Freundin eine schwere Erschütterung erfährt. Nur ihr entschlossenes Handeln rettet das Dorf vor der Tsunami-Katastrophe, kindliche Einsicht führt ihre Eltern aus der Über- und Unterwasserwelt zusammen und entlässt (nicht nur) den kleinen Kinobesucher in der Gewissheit der heilenden Kraft von Freundschaft und Familie.

 

Ponyo stimmt versöhnlich. „Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, Liebe und Verantwortung, das Meer und das Leben – um all diese fundamentalen Dinge geht es in Ponyo, bemerkte Hayao Miyazaki und fügte hinzu: „Dieser Film ist meine Antwort auf das Leid und die Ungewissheit in unserer Zeit.“ Wie überlegt und künstlerisch überzeugend diese Antwort ausfällt, beweisen nicht nur sein Gespür für kindliche Gefühlslagen, sondern der ästhetische sowie dramaturgische Anspruch dieses Anime. Er erzählt eine wunderbare Geschichte über die „Suche nach Menschlichkeit“ und setzt diese um in eine zauberhafte Bild- und Zeichensprache (einschließlich vielfältiger, dezent unaufdringlicher Bezüge zur Kulturgeschichte). Ponyo atmet Charme, dieser Film lebt die Magie eines der ganz Großen seines Genres.


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