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Samstag, 25. Mai 2013 | 14:35

Comictheorie: Text + Kritik und Reddition

08.04.2010

Grübel grübel und studier

Die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Text + Kritik leistet sich einen Sonderband Comics, Mangas, Graphic Novels und das Comic-Magazin Reddition untersucht in einer Doppelnummer zum 25-jährigen Bestehen die vielfältigen Beziehungen zwischen Comics und Literatur. Die Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von literarischem und „graphischem“ Erzählen ist dabei das Leitmotiv der meisten Aufsätze. Von ALEXANDER FRANK

 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die beiden Publikationen würden einen Vergleich ermöglichen zwischen dem, was Literaturwissenschaftler zustande bringen, wenn sie sich mit Comics beschäftigen, und Comic-Enthusiasten, wenn sie analytisches Besteck zur Hand nehmen. Tatsächlich unterscheiden sich aber die einzelnen Beiträge in jedem der Hefte in Qualität und Herangehensweise untereinander mehr als die beiden Zusammenstellungen als Ganze. Manche Autoren sind auch in beiden Heften vertreten, so die beiden hierzulande wohl prominentesten Comic-Publizisten Andreas Platthaus und Andreas C. Knigge, der bei Text + Kritik als Herausgeber mitverantwortlich ist.

 

Exemplarische Werkstudien

Text + Kritik, das viermal im Jahr erscheint, widmet normalerweise jeweils einem Autor einen Band. Der Sonderband bleibt diesem Prinzip insofern treu, als im Mittelpunkt der meisten Aufsätze das Werk eines Comic-Autors steht, wie z.B. Will Eisner, Hugo Pratt, Pierre Christin, Jacques Tardi, Alberto Breccia, Alan Moore oder David B. Oft ist die Perspektive dabei aber so gewählt, dass anhand dieses Autors ein bestimmtes Genre oder ein spezifisches Charakteristikum des Erzählens in Bildern exemplarisch beleuchtet wird. So führt Klaus Schikowski am Beispiel von Robert Crumb in die Entwicklung des autobiographischen Comics ein. Andreas Platthaus zeigt an den Donald-Duck-Geschichten von Carl Barks, welches Potential einfache zeichnerische Mittel entfalten können, wenn Zeichner und Leser zu Komplizen im Spiel der Zeichen werden.

 

Neben diesen gelungenen und über ihr engeres Thema hinaus interessanten Werkstudien sind die Überblicksartikel von Urs Hangartner („Comics und Literatur – Comic-Literatur“) und Jens R. Nielsen („Der Manga als grafische Erzählform“) eher enttäuschend, da sie sich vor allem auf inhaltliche Aspekte der erzählten Geschichten und weniger auf die spezifische Art des Erzählens in Bildern konzentrieren. Dagegen bietet Andreas C. Knigge einen schönen sehr kurzen Abriss der Comic-Geschichte, der anschaulich erläutert, wie die unterschiedlichen Publikationsformen (Zeitungsstrip, Comic-Heft, Album, Buch) verschiedene Inhalte und Erzählweisen ermöglichen und bedingen.

 

Comics und Literatur

Die Zeitschrift Reddition erscheint halbjährlich und auch wenn sie ihren natürlichen Lebensraum eher im Comic-Laden und nicht – wie Text + Kritik – in der Uni-Bibliothek hat, ist sie in der inhaltlichen Qualität durchaus ebenbürtig. Außerdem ist sie durch das sehr schön gestaltete und bildreiche Magazin-Layout nicht nur optisch ansprechender, sondern bietet auch mehr Belege zu den behandelten Werken.

 

Dass das Thema „Comics und Literatur“ sehr vielschichtig und weitverzweigt ist, wird schon durch die ganz unterschiedlichen Zugangsweisen deutlich, die die Reddition-Autoren wählen. Der naheliegendste ist da noch, die Spuren eines Schriftstellers in diversen Comics zu verfolgen. Bernd Weckert hat sich mit Shakespeare den wohl fruchtbarsten Ideengeber ausgesucht und fördert eine schier nicht enden wollende Flut von Anspielungen, Zitaten und Parodien aus allen Comicgenres zu Tage. Immerhin zwei Artikel gehen aber den umgekehrten Weg und suchen nach den Spuren von Comics in der Literatur: Bernd Hinrichs in Romanen von Umberto Eco, Frederic Tuten und Michael Chabon; Clemens Heidenreich bei María Cecilia Barbetta und Thomas von Steinaecker.

 

In seiner Polemik Mehr als Graphische Romane: Comics! wendet sich Ole Frahm gegen einen verengten Blick auf Comics, der diese nur durch die Lesebrille sieht und für alles blind ist, was er nicht aus der Literatur wiedererkennt. Das ist einerseits natürlich völlig richtig, liegt aber für jeden Comic-Leser (und -seher) andererseits auf der Hand. Origineller ist da der recht gewitzte Ansatz von Hannes Grote, der bestimmte „literarische Techniken“ in Comics wiedererkennen will, wie zum Beispiel das in der Lyrik sehr wichtige Prinzip von Wiederholung und Variation. Neben solchen grundlegenden Reflexionen zur Ästhetik von Comics bietet das Magazin aber auch viele Möglichkeiten, auf interessante Autoren und Werke aufmerksam zu werden, etwa in der kenntnisreichen Übersicht Reportage und Comic von Stefan Semel.

 

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