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Donnerstag, 23. Oktober 2014 | 00:19

La isla

17.06.2010

Gegen das Vergessen!

Der deutsche Dokumentarfilmer Uli Stelzner schildert in „La isla“ die jüngere Gewaltgeschichte Guatemalas. Anhand der erst kürzlich entdeckten Geheimarchive der Policia National zeichnet er die Tragödie eines Landes nach und porträtiert eine junge Generation, die sich den Schrecken der Vergangenheit stellt. Von MONIKA THEES

 

Eine Tür öffnet sich, einen Spalt breit nur, im hereinfallenden Licht werden Menschen sichtbar, ermordete, verschwundene. Auf Passfotos sieht man ihr Gesicht, bürokratisch knappe Eintragungen verzeichnen ihre Ergreifung, die anschließenden Verhöre, Torturen, ihren Tod. Wer hier in die Betonverliese der „Insel“, die geheimen Folterkammern der Politischen Polizei, geriet, fand nicht mehr lebend hinaus. Viele wurden, geschunden, verstümmelt, grausam entstellt, bei Dunkelheit als X, unbekannt, auf den Friedhöfen der Stadt verscharrt, andere, bis zur Unkenntlichkeit Gemarterte, abgeworfen über dem offenen Meer oder über Vulkankratern.

 

Sonderkommandos und paramilitärische  Einheiten der Polizei haben in Guatemala während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hunderttausende Menschen verschleppt und ermordet. Von 45.000 Opfern fehlte jegliche Spur, sie waren die „Verschwundenen“. Die Gesellschaft schwieg, kein Verbrechen wurde gesühnt, kein Täter überführt. Aus Mangel an Beweisen, so hieß es offiziell. Es gebe keine Unterlagen, lautet die Auskunft zuständiger Regierungsstellen. Bislang.

 

,,The hour of truth has come ..."

Sechs Menschen, in hellen Overalls, mit Mundschutz und Handschuhen, hochkonzentrierten Chirurgen gleich, sitzen um einen Tisch. Auf ihm stapeln sich Akten, Dokumente, zerfledderte, an den Rändern verbrannte, die Papiere sind vergilbt, mit Staub und Bauschutt bedeckt. In dem fensterlosen Raum, durch kahle Betonwände begrenzt, beugen sich sechs Mitarbeiter der internationalen „Wahrheitskommission“ über Karteikarten, Protokolle. Sie säubern, sichten und ordnen. Eine Hand wendet ein Dokument, hält es in die Kamera. Ihr Auge tastet über die Eintragungen, zeichnet sie auf. Nur ein Zufall, eine gewaltige Explosion auf dem Gelände der heutigen Polizeischule von Guatemala-Stadt 2005, sprengte den Kreis des Schweigens. In das geheime Innere, durch die Mauern zu „La isla“, drang Licht. 80 Millionen Dokumente wurden gefunden, mit Stempeln, Namen, akribisch notierten Daten.

 

Der Filmemacher Uli Stelzner hat großen Mut bewiesen. Als erster Deutscher, mit guten Kenntnissen des Landes und der Sprache, durfte er in „La isla“ drehen. Es gab strikte Auflagen, Bombendrohungen, Versuche der Einschüchterung. Die politische Lage in Guatemala, unter der knappen Mehrheit von Álvaro Colom Caballeros, ist fragil. Militär, Grundbesitzer und Unternehmer scharen sich um die Partido Patriota unter Führung des Konservativen Otto Pérez Molina. Noch immer ist der Einfluss gesellschaftlicher Gruppen außerhalb der parlamentarischen Parteien stark. Erst 1996 wurde der Jahrzehnte währende Bürgerkrieg formell beendet. Er kostete 200.000 Menschen das Leben, die brutale Niederschlagung der Oppositionsbewegung und die Massaker an der indigenen Landbevölkerung rissen eine Wunde. Viele Täter gehören nach wie vor zum Establishment, ungescholten und einflussreich. Angehörige, die Söhne und Töchter der Ermordeten fragen, fordern Gewissheit, ein Ende des Schweigens. Seit einem Jahr ist das Archiv der „Insel“ der Öffentlichkeit zugänglich. Rund die Hälfte der Akten ist bereits digitalisiert.

 

,,... and the past is not forgotten."

Draußen marschieren im Gleichschritt die blau uniformierten Rekruten der PNC (der heutigen Policia National Civil). Unter dem bläulich dämmerigen Licht im Inneren des Betongebäudes berichten Hinterbliebene vom Schicksal ihrer Anverwandten, ihrer Väter, Mütter und Geschwister. Sie sprechen ruhig, stockend, als lernten sie erst mühsam, die Sprache zu finden für unsägliche Verbrechen, für ihren Schmerz, die Trauer, Tränen.

 

Die Kamera stellt nicht bloß, sie begleitet, unterlegt das Gesagte mit Filmaufnahmen aus Wochenschauen, mit historischem Archivmaterial: die Pick-ups der Todesschwadronen, die Schüsse, Straßenkämpfe. Ein zum Äußersten entschlossener General Efrain Ríos Montt (1982/83) verkündet kaltschnäuzig, der politische Gegner werde „executed, not assassinated“. Eine Großgrundbesitzerin berichtet in einem Brief von ihrem Besuch in den USA, kündigt genaue topografische Angaben über die Lage „aufständischer Siedlungen“ an. Die guatemaltekische Militärjunta, unterstützt von Spezialisten des CIA, aus Chile, Argentinien, Paraguay, verfolgte eine „Politik der verbrannten Erde“. Ganze Landstriche wurden bombardiert, Frauen, Kinder, Unschuldige ermordet. Achtzig Prozent der Opfer waren Angehörige der Maya-Völker Guatemalas.

 

Uli Stelzner setzt nicht auf vordergründige Effekte, er nutzt weder Schock noch visuellen Overkill, sondern erzählt ruhig und mit Bedacht. Kunstvoll, fast lyrisch und sensibel überträgt er in filmische Sprache, was jenseits aller plakativen Zurschaustellung zutiefst berührt. Leid, Trauer und die Kraft, die es braucht, das lange, politisch verordnete Schweigen zu brechen. Ein Cello spielender junger Mann hinter einem Betonpfeiler in „La isla“, eine „Rap“-Performance innerhalb der zerbombten Mauern der Polizeischule, der Blick durch ein vergittertes Fenster, dahinter die anbrechende Dämmerung eines Morgen. Dieser Film wertet nicht, er enthält sich des wohlfeilen Kommentars, verzichtet auf eiliges, vorschnelles Urteil. Der Zuschauer nimmt wahr und teil, die Kamera (Guillermo Escalon) führt ihn, zeigt: die spaltbreiten Einblicke, den Ausschnitt, der Verschüttetes, Verdrängtes sichtbar werden lässt, Spuren, Narben, sich langsam (vielleicht) schließende Wunden.

 

,,How many devastated souls ..."

Die Vergangenheit braucht Zeit, unter Schmerzen schält sich ihr Schemen, das Unfassbare tritt aus dem Dunkel, gewinnt Kontur. Lange Einstellungen in der gegenwärtigen „Insel“ mit Bilder in dezent monochromer Farbgebung werden durchbrochen vom militärisch-brachialen Gedröhn der 1970/80er Jahre. Schreie, Kommandos, die brutal entstellte Fratze der Junta kontrastiert mit dem stummen Antlitz eines Gefolterten, eines Menschen, vieler Menschen. Stelzners „La isla“ widersetzt sich dem Schwall der Worte, der Parolen und bezieht Stellung: der gesenkte Blick, die mit Achtsamkeit gefalteten Dokumente, die Hand eines Archivars, die behutsam, bewahrend über Papier streift. Fernab aller gängigen und reißerischen Doku-Formate erzielt dieser Film eine Intensität der Darstellung, die vordringt in die Tiefenschichten der Emotion. Er legt den Weg frei: zur Mühe der Trauerarbeit, zur möglichen Aufarbeitung einer Tragödie.

 

Im April 2010 wurde Uli Stelzners Film, nach vier Jahren Drehzeit unter Mitwirkung eines guatemaltekischen Teams, im 2 000 Menschen fassenden Nationaltheater in Guatemala-Stadt gezeigt. Die Uraufführung schlug Wogen, entfachte erwartungsgemäß eine landesweite Diskussion. Nicht nur: Beim Dokumentarfilm-Festival in München Anfang Mai erhielt der Film den Mimikri Media Förderpreis. „Dem Film gelingt etwas Seltenes, er wandelt Schmerz und Trauer in zeitlose Poesie“, so das Statement der Jury. Beim Silberdocs-Festival in Washington Ende Juni ist „La isla“ für zwei Preise nominiert: für den Witness Award für Dokumentationen über Menschenrechtsverletzungen und soziale Gerechtigkeit und für den Cinematic Vision Award für herausragendes und innovatives Storytelling.

 

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