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Mittwoch, 22. Mai 2013 | 15:00

Comic-Salon-Rundgang

10.06.2010

Im kleinen Reich der Comic-Fans

Trotz Sparzwängen hat sich der Internationale Comic-Salon in Erlangen behauptet und seine Besucherzahlen gehalten. ANDREAS ALT sammelte vier Tage lang Eindrücke beim größten deutschen Comicfestival, das die Branche regelmäßig größer erscheinen lässt als sie, jedenfalls in Deutschland, ist.

 

Die deutsche Comicszene ist ein Königreich Lilliput, eine kleine Nische im Literaturbetrieb mit vielen kleinen Verlagen, die mit ebenso kleinen Auflagen operieren. Beim Internationalen Comic-Salon wandte sich Martin Jurgeit, ein Fürst in Lilliput, bei einer Podiumsdiskussion über deutsche Zeitungscomics an den FAZ-Feuilletonredakteur Andreas Platthaus, inzwischen verantwortlich für die Wochenendbeilage Bilder und Zeiten, um ihm ein etwas verunglücktes Kompliment zu machen: In dieser Zeitung würden Comics in Berichten und Rezensionen geradezu überproportional berücksichtigt. Da neigte sich Platthaus wie Gulliver gleichsam zu ihm herab und antwortete: „Der Comic ist eben ein interessantes Phänomen, das man auch einem großen Publikum nahebringen muss.“

 

Das ist, was den Comic Salon so faszinierend macht: Über das Comic-Verlegen und den Comic-Handel hinaus vermittelt er die Fan-Begeisterung fürs Medium, die sich ganz direkt mitteilt und die Atmosphäre des Festivals prägt. Bei einer Diskussion übers Schreiben für den Comic machte das Autor Rochus Hahn mit folgenden Worten deutlich: „Wenn man für den Comic schreibt, hungert man. Wenn man für den Film und fürs Fernsehen schreibt, hat man gut zu essen – und Magengeschwüre.“ Er sei nur auf vier oder fünf Filme stolz, an denen er mitgewirkt habe. Aber bei seinen Comicprojekten sei er noch nie enttäuscht worden.

 

,,Und die Zeichner zeichnen auch alle!"

Beim alle zwei Jahre stattfindenden Comic-Salon wirkt die Branche regelmäßig deutlich größer, als sie ist. Die 31-jährige Zeichnerin Paula Partzsch, Meisterschülerin für Illustration in Leipzig, die den Salon zum ersten Mal besuchte und am Stand der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig mitwirkte, fand das Festival „erstaunlich vielfältig und groß“. Sie war beeindruckt von den Ausstellungen mit den vielen Originalseiten und der Anwesenheit zahlreicher Comic-Künstler – „und die zeichnen auch alle!“ Aufgefallen waren ihr auch die meist langen Schlangen von Signaturenjägern an den Verlagsständen. „Illustratoren haben nicht eine so große Fangemeinde.“ Allerdings merkte sie auch an, dass erstaunlich viele Comicfans „Männer über 40“ seien.

 

Erfahrene Salon-Besucher bemerkten, dass die Ausstellungen längst nicht so opulent ausfielen wie in den vergangenen Jahren. Diesmal wurde – wegen eines von 450 000 auf 400 000 Euro gekürzten Etats – nur wenig durch Bauten und Kulissen inszeniert. Die Ausstellungen im Kongresssaal waren durch angedeutete Räume gegliedert, und in manchen liefen Fernseher. In den abgespielten Videos äußerten sich Künstler zu ihren Arbeiten – mehr war nicht drin. Die optische Überwältigung fehlte, aber die ausgestellten Comicseiten rückten dadurch wieder in den Vordergrund. Man sah sich Werke von Jijé, Milo Manara, Charles M. Schulz oder Jens Harder vielleicht eingehender an, als man das sonst getan hätte.

 

Anvisierte Besucherzahl überschritten

Als Ersatz für die Staffage wurden in diesem Jahr verstärkt Führungen angeboten. Und weil die Besucher sonst wenig Möglichkeiten hatten, sich die Ausstellungen zu erschließen, wurden sie, zumindest in Einzelfällen, rege genutzt. Im Fall der Schau Faszination Western über die großen frankobelgischen Serien wie Jerry Spring, Leutnant Blueberry, Comanche und deren Nachfolger war der Publikumsandrang so groß, dass Kurator Klaus Schikowski entschied, die Gruppe zu teilen und seine Führung zwei Stunden später zu wiederholen. In früheren Jahren hatte es nach seiner Erfahrung weitaus weniger Interessenten gegeben.

 

Der Beobachtung der Leipziger Illustratorin bezüglich der „Männer über 40“ hätten die Veranstalter übrigens wohl energisch widersprochen. Dass die Fans aus der klassischen Heftchen-Zeit, den sechziger und siebziger Jahren, kräftig vertreten waren, ließ sich zwar nicht von der Hand weisen. Trotzdem betonte die Festivalleitung, dass es gelungen sei, sehr unterschiedliche Gruppen anzusprechen: junge Manga-Fans, Literatur- und Kunstinteressierte sowie zunehmend Frauen, Jugendliche und Kinder. Insgesamt sei die anvisierte Besucherzahl von 25 000 überschritten worden. Das war sicher auch eine Botschaft an die Adresse der Stadt Erlangen,selbst wenn Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der traditionellen Verleihung der Max-und-Moritz-Preise am Freitagabend ausdrücklich versicherte, der Comic Salon werde nicht in Frage gestellt.

 

Der Salon hatte sich diesmal nicht so im Stadtbild breit gemacht wie in den Jahren davor, als es etwa einen mit Comic-Motiven bemalten langen Bauzaun oder überdimensionale Schlumpf-Figuren in der Innenstadt gab. Trotzdem scheint das Festival in den Köpfen vieler Erlanger Bürger verankert zu sein. So wurde der Reporter in einer Bäckerei von einer Verkäuferin auf den Salon-Ausweis um seinen Hals angesprochen. Sie erkundigte sich nach den Öffnungszeiten, weil sie die Veranstaltung mit ihrem kleinen Sohn besuchen wollte, wusste aber offenkundig nur vage, was sie in der Kongresshalle erwartete.

 

Verdruss mit dem Stickeralbum

Ein weiterer Hinweis war den Veranstaltern wichtig: Die deutsche Comicszene habe an Selbstbewusstsein gewonnen, denn das Publikum sei gekommen, obwohl diesmal nur wenige internationale Stars vertreten gewesen seien. Freilich zerfällt die Menge der Fans ohnehin in viele Anhängergruppen ganz unterschiedlicher Zeichner und Autoren. Die Signaturensammler sind darüber hinaus meist nicht so wählerisch, wen sie in die mitgebrachten Mappen und Comicbände zeichnen lassen. Vielmehr gingen Verlage und Händler, aber auch Fans einen deutlichen Schritt in Richtung Kommerzialisierung. Ablesbar war das an dem Stickeralbum, das in diesem Jahr zum zweiten Mal dazu einlud, von Stand zu Stand zu gehen, um die nötigen Aufkleber einzusammeln. Album und Sticker waren jeweils kostenlos.

 

2008 war diese Aktion im Wesentlichen eine harmlose Schnitzeljagd durch die Hallen gewesen, und jeder, der sich ein bisschen anstrengte, konnte sein Album an den Messetagen füllen. Diesmal gab es Enttäuschung und Verdruss. Die Sammler griffen dort, wo auf die Aufkleber nicht so genau aufgepasst wurde, gleich stapelweise zu, und wenig später wurden bereits die ersten Sticker gegen Geld im Internet angeboten. Umgekehrt gab es Aussteller, die aus ähnlichen Gründen Aufkleber zurückhielten und mit ihnen entweder nur bei hartnäckigem Nachfragen oder auch überhaupt nicht herausrückten. Gleichzeitig waren auch hier und da Klagen zu hören, die Sammler kämen nur zum Stand, um Sticker abzugreifen, und würdigten das dortige Comic-Angebot keines Blickes. Es gab auch Überlegungen, Aufkleber nur bei Einkäufen abzugeben.

 

Business und Leidenschaft

Als Marketinginstrument waren die Sticker allerdings ebenso wenig gedacht wie als lukrative Sammlerstücke. Sollte die Aktion 2012 wiederholt werden, dann muss an den Regeln gefeilt werden. Man mag dazu stehen, wie man will. Aber der Comic-Salon leidet, wenn nicht die Freude an Comics und Artverwandtem, sondern das Geschäft im Vordergrund steht. Der Wirbel um die Sticker ist ansonsten ein weiterer Hinweis darauf, dass man sich beim Comic-Salon in einem Lilliput bewegt. Manchmal ist die Großherzigkeit, mit der die Menschen hier zusammen kommen und ihre Leidenschaft für Comics teilen, nur eine Fassade, die mühsam verdeckt, dass diejenigen, die von Comics leben, Mühe haben mögen, sich über Wasser zu halten.

 

Howard Chaykin, ein amerikanischer Comiczeichner, der sich konsequent als Profi in einem Business darstellte, sagte, europäische Comicfestivals seien anders als die in USA. Er hatte offenbar die Tendenz zur Kommerzialisierung in Erlangen nicht so wahrgenommen – oder betrachtet sie aus ganz anderer Perspektive. Später erklärte Chaykin, er liebe zwar die Comics, die er als Zwölfjähriger gelesen habe, noch immer. Aber das sei für ihn ein anderes Leben – lesen könne er die mittlerweile nicht mehr. Das war auch ein Gulliver-Blick aufs Comic-Lilliput.

 

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