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Simon Schwartz: Drüben!

10.06.2010

Geschichtsdrama als Familiengeschichte

Wie man mit einer Kreuzung von Familiengeschichte und deutsch-deutscher Vergangenheitsbewältigung ein durch und durch gelungenes Debüt abliefert, bekommt man mit Drüben! eindrucksvoll aufgezeigt. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Der in Erfurt geborene und nach dem „Rübermachen“ seiner Eltern im Jahre 1984 in Westberlin aufgewachsene Simon Schwartz hat mit Drüben!, seiner Diplomarbeit für die HAW Hamburg, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er konnte nicht nur sein Studium der Illustration erfolgreich abschließen, sondern auch die deutsche Comiclandschaft mit einem zurecht gefeierten Debüt bereichern.

 

Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit liefert Schwartz - Mitglied der Illustratorengruppe „Die Krickelkrakels“ und Mitherausgeber der Comicanthologie Aua! Aua! Heiß! Heiß! - mit Drüben! ein zweckdienliches Dokument dafür ab, wie man mit der comicspezifischen Einheit von Graphik und Text tiefgründige, packende Geschichten zu erzählen vermag, ohne dabei eines der beiden Mittel, die das Sujet transportieren, zu vernachlässigen. Schließlich tragen in seinem Debüt als Comicautor Wort und Bild zu gleichen Anteilen dazu bei, den Plot auf eindringliche, aber niemals reißerische oder verurteilende Weise wiederzugeben.

 

Allein auf weiter Flur

Drüben! erzählt in Rückblenden, was die Eltern des Autors dazu veranlasst hat, gegen das repressive System der DDR soweit aufzubegehren, dass es zu einem kompletten Bruch mit dem Regime kommt – der gleichzeitig einen Bruch mit der eigenen Herkunft bedeutet. Als die Eltern sich schließlich dazu entschließen, einen Ausreiseantrag zu stellen, wird diesem erst Jahre später, nach der Geburt ihres Sohnes und einer Zeit von bedrückender Isolation, in der sie als Dissidenten ständig der staatlichen Willkür ausgeliefert sind, stattgegeben. Sie schaffen es also letztendlich nach Drüben! – das Ausrufezeichen macht die Erleichterung deutlich. Der Nachhall dieser konfliktreichen Zeit ist allerdings bis heute spürbar.

 

In dieser Geschichte, die der Autor entweder rückblickend aus seiner Sicht als kleiner Junge erzählt, oder die er durch gründliche Befragung seiner Eltern und Großeltern rekonstruieren konnte, wird niemals der Zeigefinger erhoben. Systemkritik zu üben ist offenkundig nicht die vorrangige Absicht von Schwartz. Es scheint ihm vielmehr darum zu gehen, das gesellschaftliche Leben in der ehemaligen DDR darzustellen und aufzuzeigen, worin die Schwierigkeiten des einzelnen Subjekts lagen, das nicht mit dem SED-Regime konform ging.

 

Zwar wird man als Leser auch stark mit den staatlichen Repressionen konfrontiert, die die Eltern des Autors erdulden mussten, trotzdem nimmt der Erzählton nie eine mahnende oder gar anklagende Färbung an. Die Schilderungen bleiben durchgängig nüchtern, wodurch eine melancholische Grundstimmung entsteht, die sich durch den gesamten Comic zieht.

 

Zwischen Verteufelung und Ostalgie

Der lakonische, niemals laut werdende Grundtenor von Drüben! erinnert in Kombination mit den ausdrucksstarken, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen an Marjane Satrapis viel gerühmte Graphic Novel Persepolis – und braucht den Vergleich auch nicht zu scheuen. Die Erlebnisse aus dem Leben im Arbeiter- und Bauernstaat sind spannend und eindringlich geschildert, die durch Ächtung und Bespitzelung verursachte Beklemmung wird deutlich nachvollziehbar gemacht. Schwartz vermag es, eine intensive Nähe zum Geschehen entstehen zu lassen, der man sich als Leser kaum entziehen kann.

 

Ohne es plakativ zur Sprache zu bringen, spricht sich Schwartz mit seinem Comic gegen das Vergessen aus – allein die Coverzeichnung spricht Bände. Er übersieht jedoch auch nicht, das der ständig im Zorn zurückgerichtete Blick nur Verbitterung ernten wird. So ist es ganz egal, ob man den real existierenden Sozialismus vielleicht verteufelt oder eventuell in Ostalgie schwelgt: Drüben! ist eine schön erzählte Familiengeschichte, die gerade daraus, dass sie nicht vorgibt, mehr als eine solche sein zu wollen, ihre Stärken zieht.

 

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